Brigitte Steffen unterrichtet Textil- und Modedesigner von morgen

Arbeit mit jungen Studenten an der Hochschule, gleichzeitig aktiv in der Wirtschaft: Professorin Brigitte Steffen fährt in der Textilbranche mehrgleisig. Ihre zentrale Frage lautet: Wer findet was schön?

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    In den Laboren der Hochschule Reutlingen können die Studenten ihre Entwürfe umsetzen. Foto: 
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    Brigitte Steffen unterrichtet in Reutlingen junge Designer. Foto: 
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Was haben Nivea und Karl Lagerfeld gemeinsam? Beide haben Design in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt - oder gar revolutioniert. Nivea hat sich auf seine Cremedosen konzentriert und die weiße Schrift auf blauem Grund immer weiter angepasst. Karl Lagerfeld hat die klassische Chaneljacke modifiziert: Den grundlegenden Schnitt hat er beibehalten, trotzdem wurde das Kleidungsstück durch unterschiedliche Stoffe und Verzierungen in jeder Saison neu erfunden.

Brigitte Steffen ist Professorin und Studiendekanin für Textil- und Modedesign an der Hochschule Reutlingen. Für sie zeigen beide Beispiele eine langsame Entwicklung - aber auch einen Umbruch. In einem Einführungskurs für das fünfte Semester Textildesign erklärt sie, wieso: Aus einer Evolution kann eine Revolution hervorgehen. Stellt man das Endprodukt den Anfängen gegenüber, wird die radikale Veränderung deutlich. Am Ende der Vorlesung gibt sie ihren sieben Studentinnen das Semesterprojekt mit auf den Weg: Die Aufgabe ist es, je eine Kollektion zu den beiden Themen Evolution und Revolution zu entwerfen.

Steffen wirkt begeistert und voller Tatendrang. Die Leidenschaft für gutes Design sieht man ihr an: Ihre Kleidung ist zwar schlicht, aber individuell und stilvoll. Die eisblaue Bluse passt gut zu den kurzen grauen Haaren, dazu hat sie eine schwarze Stoffhose gewählt, die oben locker sitzt, nach unten hin aber immer enger zuläuft.

Individualität - das ist der Anspruch, den Steffen an die Arbeit ihrer Studentinnen stellt: "Ich möchte am Ende nicht lauter gleiche Reutlingen-Designer", sagt die Dekanin. Sie zählt einige ihrer Studentinnen auf: "Ich möchte eine Frau Pashalidou, eine Frau Beßler und eine Frau Wilke". Auch im Hinblick auf das Semesterprojekt lässt sie den jungen Frauen viele Freiheiten.

Steffen selbst hat mit 57 Jahren schon eine vielseitige Karriere hinter sich. An der Hochschule sei sie eine "Überzeugungstäterin". Die Arbeit mit jungen, motivierten Studenten bereitet ihr viel Spaß. "Da kommt sehr viel zurück", meint sie. Dieses Erlebnis könne nur die Lehre bieten. Gleichzeitig dürfe man aber nie aufhören, in der Praxis zu arbeiten.

Als Unternehmensberaterin war und ist Steffen in vielseitigen Bereichen tätig. Für den Beschlagshersteller Griffwerk mit Sitz in Ulm designte sie 2014 zum Beispiel die Glastürkollektion "Textures": Das Design passt zu Steffens Art: Schlicht und geradlinig, aber trotzdem besonders.

Lehre und Praxis ergänzt Steffen durch ihre Forschungsarbeit zu den Themen Konsument und Design. "Vereinfacht gesagt möchte ich herausfinden, wer was schön findet und weshalb", erklärt die Professorin.

Sie selbst hat an der Kunstakademie Stuttgart studiert. Auch die Hochschule Pforzheim bietet vergleichbare Studiengänge an. Steffen sieht Reutlingen trotzdem als die "führende Hochschule für Textildesign in Baden-Württemberg". Vor allem international habe die Einrichtung einen guten Ruf. "Man kennt uns weltweit", erzählt die Studiendekanin. Die Nähe zur Industrie hat dazu beigetragen, dass sie sich für eine Stelle in Reutlingen entschieden hat. Auch über die gut ausgebauten Labore in der Hochschule freut sie sich: Die Studenten können ihre Designs zum Beispiel auf Strickmaschinen umsetzen oder Stoffe in der eigenen Druckerei beschichten. Im Konfektionslabor stehen junge Frauen an großen Tischen und schneiden Stoffe zurecht.

Die Atmosphäre an der Hochschule ist familiär. Steffen kennt jeden ihrer Kursteilnehmer beim Namen, in der Mittagspause diskutiert sie mit einer Studentin über Autodesigns. Die sieben jungen Frauen aus dem fünften Semester kehren gerade aus dem Praxissemester zurück in den Hörsaal.

Ihre Erfahrungen zeigen, wie vielfältig ihre Einsatzmöglichkeiten sind: Eleni Pashalidou verbrachte das Semester bei Lapàporter in Berlin, einem Designerlabel für Lederaccessoires. Eine Kommilitonin arbeitete drei Monate im Landestheater Tübingen und drei Monate in einer Handweberei für geistig und körperlich Behinderte. Studentin Hannah Wilke lernte beim Textilverlag Zimmer & Rohde in Oberursel die Arbeit eines Product Managers kennen.

Steffen berichtet von guten Berufsaussichten ihrer Absolventen: Von ihren Masterstudenten habe bisher jeder Einzelne eine Stelle gefunden. "Darauf bin ich auch stolz", erzählt sie.

Einen großen Wunsch äußert die 57-Jährige: einen eigenen Designbau auf dem Campus in Reutlingen. So gäbe es mehr Platz für eigene Ausstellungen und die Designer könnten enger zusammenarbeiten - vielleicht wäre das auch schon eine kleine Revolution für die Hochschule.

Der Studiengang

Textil- und Modedesign Die Hochschule Reutlingen bietet 18 Bachelor-Studienplätze für den Studiengang an. Bewerber müssen eine Design-Mappe vorlegen und eine Eignungsprüfung absolvieren. Nach einem Semester können sich die Studenten entweder für den Schwerpunkt Textil- oder aber Modedesign entscheiden. Beim Schwerpunkt Textildesign liegt der Fokus eher auf den Materialien, während sich der Schwerpunkt Modedesign auf die Schnitte konzentriert. Das Bachelorstudium dauert sieben Semester.

Berufsaussichten Absolventen des Studiengangs arbeiten in diversen Bereichen, etwa in Mode- und Textilfirmen oder Trendagenturen, aber auch in der Automobilindustrie. Einige ehemalige Studenten haben sich auch als Designer selbstständig gemacht. bf

 

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