Chaos mit System: Zu Besuch bei Amazon in Graben

Im Amazon-Logistikzentrum Graben warten über 1,5 Millionen Artikel auf ihren Versand. Die meisten der 1900 Mitarbeiter haben gute Arbeitsbedingungen. Nur in Einzelfällen sieht der Betriebsrat Nachholbedarf.

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Sogenannte „Picker“ tragen die einzelnen Artikel einer Bestellung aus über 2,5 Millionen Lagerfächern zusammen.  Foto: 

Piep Piep. Piep. In das monotone Surren der Förderbänder mischt sich das regelmäßige Piepsen, das die Erfassung neu angelieferter Waren quittiert. Ansonsten ist das Arbeiten im Amazon-Logistikzentrum Graben von ruhiger Konzentration geprägt. Keine Zeit für Gespräche zwischen den Mitarbeitern, aber auch keine Hektik. „Wir arbeiten wie die Roboter“, beschreibt ein langjähriges Teammitglied seine Tätigkeit. Piep. Piep. Piep. Waren nehmen, Waren scannen, Waren weiterleiten.

Wer den Amazon-Standort besucht, beginnt hier in der Waren­eingangszone seine Tour über das rund 110 000 Quadratmeter große Gelände. MUC3 heißt die Anlage, wie alle Amazon-Standorte benannt nach dem nächstgelegenen Flughafen. 17 Fußballfelder Lagerfläche stehen hier zur Verfügung; sechs Hallen, vollgestopft mit mehr als 1,5 Mio. Artikeln in mehr als 2,5 Mio. Lagerfächern.

Was erfasst wurde, wird in schwarzen Kunststoffkisten auf seine Reise in die Tiefen des Logistikzentrums geschickt. „Stower“ genannte Mitarbeiter bringen die Artikel an ihren Platz. Obwohl alles ordentlich verstaut ist, sucht man ein offensichtliches System vergebens. Handfeger liegen neben italienischem Kaffeegebäck, Wassereis zum Selbsteinfrieren neben Spielwaren eines bayerischen Herstellers.

„Ja, wir haben eine chaotische Lagerhaltung“, bestätigt Amazon-Standortleiter Johannes Weingärtner. Nichts hat einen festen Platz. „Unsere Mitarbeiter können alles überall einlagern.“ Dass sämtliche Artikel wiedergefunden werden, ist der Verdienst eines Computersystems.

74 Prozent der Mitarbeiter mit unbefristetem Vertrag

Jedes Fach und jeder Artikel hat einen Barcode. Trifft eine Bestellung ein, tragen „Picker“ genannte Mitarbeiter die einzelnen Bestandteile zusammen. Jeder ist für einen bestimmten Bereich verantwortlich; zusammen finden die einzelnen Artikel einer Bestellung erst kurz vor dem Versand. Fünf bis zehn Kilometer, schätzt Michael Schneider vom Amazon-Presseteam, legt ein „Picker“ pro Schicht zurück.

Mehr als 1900 Mitarbeiter sind in Graben beschäftigt. 74 Prozent von ihnen haben einen unbefristeten Vertrag. Teamgeist wird groß geschrieben, der gesamte Standort strahlt eine „Wir-schaffen-das“-Mentalität aus: „Work Hard. Have Fun. Make History.“ steht auf den Jacken einiger Mitarbeiter und auf großformatigen Plakaten an den Wänden – zu deutsch: „Arbeite hart. Habe Spaß. Schreibe Geschichte.“ Positive Kundenbewertungen im XXL-Format zieren die Lagerhallen: „Danke an alle Mitarbeiter. Ihr seid spitze!“

„Wir sind ein guter und fairer Arbeitgeber“, betont Weingärtner. Mindestens 11,39 € brutto pro Stunde verdient ein Mitarbeiter im ersten Jahr, Saisonkräfte und Festangestellte werden gleich bezahlt. Nach zwei Jahren winken 13,55 € und zusätzliche Mitarbeiteraktien. Leistungen wie eine kostenlose Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung, Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung sowie Boni zur Geburt eines Kindes und für Angestellte in Elternzeit gehören zum Standard. Bis zu 8000 € fließen in die Aus- und Weiterbildung eines jeden, der sich dafür bewirbt.

Das klingt gut. Bleibt der Logistik-Riese aber auch gut und fair, wenn man genauer hinschaut? „Ja und nein“, sagt die Betriebsratsvorsitzende am Standort, Edith Spaderna. „Amazon gibt wirklich jedem eine Chance“, das sei positiv. „Wir stellen wirklich jeden ein.“

Ganz egal, ob der Betreffende lesen und schreiben könne, völlig unabhängig von Nationalität, Herkunft oder Bildungsabschluss. Auch Menschen mit Behinderungen und über 50-Jährige würden gerne genommen. Aktuell arbeiten in Graben 88 Menschen mit Handicap. Einzige Voraussetzung: Wer bei Amazon arbeiten will, muss Deutsch oder Englisch sprechen. Aber: „Altersgerechte Arbeitszeitmodelle fehlen bislang völlig und auch bei der Einbindung Schwerbehinderter gibt es Luft nach oben“, sagt Spaderna.

Ein Kollege bestätigt das. Der 64-Jährige ist nach Operationen an Schultern und Ellenbogen sowie mehreren Bandscheibenvorfällen als schwerbehindert eingestuft. „Trotzdem muss ich 200 Bestellungen pro Stunde abarbeiten“, sagt der Mann. Schaffe er das nicht, werde er ermahnt, mehr Gas zu geben.

Auf den Streit um einen Tarifvertrag angesprochen, zuckt Spaderna mit den Schultern „Lohn kann es natürlich nie genug sein“, sagt sie.

„Unseren Siebener im Lotto“ nennt Grabens Bürgermeister Andreas Scharf die Ansiedelung des Logistikzentrums in seiner Gemeinde. Seit 2011 ist Amazon hier vertreten. Mit Folgen für zahlreiche weitere Betriebe: „Amazon hat in der Metropolregion München den Wettbewerb um ungelernte Arbeitskräfte und Personal mit geringer Qualifikation eröffnet“, sagt der Augsburger Landrat Martin Sailer.

Aushilfsjobs im Weihnachtsgeschäft

Für das Weihnachtsgeschäft wird Amazon 1200 Saisonkräfte einstellen. Von Oktober bis Dezember unterstützen sie die reguläre Belegschaft in Graben. Etwa jeder fünfte von ihnen hat diesen Aushilfsjob bereits früher schon einmal gemacht.

Aktuelle Amazon-Projekte wie der Einstieg in den Liefermarkt mit frischen Lebensmitteln oder der angedachte Versand von Koch-Boxen sind für die Grabener derzeit kein Thema.  Für Weingärtner ist vielmehr generelle Flexibilität der Schlüssel zum Erfolg.

„Im vergangenen Jahr haben wir binnen weniger Wochen ein neues Hochregallager geschaffen“, sagt der Standort-Chef. Jetzt lagerten hier über eine Million Schuhe, die in die Welt versendet werden. Moderne Robotertechnik wie am neuesten Standort im niedersächsischen Winsen wird es für MUC3 aber nicht geben. „In Winsen muss der Mitarbeiter nicht zum Regal laufen. Das Regal kommt auf Knopfdruck zu ihm“, beschreibt Amazon-Regionaldirektor Bernd Gschaider, was dort zukünftig möglich sein wird.

„Unseren Siebener im Lotto“ nennt der Grabener Bürgermeister Andreas Scharf die Ansiedelung des Amazon-Logistikzentrums in seiner Gemeinde. Seit 2011 ist Amazon hier vertreten. Mit Folgen für zahlreiche weitere Betriebe: „Amazon hat in der Metropolregion München den Wettbewerb um ungelernte Arbeitskräfte und Personal mit geringer Qualifikation eröffnet“, sagte der Augsburger Landrat Martin Sailer beim „Open Day“ im Logistikzentrum. Dass Amazon seinen Angestellten unabhängig von ihrer Qualifikation mindestens 11,39 € pro Stunde bezahle, steigere die Löhne für vergleichbare Arbeitskräfte auch in anderen Betrieben in der Region. agr

Jeff Bezos gründete 1994 die Online-Buchhandlung Amazon im US-Bundesstaat Washington. Heute ist Amazon ein Versandhändler per Internet, der ein fast unbegrenztes Sortiment im Angebot hat. Die Umsatzzahlen stiegen von Jahr zu Jahr sprunghaft. Im Jahr 2016 setzte Amazon weltweit 136 Mrd. Dollar (115 Mrd. €) um; die Zahl der Mitarbeiter beläuft sich derzeit auf rund 350 000.

In Europa unterhält Amazon 31 Logistikzentren, neun sind es in Deutschland. Graben, 24 Kilometer von Augsburg entfernt, ist eines von ihnen. Ende 2017 kommt mit Winsen ein weiteres dazu. Bundesweit beschäftigt der Konzern insgesamt 12 000 Festangestellte.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi will seit Jahren einen Branchentarifvertrag Versand- und Einzelhandel in den deutschen Standorten durchsetzen. Sie hat ungezählte Streiks organisiert, die bisher ohne Erfolg geblieben sind. hes 

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