Der gefallene König steht vor Gericht

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Vor Gericht steht am Montag der frühere Drogeriemarkt-König Anton Schlecker aus Ehingen. Und mit ihm seine Familie, Ehefrau Christa und die beiden Kinder Lars und Meike. Ein König vor Gericht, das war schon immer der Stoff für die ganz großen Geschichten. Er ist es immer noch, auch wenn Schleckers Reich längst vergangen und er selbst mehr ein Phantom als ein Pharao war, der sich vom Volk feiern ließ. Es gibt von Anton Schlecker in den öffentlichen Archiven nur ein Bild – bezeichnenderweise ebenfalls von einem öffentlichen Gerichtsauftritt.

Vor 18 Jahren stand er im Prozess gegen die Entführer seiner Kinder auf Seiten der Anklage.  Jetzt steht er,  72 Jahre alt, vor dem Landgericht Stuttgart als Angeklagter. Er soll Vermögen von vermuteten rund 20 Mio. € zu einem Zeitpunkt innerhalb seiner Familie verteilt haben, als sein Drogeriemarkt-Imperium, einst das größte in Europa, schon dem Untergang geweiht war. Die Juristen nennen das vorsätzlichen Bankrott. Eine Geldstrafe oder bis fünf Jahre Haft drohen ihm.

300 Millionen eingetrieben

Die Pleite der großen Handelsmarke Schlecker, die zu besten Zeiten in halb Europa vertreten war, 50.000 Mitarbeiter beschäftigte und 6 Mrd. € Umsatz machte, sorgte vor fünf Jahren für bundesweites Aufsehen. Kein Wunder. Schlecker war ein Stück deutsches Wirtschaftswunder. Aus einfachsten Verhältnissen heraus baute der gelernte Metzgermeister mit dem Handel von Drogeriewaren ein Unternehmen auf, das so bekannt war wie es Aldi noch ist. Und dann fällt es in sich zusammen wie ein Kartenhaus.

Vom Handelsimperium Schlecker ist nichts mehr geblieben – außer dem Gerichtsverfahren und dem Verdacht, dass der einstige König Vermögen verschoben hat, das er den Gläubigern schuldete. Das waren zum großen Teil Lieferanten. Sie meldeten über 1 Mrd. € Forderungen an, nachdem der Neu-Ulmer Wirtschaftsprüfer Arndt Geiwitz Ende März 2012 das Insolvenzverfahren eröffnete. Es ist inzwischen abgeschlossen, Geiwitz hat rund 300 Mio. € eingetrieben, etwa durch den Verkauf von Teilen des Konzerns.

Schon damals versuchte Geiwitz alles zu Geld zu machen, was Anton Schlecker gehörte. Denn der haftete auch mit seinem Privatvermögen, weil er sein Unternehmen in der Rechtsform des eingetragenen Kaufmanns führte – was für eine kleine Klitsche normal ist, aber nicht für einen Milliarden-Konzern. Die Frage, was womöglich dem Zugriff des Insolvenzverwalters entzogen worden ist und der drohende jahrelange juristische Streit wurde im März 2013 mit einem Vergleich beendet: Schlecker zahlte 10,1 Mio. €.

Jetzt geht es um die gleiche Sache, aber nicht mehr aus der zivilrechtlichen Sicht der Gläubiger und ihrer Ansprüche. Verhandelt wird jetzt die strafrechtliche Seite: Anton Schlecker samt Familie ist einer Straftat – des vorsätzlichen Bankrotts  – angeklagt.

Die Unterlagen, mit denen die Stuttgarter Staatsanwaltschaft dies belegen will, stammen teilweise vom Insolvenzverwalter. Dessen rechtliche Möglichkeiten sind aber nicht so weitgehend wie die des Staates. Nach weiteren drei Jahren Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft im April vergangenen Jahres Anklage gegen Anton Schlecker erhoben. Am Montag beginnt der Prozess.

Es geht bei der Anklage neben vorsätzlichem Bankrott auch um Beihilfe hierzu, um Insolvenzverschleppung oder Veruntreuung von Firmenvermögen. Gut 40 Fälle hat die Staatsanwaltschaft aufgelistet und fast ausschließlich Anton Schlecker zur Last gelegt – eine Handvoll Fälle betreffen auch seine Ehefrau Christa, die beiden Kinder sowie zwei Wirtschaftsprüfer, die falsche Angaben zur Bilanz gemacht haben sollen. Damit sei die Lage des Konzerns in den zwei Jahren vor der Pleite besser dargestellt worden als sie tatsächlich war.

Arndt Geiwitz, der mit gut drei Dutzend Mitarbeitern zu Beginn des Insolvenzverfahrens monatelang den Konzern durchforstete und seine Arbeit auch jetzt nach fünf Jahren noch nicht ganz abgeschlossen hat, glaubt nicht, dass Anton Schlecker im großen Stil Vermögen in Sicherheit gebracht hat. Gegenüber der SÜDWEST PRESSE sagte er damals: „Die Familie Schlecker war von Beginn an sehr kooperativ. Sie haben Dinge offengelegt, die sie rechtlich nicht hätten offenlegen müssen“. Dass es schwierig zu bewertende Transaktionen gab, sagte er auch.

Da begann es zu wackeln

Um diese Fälle und ihre strafrechtliche Beurteilung geht es jetzt. Unter der juristischen Lupe liegt der Zeitraum 2010 bis 2012, also die Jahre unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Unternehmens. Da begann Schleckers Imperium zu wackeln. Die Konkurrenten Rossmann und DM legten immer stärker zu, während der schwäbische Branchenpionier jeden Monat Umsatz verlor. Schlimmer noch: Der Verlust summierte sich im letzten Jahr vor der Insolvenz auf 200 Mio. €, Tendenz steigend.

Hat der Drogeriemarkt-König gewusst, dass sein Reich nicht mehr zu retten ist? Auf diese Annahme stützt sich die Anklage. Die andere Version war und ist auch heute noch von denen zu hören, die Schlecker kennen: Er habe sich den Zusammenbruch nicht vorstellen können, so sehr sei er in seiner Sturheit und in seiner Firmenführung im Stile eines Patriarchen gefangen gewesen.

Könnten die ihm zur Last gelegten Vermögensverschiebungen auch als gewohnte Gefälligkeiten eines einstmals schwerreichen Unternehmers gedeutet werden? Oder anders herum:  60.000 € für eine Karibik-Reise der Tochter, 800.000 € für die Enkelkinder oder die Renovierung der Berliner Wohnung des Sohnes für 1 Mio. € – alles mit Vorsatz gemacht, um noch ein bisschen was aus der Konkursmasse ins Privatvermögen hinüberzuretten?

Schwerer fällt da schon die Sache mit der Logistik- und Dienstleistungsgesellschaft (LDG) ins Gewicht. Sie gehörte den beiden Kindern, Lars und Meike. Sie sollen über mehrere Jahre hinweg weit überhöhte Preise an den Schlecker-Konzern in Rechnung und so gewissermaßen innerhalb der Familie sichergestellt haben. Laut „Spiegel“ will das Finanzamt rund 68 Mio. € Steuern haben.

Insolvenzverwalter Geiwitz hat von Anfang eine andere Frage mehr bewegt: Warum hat Anton Schlecker nicht die Rechtsform seines riesigen Unternehmens geändert, wie das jeder mittlere Handwerksbetrieb tut, damit seine GmbH im Notfall buchstäblich nur „mit beschränkter Haftung“ zur Rechenschaft gezogen wird? Hätte er das getan, wozu ihm jeder Wirtschafts- und Steuerprüfer geraten hätte, stünde der gefallene König jetzt nicht vor Gericht.

1944 Anton Schlecker wird in Ulm geboren.
1965 Schlecker steigt in die Fleischfabrik samt Metzgerei-Filialen seines Vaters ein.
1975 Schlecker gründet in Kirchheim/Teck seinen ersten Drogeriemarkt. Der Gesetzgeber hatte die Preisbindung in dieser Branche aufgehoben - und Schlecker erkannte die Chance.
1987 Die ersten Läden im Ausland.
1987 Schleckers Kinder Meike und Lars werden am 23. Dezember entführt, können sich am nächsten Tag befreien.
1999 Schlecker sagt im Prozess in Ulm gegen die Entführer als Zeuge aus.
2007 Schlecker übernimmt den Konkurrenten „Ihr Platz“.
2010 Schlecker entlässt Mitarbeiter und stellt sie in einer Leiharbeitsfirma wieder ein.
2010 Der Umsatz bricht ein, Schlecker macht Verluste. Die beiden Kinder steigen in das Unternehmen ein.
20.Januar 2012 Insolvenzantrag.
30. Januar 2012 Insolvenzverwalter Geiwitz gibt mit Meike Schlecker in der Ehinger Zentrale eine Pressekonferenz. Sie sagt: „Es ist nichts mehr da.“ 
28. März 2012 Die Insolvenz wird eröffnet. Der Insolvenzverwalter versucht in der Folgezeit, einen Investor zu finden, der bei Schlecker einsteigt – vergeblich.
27. Juni 2012 Es wird bekannt, dass Schlecker sein Privathaus an seine Frau und ein weiteres Grundstück an seinen Sohn übertragen hat.
18. Juli 2012 Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Betrug.
19. Juli 2012 Die Gläubiger fordern mehr als  1 Mrd. Euro.
19. März 2013 Schlecker zahlt 10,1 Mio. Euro.

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Kommentare

04.03.2017 17:41 Uhr

König?

Nur so am Rande, Herr Schneider, Herr Schlecker hat sicher viele Eigenschaften, aber er ist kein König, er war nie ein König und er ist damit auch kein "gefallener König" (auch wenn er in Ihrem Artikel immerhin sechsmal als solcher bezeichnet wird).
Er hatte auch kein Reich, und seine Angestellten waren keine Untertanen.
Wenn Sie Sehnsucht nach Königen haben, sollte Sie es vielleicht einmal bei der Regenbogenpresse versuchen.

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04.03.2017 16:58 Uhr

"Arndt Geiwitz glaubt nicht, dass Anton Schlecker im großen Stil Vermögen in Sicherheit gebracht hat"

Vorher hat er nur seine Tochter Österreich leergepumpt...http://derstandard.at/2000053555220/Schlecker-Prozess-Oesterreich-Tochter-soll-leergepumpt-worden-sein

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Themenschwerpunkt

Die Schlecker-Pleite

2012 meldete Schlecker, Europas ehemals größte Drogeriemarktkette, Insolvenz an. Damals hatte Schlecker noch 7000 Filialen und etwa 30.000 Mitarbeiter.

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