Dauerthema Bankberatung

Die Stiftung Warentest will sich verstärkt um die Beratung der Banken kümmern. Warentest-Chef Hubertus Primus plant auch ein System, um die Formen der Geldanlage besser vergleichbar zu machen.

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Hubertus Primus ist seit Anfang 2012 Vorstand der Stiftung Warentest. Sie gibt mit ihren Tests Orientierungshilfe für Verbraucher. Foto: Stiftung Warentest

Welches Testergebnis hat Sie in letzter Zeit am meistenüberrascht?

HUBERTUS PRIMUS: Da fallen mir gleich zwei ein. Mich hat sehr das Ergebnis unseres Koffer-Testsüberrascht. In den Griffen eines Markenherstellers haben wir Giftstoffe entdeckt, die im Verdacht stehen, Krebs auszulösen, und das in einer Menge, die wir nicht erwartet hatten. Wir wissen, dass das bei minderwertiger Plastikherstellung passiert. Aber wir haben es nicht bei Koffern erwartet, nochdazu bei einer großen Marke.

Und der zweite Test?

PRIMUS: Der stammte aus dem Finanzbereich: die Kreditberatung der Banken. Da war zu erwarten, dass sich die Praxis verbessert, weil die Banken sehr in der Kritik stehen. Doch das Gegenteil war der Fall. Insbesondere wurden gesetzlich vorgeschriebene Informationen, mit denen die Angebote vergleichbar werden, den Kunden nichtüberreicht. Besser waren nur die Direktbanken mit den Angeboten über das Internet.

Ist der Eindruck berechtigt, dass sich das Finanzgewerbe mit Verbraucherfreundlichkeit besonders schwer tut?

PRIMUS: Ja. Ob es um Produktinformationsblätter oder Beratungsprotokolle geht, das Finanzgewerbe tut sich schwer beim Umdenken, den Kunden als Gesprächspartner fair zu behandeln und nicht nur Geschäft und Provision im Auge zu haben. Eine stärkere Serviceorientierung ist in der Wirtschaft deutlich spürbar. Aber bei den Banken ist sie offenbar völlig unterentwickelt.

Ab 2013 bekommen Sie vom Verbraucherministerium 1,5 Mio. EUR im Jahr zusätzlich, um Finanzdienstleistungen verstärkt unter die Lupe zu nehmen. Was können Sie damit leisten?

PRIMUS: Wir werden einige Untersuchungen erweitern, aber auch versuchen, neue Wege zu gehen, um den Verbrauchern mehr Sicherheit und Orientierung zu geben. Die Beratung der Banken zu untersuchen bleibt ein Dauerthema. Wir werden uns verstärkt die Beratungsinformationen anschauen. Der Verbraucher muss verstehen, was für ein Produkt er vor sich hat. Dabei müssen wir neben der Gruppe der Neukunden auch die Bestandskunden ins Visier nehmen, weil viele Verbraucher sich langfristig an eine Bank binden. Die Nachhaltigkeit von Geldanlagen und ethisch-ökologische Anlageformen sind weitere Schwerpunkte, die methodisch sehr anspruchsvoll sind.

Sie geben in der Zeitschrift Finanztest Anlagetipps. Ist das in Zeiten der Eurokrise nicht besonders riskant?

PRIMUS: Wir haben in Finanztest nie einzelne Aktien empfohlen, und das werden wir auch in Zukunft nicht tun. Aber wir werden Tipps geben, die wir aus unserer Erfahrung und unserem Wissen vertreten können. Eher konservativ - aber was ist das heutzutage noch. Staatsanleihen, die früher völlig risikolos waren, sind heute hoch risikobehaftet. Wir müssen Orientierung geben, sonst würde Finanztest seiner Aufgabe nicht gerecht werden. Längerfristig wollen wir ein System entwickeln, um die einzelnen Formen der Geldanlage vergleichbar zu machen, wobei auch die Sicherheit zählt. Angesichts des sehr unterschiedlichen Angebots ist das eine schwierige Aufgabe.

Es gibt die Stiftung Warentest seit 48 Jahren. Hat sich die Qualität der Waren über die Jahre verbessert?

PRIMUS: Die Produkte sind immer komplexer und komplizierter geworden und damit teilweise auch anfälliger. Es ist auch ein Erfolg unserer Arbeit, dass wir einen sehr hohen Produktstandard haben. Gutes setzt sich durch, nicht zuletzt mithilfe der Werbung mit unseren Testergebnissen. Trotzdem gibt es bei den Produkten, aber besonders bei Dienstleistungen und Finanzdienstleistungen eine solche Vielfalt, dass man als Einzelner viel weniger Chancen hat durchzublicken. Daher sind unsere Tests notwendiger denn je, um für den Verbraucher etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Zahl der Tests ist rückläufig. Ist das ein Geldproblem?

PRIMUS: Sie ist gar nicht rückläufig. Wir haben nur die Zählweise geändert. Es gibt immer mehr Tests, bei denen wir nicht einmal zu einem Stichtag die Produktgruppe testen, sondern kontinuierlich. Das ist ein Fortschritt. Zum Beispiel Digitalkameras acht- bis zehnmal im Jahr oder immer, wenn neue Produkte auf den Markt kommen.

Ist daher das Internet das ideale Informationsmedium, weil die Zeitschriften nie so aktuell sein können?

PRIMUS: Das Internet ist wie gemacht für uns, weil wir mit aktuellen wichtigen Informationen punkten können. Dieses Segment wächst sehr stark. Gerade die 40- bis 50-Jährigen laden sich viele Testergebnisse aus dem Internet herunter.

Das Logo der Stiftung Warentest ist ein gutes Werbeargument. Künftig wollen sie dafür Lizenzgebühren erheben. Gefährdet das die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Stiftung?

PRIMUS: Wir haben dazu Vorüberlegungen. Unser Markenkern ist das Vertrauen, und das wollen wir nicht gefährden. Wir sind werbefrei und anbieterunabhängig. Entsprechend muss man das ausgestalten. Umgekehrt ist nicht einzusehen, dass diejenigen, die neben den Verbrauchern am stärksten von unserer Arbeit profitieren, kaum etwas bezahlen. Das darf nicht unsere Haupteinnahmequelle werden. Aber in wirtschaftlich schwierigen Zeiten halte ich einen gewissen Beitrag der Unternehmen für legitim.

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