Bosch und ZF trennen sich

Die Stuttgarter Bosch-Gruppe wächst: Sie gliedert den Zulieferer ZF Lenksysteme komplett ein. Bisher hatte das Unternehmen mit Sitz auf der Ostalb zur Hälfte zum ZF-Konzern in Friedrichshafen gehört. Mit einem Kommentar von Karen Emler.

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Ein Mitarbeiter fertigt im Werk von ZF-Lenksysteme in Schwäbisch Gmünd Lkw-Servolenkungen.  Foto: 

ZF Lenksysteme (ZFLS/Schwäbisch Gmünd) wird demnächst den Schriftzug ändern müssen. Das "ZF" fällt weg. Das spiegelt die neuen Eigentümerverhältnisse wider: Aus dem Gemeinschaftsunternehmen des Friedrichshafener Zulieferers ZF und der Bosch-Gruppe wird eine hundertprozentige Bosch-Tochter. Wie viel die Stuttgarter dafür hingeblättert haben, wollte Volkmar Denner, Chef des weltgrößten Automobilzulieferers, nicht sagen.

Er betonte gegenüber der Presse lediglich, welchen strategischen Hintergrund der Deal habe: "Mit der kompletten Übernahme von ZFLS stärkt Bosch die Position für eine aktive Gestaltung der Zukunft der Mobilität." Denn ZFLS zähle "zu den Technologieführern im Zukunftsfeld Elektrolenkung". Das sei "die Basistechnologie für automatisiertes Fahren, für effizientere Fahrzeuge und auch für Elektroautos", sagte er. Werde die elektronische Lenkung zum Beispiel mit dem Stabilisierungssystem ESP verbunden, verbessere das Bremsmanöver bei schwierigen Straßenverhältnissen.

Der Chef der Bosch-Kfz-Sparte, Wolf-Henning Scheider, freut sich auf den Durchgriff: "Bisher haben wir Gas gegeben und konnten bremsen. Jetzt können wir auch lenken."

Eine Veränderung der Strategie sei nicht geplant. Werksschließungen und Entlassungen soll es nicht geben. "Dies schließt aber eine laufende Anpassung beim Wandel hin zur Elektrolenkung nicht aus", sagte Denner. Die Frage, ob die geringe Wertschöpfung der neuen Lenktechnik Auswirkungen auf Jobs habe, beantwortete er nicht.

Branchenkenner weisen daraufhin, dass der Verkauf in Zusammenhang mit der 9,5 Mrd. EUR teuren Übernahme des US-Zulieferers TRW durch ZF stehen könnte. Auch dieser Deal wurde gestern bekanntgegeben. Entsprechende Verhandlungen mit den Amerikanern hatten die Friedrichshafener bereits im Juli bestätigt. ZF wird durch den Zukauf mit dann rund 30 Mrd. EUR Umsatz und insgesamt 138 000 Mitarbeitern unter die Top drei im weltweiten Zulieferer-Geschäft aufsteigen. ZF, die nun in der selben Liga wie Bosch und Continental spielt, wollte allerdings schon vor dem Zukauf die Erlöse bis 2025 auf 40 Mrd. EUR mehr als verdoppeln.

Gerüchten, dass die Verhandlungen um ZFLS durch die künftige Konkurrenzsituation in die Länge gezogen und hart um den Verkaufspreis gepokert wurde, widersprach Denner: "Wir haben nicht gepokert. Alles lief in einem partnerschaftlichen Verhältnis ab." Erste Gespräche über die Zukunft von ZFLS habe es schon gegeben, bevor die Absicht zur Übernahme des US-Unternehmens durch ZF bekannt geworden sei. ZF werde durch den Zukauf zu einem starken Konkurrenten. Aber damit habe Bosch keine Probleme.

Die US-Amerikaner gelten als eine gute Ergänzung für ZF. Sie sind spezialisiert auf Sicherheitsprodukte wie Airbags, Gurte, Brems- oder Fahrer-Assistenzsysteme. Daraus allerdings ergibt sich auch eine Schnittmenge mit dem Portfolio von ZFLS. Das wiederum hätte, so mutmaßt man in der Branche, zu kartellrechtlichen Problemen führen können, wenn ZF an ZFLS festgehalten hätte.

Über den Preis, den Bosch bezahlt hat, spekuliert die Branche munter. Von einem hohen dreistelligen Millionen-Betrag ist die Rede. Analyst Jürgen Pieper sagte der Deutschen Presse Agentur, das wäre günstig, da "die Preise für Zulieferer nicht sehr niedrig" seien.

In der ZFLS-Belegschaft kursierte schon länger, dass ZF aussteigen und Bosch die Anteile übernehmen möchte. Marcus Parche, der Vizechef des Gmünder Unternehmens, kommentierte den Deal so: "Als innovatives Technologie-Unternehmen sehen wir sowohl strategisch als auch technologisch exzellente Perspektiven innerhalb der Bosch-Gruppe. Nicht zuletzt bieten sich auch für unsere Mitarbeiter weltweit beste Chancen durch die volle Zugehörigkeit zur Bosch-Gruppe."

Der Vertrag wurde gestern unterzeichnet, teilte Bosch mit. Das Stuttgarter Unternehmen setzte 2013 mit weltweit 281 000 Mitarbeitern rund 46,1 Mrd. EUR um. Was künftig auf dem Firmenschild in Schwäbisch Gmünd stehen wird, ist offen. Denn: "Bei dem Namen lassen wir uns noch etwas Zeit", sagte Denner.

Hoher Aufwand für Forschung und Entwicklung

ZF Lenksysteme Das Unternehmen (ZFLS/Schwäbisch Gmünd) wurde 1999 von der Robert Bosch GmbH und ZF Friedrichshafen gegründet. Die Partner hielten bisher je 50 Prozent. ZFLS hat in acht Ländern an 18 Standorten insgesamt rund 13 000 Mitarbeiter, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Am Stammsitz auf der Ostalb sind es über 5000 Beschäftigte. Rund 60 Prozent des Umsatzes macht ZFLS mit Elektrolenkungen. Das Unternehmen arbeitet auch an Lenksystemen, die mit Hilfe von Software gesteuert werden können. So kann bereits mit Hilfe eines Smartphones ein Gespann aus Pkw und Anhänger manövriert werden. 2013 betrug der Umsatz 4,1 Mrd. Euro, 2014 soll er um 5 bis 7 Prozent steigen. ZFLS gab zuletzt für Forschung und Entwicklung 238 Mio. Euro aus. Seit der Firmengründung 1999 gab es 750 Patentanmeldungen. dpa/ker

SWP

Ein Kommentar von Karen Emler

Partner wird Konkurrent. Bosch verfolgt seit Jahren die Strategie, sich von seiner Rolle als Autozulieferer unabhängiger zu machen. Ist die vollständige Übernahme des Gemeinschaftsunternehmens ZF Lenksysteme vor diesem Hintergrund folglich ein Widerspruch? Nein, ist es nicht. Angesichts der Tatsache, dass ZF Friedrichshafen seine Anteile los werden wollte beziehungsweise mit Blick auf das Kartellamt musste, blieb den Stuttgartern keine Wahl. Die Alternative wäre gewesen, sich womöglich auf einen neuen Partner einstellen zu müssen, der weniger gut zur Bosch-Kultur passen würde als das Traditionsunternehmen vom Bodensee.

ZF Lenksysteme ganz abwandern zu lassen, hätte zwar die Kassen gefüllt. Dafür müssten die Stuttgarter aber auf das Knowhow von der Ostalb verzichten. Das ist enorm, vor allem auch was die zukunftsträchtige Themen Elektrolenkung sowie autonomes Fahren angeht.

Hinter den Kulissen heißt es, die Trennung sei recht ruppig verlaufen. Dafür spricht einiges: Bosch mag kräftig gepokert haben, weil ZF wohl das Geld für die Übernahme des US-Unternehmen TRW Automotive dringend braucht. Die Friedrichshafener steigen nun zu den Top 3 der Welt auf. Aus dem Partner wird für Bosch ein harter Konkurrent. Der Kampf der beiden hat bereits begonnen.

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