Diesel halten oder verkaufen?

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Wird der Diesel zum Ladenhüter im Gebrauchtwarenmarkt?  Foto: 

Erst schien es, als würden die Manipulationen der Abgaswerte von VW dem Absatz von Dieselmotoren nicht schaden. Nach Bekanntwerden der Softwaremanipulationen im September 2015 blieben die Verkäufe ein Jahr lang stabil. Dann aber wurde aus dem VW-Skandal ein markenübergreifender Dieselskandal – mit der Konsequenz, dass die Nachfrage zurückgeht. „Das ist eine Folge des Ausnutzens löchriger Gesetze, das die ganze Branche betreibt“, sagt Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Wer sich gegen einen Diesel entscheide, entscheide sich für die Umwelt und blase nicht unnötig Ruß in die Luft. „Ein Oberklasseauto der Premiumhersteller kostet um die 70 000 €. Wer so viel Geld ausgibt, will doch nicht von seinem Nachbarn als Umweltsünder angesehen werden.“ Für das Geld gebe es saubere Lösungen, sagt Dudenhöffer.

Weniger Neuzulassungen

Noch vor zwei Jahren war jedes zweite neu zugelassene Auto in Deutschland ein Diesel. Seit etwa einem Jahr brechen die Neuzulassungen ein. Dudenhöffer glaubt, dass der Diesel in Europa zum Nischenprodukt werde. Global hat er als Antrieb fürs Auto wenig Bedeutung; in Asien und Amerika kommt er kaum vor. „Weil die Absatzzahlen einbrechen, sinkt das Interesse der Hersteller, in diese Technologie zu investieren.“

Der Experte rät Dieselbesitzern aus der Stadt, darüber nachzudenken, ihr Auto abzustoßen. „Wer zuerst verkauft, hat weniger Verlust.“ Leute auf dem Land seien nicht so sehr in Zugzwang. Aber: „Wer sich heute ein neues Auto mit Dieselantrieb kauft, verliert viel Geld, wenn er ihn in einigen Jahren verkaufen will“, sagt Dudenhöffer. Das gelte unabhängig vom Wohnort.

Nicht nur bei den Neuwagen, sondern auch bei gebrauchten Dieseln sinkt das Interesse der Kundschaft. Etwa 15 000 Diesel weniger wurden im Juni 2017 im Vergleich zum Vorjahr umgeschrieben. „Für den Handel ist das eine extrem schwierige Situation, er trägt den Großteil des wirtschaftlichen Schadens“, sagt Jens Nietzschmann, Geschäftsführer der Deutschen Automobil Treuhand (DAT). Die DAT bezeichnet sich als Informationszentrale der Automobilwirtschaft.

„Seit Januar verliert der Diesel gegenüber dem Benziner deutlich an Wert, mit weiterhin sinkender Tendenz“, sagt Nietzschmann. Den Rückgang am Interesse für diese Motorenart begründet er mit der Verunsicherung der Endverbraucher. Nietzschmann rät davon ab, seinen Diesel jetzt wegen des Wertverfalls zu verkaufen. „Man fährt ein solches Auto ja nicht, um beim Handeln damit Geld zu machen, sondern um günstig zu fahren.“ Bei Vielfahrern ist die Kosten-Nutzen-Bilanz des Diesels gegenüber dem Benziner besser. „Den Kunden interessieren weniger die Werterhaltung als vielmehr die Betriebskosten“, sagt der DAT-Geschäftsführer. Daher ist es für ihn keine sinnvolle Strategie, seinen Diesel aus Angst vor weiterem Wertverfall zu verkaufen.

Die negative Diskussion hält er für „abträglich und ungerecht, denn diese Motorenart hat durchaus positive Seiten“. Nietzschmann geht davon aus, dass die Hersteller schon rein aus Selbsterhaltungstrieb alles Mögliche dafür tun werden, um das schlechte Image zu reparieren.

Der Verband der Automobilindustrie VDA vertritt die Interessen der Branche, allen voran Präsident Matthias Wissmann. „Meine Prognose lautet, dass der Diesel wegen der steigenden Kosten für die Abgasrückführung bei kleineren Autos wirtschaftlich eine begrenzte Perspektive hat.“ Sein Anteil hier sei allerdings schon heute gering. „Im mittleren und oberen Segment hingegen hat der Diesel wegen seiner Effizienz, mindestens in einer Übergangsphase, gute Zukunftsaussichten.“ Wissmann geht davon aus, dass sich die derzeit aufgewiegelte und sehr emotionale Lage wieder stabilisiert.

Neue Rabattangebote

Dazu könnten die Rabatte der Hersteller auf alte Diesel beitragen. VW hat angekündigt, Besitzern eines beliebigen Dieselfahrzeugs der Abgasnormen Euro 1 bis 4, die einen Euro 6-Neuwagen von VW oder Audi kaufen, einen Preisnachlass von bis zu 10 000 € zu gewähren. VW lässt die alten Autos verschrotten, um zu verhindern, dass die Verkaufspreise gebrauchter Diesel noch weiter abstürzen. Der Rabatt gilt bis zum Jahresende. Ähnliche, aber niedrigere Zuschüsse hatten zuvor bereits Ford, BMW und Toyota angekündigt. Bei Daimler soll die Umtauschprämie 2000 € betragen. Die Rabatte der Hersteller sind ein Versuch, den Absatz neuer Diesel anzukurbeln.

Gerd Lottsiepen ist verkehrspolitischer Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland. Für ihn hat der Diesel keine Zukunft. „Wer setzt sich schon auf ein totes Pferd?“ Diesel seien teurer in der Anschaffung und die Abgasreinigung werde die Differenz erhöhen. „Eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Alternative sind Hybridfahrzeuge.“

Im Juni dieses Jahres wurde ein drei Jahre alter Diesel mit einer Laufleistung von etwa 60 000 Kilometern durchschnittlich zu 55 Prozent des ehemaligen Listenpreises gehandelt. Zum Jahresbeginn war es noch 1 Prozent mehr. Bei einem 50 000 € teuren Auto beträgt der Abschlag immerhin 500 € in sechs Monaten. Experten gehen davon aus, dass die Preise für gebrauchte Diesel in Zukunft weiter sinken werden. pi

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