Bosch-Chef Volkmar Denner setzt sich für Breitband und Freihandel ein

Er tüftelt für sein Leben gern über Produkte und das Unternehmen: Volkmar Denner ist mehr als nur Bosch-Chef. Der Physiker lebt für Technik, wie im Forum der SÜDWEST PRESSE klar wird.

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Sein Traum war es, Physikprofessor zu werden. Jetzt ist Volkmar Denner Bosch-Chef. Mit erhobenem Zeigefinger führt er sein Unternehmen aber nicht. Er will vernetzen, internationalisieren und über den Tellerrand blicken.  Foto: 

Interferenz spielt in der Physik eine wichtige Rolle. Volkmar Denner könnte diesen Effekt bestimmt schnell und einfach erklären. Der Bosch-Chef ist Physiker, der ohne Schachtelsätze und Fremdwörter auskommt. Schwierige Sachverhalte dampft er auf Wesentliches ein, ergänzt Persönliches und Berufliches und garniert alles mit einer Prise Werbung für Produkte seines Unternehmens. Wobei "Werbung" nicht ganz korrekt ist: Denner ist so von Sonden, Sensoren und Katalysatoren des Stuttgarter Technikkonzerns überzeugt, dass es für ihn eine andere Welt gar nicht zu geben scheint. Nach 28 Jahren in dem Unternehmen ist das Innen und Außen aufgehoben, Bosch-Werte werden gelebt. Denner ist Bosch.

Interferenz beschreibt die Veränderung durch Überlagerung von Wellen. So wirkt der Vorsitzende der Geschäftsführung auch beim Forum der SÜDWEST PRESSE: ein Physiker, der Geschäftsmann ist. Nicht, weil es sein muss, sondern weil es sich zum Guten verstärkt. Ein Tüftler, der über Produkte und das Unternehmen mit 281.000 Menschen gleichermaßen brütet. Dem die Größe der Schrift von Betriebsanleitungen für Geschirrspüler ebenso am Herzen liegt wie der indische Markt für Einspritzpumpen. Der sich selbst bei der Arbeit zusieht und hinterfragt ("Ich rede dauernd über eigene Produkte") und nie so ganz mit dem Ergebnis zufrieden ist. Der bis ins Detail weiß, von was er spricht. Dessen Ingenieure bei Tests auf Augenhöhe mit ihm sind, er aber auch mit ihnen.

In der Bosch-Welt ist Über-den-Tellerrand-blicken möglich. So etwa bei Elektrorädern. "Als leidenschaftlicher Radfahrer wollte ich immer möglichst leichte Räder. Eines Tages schlug mir ein Mitarbeiter den Bau eines schweren E-Bikes vor", erzählt er. "Gott sei Dank habe ich nicht abgelehnt, sondern die Räder ausprobiert und meine Familie mitgenommen." Das Ergebnis: "Jeder konnte durch den Antrieb so mitfahren, dass er Spaß hatte." Heute erreichen Bosch begeisterte Briefe von Familien, die zusammen Pässe fahren. Natürlich baut Bosch die besten E-Bikes. Aber natürlich geht es mit noch leistungsstärkeren, leichteren, kleineren Motoren laut Denner noch besser.

Keine drei Minuten nach Beginn des Gesprächs doziert Denner bereits über Lenkungen und Benzin-Einsparungen mit Elektrolenkungen. Oft fällt dem 57-Jährigen beim Beantworten von Fragen ein weiterer Aspekt ein, schiebt er für ihn wichtiges hinterher. Höflich. Sätze wie "Wenn ich das noch sagen darf" und "Wenn ich noch einen Schlenker machen darf" fallen mehrfach. Dabei wirkt Denner nicht angestrengt. Fast lässig sitzt er im Ledersessel, die Beine eineinhalb Stunden übereinander geschlagen. Spärlich sind seine Gesten und die Mimik. Aber Humor findet seinen Platz. Der neue Bosch-Kühlschrank mit zwei Kameras bringt ihm genauso Lacher ein wie die Bemerkung, dass bei gefährlichen Fahrtests mit Motorrädern zunächst einmal seine Mitarbeiter ran lasse.

Technik stellt der Technikbegeisterte nicht in Frage: automatisiertes Fahren, vernetztes Haus, Autos mit Batterieantrieb. Bei letzterem pflegt er einen radikalen Ansatz: "Es lohnt sich nicht mehr in die Lithium-Ionen-Batterietechnologie einzusteigen, auch wenn der Staat bereit ist, dafür viel Geld zuzuschießen." Nach Ansicht von "G1", wie Chefs beim größten Automobilzulieferer traditionell heißen, hätten die Asiaten einen uneinholbaren Vorsprung. Erst wenn diese 2018 bis 2020 ausgereizt sei, könnte Bosch bei der Folgetechnologie mitmachen - eine grundsätzliche Aufgeschlossenheit von Gesellschaft und Politik vorausgesetzt. Die vermisst Denner manchmal. Das Breitband-Internet werde vernachlässigt. Das heiß diskutierte Freihandelskommen TTIP zwischen EU und USA sei doch eine "Riesenchance".

Schwierig wird es für Denner, wenn seine Welten Bosch, Wissenschaft und Geschäftsführung kollidieren. Den Solarbereich bei Bosch abzustoßen, fiel ihm "sehr schwer". Galt es doch, mit dem Aus für diesen Bereich eine Entscheidung zu treffen, die mit Franz Fehrenbach verbunden war. Also etwas zu revidieren, das sein Vorgänger und Ratgeber entschieden hatte.

Der Name des im Unternehmen immer noch sehr präsenten Gründer Robert Bosch fällt bei Denner erst nach 49 Minuten, als es um die Tradition von Auslandsaktivitäten geht. Deshalb sei es auch verständlich, warum er und andere so lange im gleichen Unternehmen arbeiteten: Ins Ausland zu wechseln sei möglich und erwünscht. Auf die Frage, wo er arbeiten würde, wenn es Bosch nicht gäbe, sagte Denner: "Mein Traum war, Physikprofessor an der Uni zu werden."

Termine jonglieren

Arbeitstag Wie der typische Arbeitstag eines Bosch-Chefs aussieht, lässt sich schwer beantworten. "Kein Tag ist wie der andere", sagt Volkmar Denner. Er ist viel unterwegs. Dabei versucht der 57-Jährige, beim Abendessen wieder bei der Familie zu sein. "Bei Abendterminen funktioniert dies aber nicht." Seine drei Söhne unterstützt er bei der Vorbereitung auf Physik- und Mathearbeiten. "Dafür jongliere ich Termine."

Ausgleich Den Begriff Work-Life-Balance mag Denner nicht. "Das würde ja bedeuten, dass man während der Arbeit tot ist und erst danach lebt." Er versuche zwischen Bosch, Familie und Hobbys ein Gleichgewicht zu finden. "Aber belasten darf mich der Job, sonst werde ich dem Unternehmen nicht gerecht." vt

SWP

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Kommentare

18.09.2014 11:38 Uhr

Vom Abgasrohr in den Backofen

Besonders gut hat mir die Innovationsstory über die Karriere der Lambdasonde gefallen.
Lambdasonden stellt Bosch seit 1976 her. In Abgasrohren von Automotoren messen die Sensoren den Sauerstoffgehalt. Nun kamen kreative Boschler auf die Idee, dass man so ein kleines Messgerät auch in Backöfen gut gebrauchen kann.
.
http://wettengl.info/Blog/?p=5019

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