Billiges Öl hilft Wirtschaft

Der deutsche Konjunkturmotor läuft wieder, aber er stottert. Es sind die Verbraucher, die ihr Geld ausgeben und die Wirtschaft befeuern. Für Antrieb könnten nun der schwache Euro und das billige Öl sorgen.

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Ölfeld in Kalifornien: Der Ölpreis seit Juni um 30 Prozent gefallen - das wirkt wie ein Konjunkturprogramm.  Foto: 

Die Tariflöhne steigen, die Beschäftigung klettert auf Rekordniveau und selbst der Export brummt - trotzdem kommt die deutsche Wirtschaft nicht vom Fleck. Im dritten Quartal nahm sie zwar um 0,1 Prozent zum Vorquartal zu - aber nur dank der Kauflust der Verbraucher, die ihr Geld lieber ausgeben, statt auf dem Sparbuch Verluste hinzunehmen.

Deutlich rasanter entwickelte sich die Konjunktur im einstigen Krisenland Spanien, bei Sorgenkind Frankreich (plus 0,3 Prozent) und vor allem in Griechenland: Hellas steigerte sein Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,7 Prozent überraschend deutlich und wuchs so kräftig wie kein anderes Land der Eurozone.

Braucht Deutschland also ein Konjunkturprogramm? Das auf internationalen Druck hin verkündete Investitionspaket von 10 Mrd. EUR greift jedenfalls erst 2016. Da trifft es sich gut, dass der - auch wegen der Geldschwemme der Europäischen Zentralbank - schwache Euro der Exportwirtschaft derzeit auf die Sprünge hilft. Und dass sich der Ölpreis auf Talfahrt befindet.

Beides zusammen wirke wie ein Airbag für die deutsche Konjunktur, ist Ökonom Andreas Rees von der Unicredit überzeugt: Der Entwicklung des Euro-Dollar-Kurses traut er 2015 einen Wachstumseffekt von bis zu 0,4 Prozent zu, der Ölpreisentwicklung noch deutlich mehr: "In Euro ist der Ölpreis seit Juni um rund 30 Prozent gefallen. Da Deutschland Öl und Gas im Wert von 120 Mrd. EUR im Jahr importiert, könnten die niedrigeren Preise die Kaufkraft von Verbrauchern und Unternehmen um 35 Milliarden oder mehr als 1 Prozent der Wirtschaftsleistung befeuern."

Für Patrick Moonen von der ING Diba wirkt der Ölpreisverfall wie eine Steuersenkung. Allianz-Ökonom Rolf Schneider spricht gar von einem Konjunkturprogramm. Zusammen mit der steigenden Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure infolge der Euroschwäche helle das die Perspektiven für 2015 deutlich auf. Zumal der Ölpreis die Weltwirtschaft insgesamt stützen dürfte, was sich wiederum positiv auf die deutschen Exporte durchschlägt, wie Stefan Schneider von der Deutschen Bank unterstreicht.

Tatsächlich ist der Preisverfall am Ölmarkt für zahlreiche wichtige Industriezweige von der Luftfahrt über die Chemie und die Autobranche bis zu den Logistikern ein Grund zur Freude. "Bei Fluggesellschaften machen Spritpreise ein Drittel der Kosten aus. In der Summe werden die Unternehmen spürbar profitieren", sagt BayernLB-Branchenexperte Wolfgang Linder. Etwa bei der Deutschen Lufthansa sanken die Treibstoffkosten von Januar bis September um 269 Mio. EUR auf 5,2 Mrd. EUR.

Auch die Chemieindustrie betont: "Da der Rohölpreis und damit auch die Rohstoffkosten leicht sinken, dürften sich die Gewinnmargen etwas erholt haben." Dieser Effekt ist jedoch nur kurzfristig, sagt Henrik Meincke, Chefvolkswirt des Chemieverbands VCI: "Die Kunden der Chemiebetriebe fordern, dass solche Kostennachlässe zügig weitergegeben werden."

Den Verbrauchern, die dank des robusten Arbeitsmarktes und steigender Löhne schon konsumfreudig wie selten sind, spielt die Ölpreisentwicklung in die Hände - auch wenn sich diese wegen des Wertverlusts des Euro zum Dollar nicht komplett in den Benzin- und Heizölpreisen in Deutschland niederschlägt: Im Oktober kostete leichtes Heizöl immerhin fast 11 Prozent weniger als im Vorjahr, die Spritpreise sanken um 3,5 Prozent.

Das stärkt die Kaufkraft. "Der private Konsum wird auch im weiteren Verlauf das Wachstum ankurbeln", ist DIW-Konjunkturexperte Simon Junker daher überzeugt. Das wäre wichtig für die deutsche Konjunktur: Der private Konsum macht knapp 56 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung aus.

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