Die Geschichte vom Fall des Drogerie-Königs geht weiter

Seine Firma machte Milliarden-Umsätze und ging dann pleite. Jetzt droht Anton Schlecker ein Strafprozess, weil er laut Staatsanwaltschaft 20 Millionen Euro vor dem Zugriff der Gläubiger in Sicherheit gebracht hat. <i>Mit einem Kommentar von Helmut Schneider: Buhmann im Büßergewand.</i>

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Eines der seltenen Bilder von Anton Schlecker, aus dem Jahr 1999.  Foto: 

Hat Anton Schlecker, der einstige Drogeriemarkt-König, Vermögen vor dem Zugriff der Gläubiger in Sicherheit gebracht? Ja, das hat er. Denn an Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hat er vor drei Jahren rund 10 Mio. EUR als Vergleich bezahlt, um die zivilrechtlichen Ansprüche aus der Pleite zu bedienen.

Die strafrechtlichen Seite, um die es jetzt geht, wird deshalb kaum neue Vermögensschätze ans Tageslicht bringen, welche die Familie Schlecker versteckt hätte. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft listet in ihrer Anklageschrift insgesamt 36 Fälle von Vermögensverschiebungen auf, die sich laut Staatsanwalt Jan Holzner auf einen "zweistelligen Millionenbetrag" summierten.

Die beiden größten Posten hängen, wie vor drei Jahren schon bekannt, mit der damaligen Logistikfirma LDG zusammen. Sie gehörte faktisch Anton Schleckers beiden Kindern Meike und Lars und soll enorm überhöhte Rechnungen an die Muttergesellschaft ausgestellt haben. Weit geringer ins Gewicht fällt eine Reise in die Karibik für 60.000 EUR, die Schlecker seiner Tochter bezahlt hat. Oder die Renovierung der Wohnung seines Sohnes Lars, die 1 Mio. EUR gekostet habe.

Solche Geschenke innerhalb der Familie sind natürlich nicht verboten. Auch nicht, dass Anton Schlecker seinen vier Enkeln 800.000 EUR vermacht hat. Strafrechtlich relevant ist das aber, wenn ein unmittelbarer - und das heißt auch: zeitlicher - Zusammenhang mit der absehbaren Insolvenz nachgewiesen werden kann. Schlecker war 2011 noch in der "Forbes"-Liste der Superreichen mit knapp 3 Mrd. EUR Vermögen geschätzt worden. Dass davon ein gutes Jahr später nichts mehr vorhanden sein sollte, wie Tochter Meike in ihrem mittlerweile berühmten Statement vor der versammelten Presse betonte, haben ihr wenige abgenommen.

Auch nicht der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. Er hat seinerzeit mit 45 Mitarbeitern den Fall über Monate bearbeitet. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat auf die Ergebnisse dieser Expertise zurückgegriffen. Geiwitz hatte in einem Interview mit der SÜDWEST PRESSE aber auch die ungewöhnliche Kooperationsbereitschaft der Schleckers hervorgehoben: "Sie haben Dinge offengelegt, die sie rechtlich nicht hätten offenlegen müssen."

Auf Mitleid kann der ehemalige Milliardär, der wie kaum ein zweiter in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte für Aufstieg und Fall steht, nicht bauen. "Es ist endlich mal an der Zeit, dass er bestraft wird", sagt Frida Müller, die ehemalige Betriebsrätin in Ehingen. Man könne nicht so viele Menschen ungestraft ins Unglück stürzen. Die 66-Jährige hat zu vielen ehemaligen Schlecker-Mitarbeitern aus Ehingen und Umgebung Kontakt. Überraschend kommt die Anklage für Frida Müller nicht: "Man hat es ja lange vermutet. Es kann nicht sein, dass von heute auf morgen das gesamte Vermögen weg ist", sagt sie. Und falls die Schleckers verurteilt werden sollten? "Uns hilft es nicht viel, aber eine Genugtuung wäre es schon", sagt sie.

Bernhard Franke, Handelsexperte bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Baden-Württemberg, hat die Schlecker-Pleite aus nächster Nähe begleitet. Franke ist kein Scharfmacher, sondern ein sachlicher, ruhig argumentierender Mann. Er will sich nicht an Spekulationen darüber beteiligen, ob es zu einem Verfahren gegen Anton Schlecker kommt und wie das ausgehen könnte oder sollte. Aber freuen tut ihn die Anklage schon. Denn dies bedeute, "dass ein Skandal dieser Größe auch aufgearbeitet wird". Für ihn wäre darüber hinaus auch der Gesetzgeber insofern gefordert, dass er die Rechtsform des "eingetragenen Kaufmanns" zumindest für Unternehmen der damaligen Größe Schleckers nicht mehr zulassen sollte.

Warum Anton Schlecker diese Rechtsform gewählt und beibehalten hatte, war eines jener Rätsel, das die Experten im Zusammenhang mit der Großpleite beschäftigte. Der Nachteil dieser Rechtsform besteht darin, dass der Eigentümer mit seinem Privatvermögen haftet. Auch Insolvenzverwalter Geiwitz konnte sich seinerzeit keinen Reim darauf machen, warum Anton Schlecker nicht mit einer einfachen Änderung der Rechtsform sein privates Vermögen gesichert hat.

Geiwitz hat sich bemüht, der Person ebenso wie dem Insolvenzfall gerecht zu werden. Er sagte: "Was in den Medien oft zu kurz kommt, ist, dass Anton Schlecker in den vergangenen Jahren mehrere hundert Mio. EUR Eigenkapital investiert und verloren hat, obwohl ihm Dritte rieten, dies nicht zu tun."

Jetzt entscheidet das Gericht, ob die Geschichte vom tiefen Fall des Drogeriemarkt-Königs Anton Schlecker noch um ein weiteres Kapitel ergänzt werden muss.

Fast 50.000 Mitarbeiter

Unternehmen Am 23. Januar 2012 hat die damals größte deutsche Drogeriemarktkette Schlecker Insolvenz angemeldet. Die Pleite in Zahlen: 25.000 Menschen kostete die Schlecker-Pleite den Job. Als das Unternehmen pleite ging, zahlte ein Hilfsfonds 73.000 Euro an Ex-Mitarbeiter. Die Gläubiger forderten insgesamt 1 Mrd. Euro von der Drogeriekette. Antons Schleckers Familie zahlte 10,1 Mio. Euro an die Insolvenzverwaltung. Der Metzgermeister hatte 1975 den ersten Schlecker-Drogeriemarkt aufgemacht. 50.000 Mitarbeiter hatte er zu Bestzeiten und 9000 Filialen. Schon zu guten Zeiten scheute Schlecker öffentliche Auftritte. Bekannte schildern ihn als umgänglichen Menschen, im Betrieb galt er als geiziger Geschäftsmann. Bekannt ist seine Liebe zu schnellen Autos. Seine Frau Christa war Schleckers rechte Hand über viele Jahre, sie galt als "resolut".

Chronologie

23. Januar 2012: Schlecker meldet Insolvenz an.

28. März 2012: Das Verfahren wird eröffnet. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hofft noch auf Rettung von Teilen der Drogeriekette.

27. Juni 2012: Es wird bekannt, dass Anton Schlecker sein Privathaus im Wert von 2 Mio. EUR vor der Insolvenz an seine Frau übertragen hat. Ein zweites Grundstück soll sein Sohn bekommen haben.

18. Juli 2012: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott ein.

19. Juli 2012: Die Schlecker-Gläubiger fordern mehr als 1 Mrd. EUR.

30. November 2012: Der österreichische Investor Rudolf Haberleitner will 2013 bis zu 600 ehemalige Schlecker-Filialen mit dem Konzept eines modernen Tante-Emma-Ladens wiederbeleben.

19. März 2013: Gut ein Jahr nach der Pleite zahlt die Familie Schlecker dem Insolvenzverwalter 10,1 Mio. EUR. Hintergrund ist der Streit um übertragenes Vermögen aus dem Unternehmen.

9. April 2013: Haberleitner will einstige Schlecker-Filialen unter dem Namen Dayli wiederbeleben und Testläden in Deutschland eröffnen.

4. Juli 2013: Noch vor dem geplanten Deutschland-Start ist der Schlecker-Nachfolger Dayli pleite.

13. April 2016: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart erhebt Anklage gegen Anton Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts.

Kommentar von Helmut Schneider: Buhmann im Büßergewand

Jetzt bekommen wir vielleicht wieder ein Kriminalstück, wie man es gerne hat: Der große böse König, der im Büßergewand vor Gericht kniet. Und dieses Mal könnte auch das Drehbuch verständlicher und aufregender sein als im Falle Porsche (Wiedeking) und Deutsche Bank (Fitschen). Wer kann schon mit Kursmanipulation am Aktienmarkt oder mit der Frage was anfangen, ob zwei banal klingende Sätze in einem Interview einen Medienkonzern zu Fall bringen können oder nicht.

Nein, bei Anton Schlecker, dem gefallenen Drogeriemarkt-König, weiß jeder gleich, was Sache und wer der Schuldige ist. Natürlich hat er arglistig und im großen Stil sein Geld beiseite geschafft - Volkes Urteil stand schon vor Jahren fest und sieht sich jetzt bestätigt.

Armer König?! Man muss ihn als Unternehmer nicht bemitleiden und als Mensch auch nicht bedauern. Aber man sollte Anton Schlecker auch nicht zum Buhmann und bösen Buben hochstilisieren. Der gefallene König residierte nicht auf einem prunkvollen Schloss, sein einziger Luxus waren ein paar schnelle Autos.

Andere Unternehmer sichern Vermögen ganz einfach durch die richtige Wahl der Rechtsform. Dass Schlecker dies nicht getan hat, versteht kein Mensch. Auch dafür muss man ihn nicht bemitleiden. Anton Schlecker war seines Glückes und Unglückes eigner Schmied. Dafür verdient er aber nicht den öffentlichen Pranger, wohl aber eine gerechte juristische Prüfung, wie sie jedem Bürger zusteht.

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Themenschwerpunkt

Die Schlecker-Pleite

2012 meldete Schlecker, Europas ehemals größte Drogeriemarktkette, Insolvenz an. Damals hatte Schlecker noch 7000 Filialen und etwa 30.000 Mitarbeiter.

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