Betriebskitas sind im Kommen - auch kleine Unternehmen engagiert

Bis zu 1500 Euro pro Kind und Monat: Eine Betriebskita ist teuer. Viele Konzerne verzichten deshalb darauf. Ein 70-Mann-Unternehmen zeigt, dass es doch geht - und warum sich der Aufwand lohnt.

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  • Elena und ihr Bruder Maximilian besuchen die Betriebskita von SHW Storage & Handling Solutions in Hüttlingen bei Aalen. 1/2
    Elena und ihr Bruder Maximilian besuchen die Betriebskita von SHW Storage & Handling Solutions in Hüttlingen bei Aalen. Foto: 
  • Auf den Weg gebracht hat diese Einrichtung die Prokuristin des Unternehmens, Cornelia Jakobschy. 2/2
    Auf den Weg gebracht hat diese Einrichtung die Prokuristin des Unternehmens, Cornelia Jakobschy. Foto: 
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Elena trägt heute Krone. Vier Jahre wird sie, erzählt die Prinzessin des Tages voller Stolz und lächelt erwartungsvoll in die Kamera. Der Geburtstagstisch ist schnell gedeckt, in der Kita sind nur 10 Kinder. "Bei 100 Kindern und mehr in einer Einrichtung, viele unter drei Jahren, ist eine liebevolle Betreuung nicht mehr möglich", sagt Cornelia Jakobschy (44). Sie ist Prokuristin von SHW Storage & Handling Solutions in Hüttlingen bei Aalen. 70 Mitarbeiter hat das Maschinenbauunternehmen - aber einen Betriebskindergarten.

Elena und ihr Bruder Maximilian (2) sind die einzigen Mitarbeiterkinder. Zweifel am Konzept hat Jakobschy dennoch nicht. Sie war auch berufstätig, als ihre beiden Kinder noch klein waren. "Für Hausfrauen war ich eine Rabenmutter, für Kollegen ein Unsicherheitsfaktor, weil ständig die Gefahr bestand, dass etwas mit den Kindern ist." Als ihr Mann 2006 die Firma übernahm, war die Rollenaufteilung klar: Er ist Ingenieur und kümmert sich um die Technik. Sie als Betriebswirtin, um Verwaltung und Finanzen. Gemeinsam haben Sie das neue Gebäude geplant: Photovoltaikanlage auf dem Dach, geheizt und gekühlt wird mit Grundwasser, der Kindergarten ist an das Verwaltungsgebäude angebaut.

Der Betrieb fertigt Anlagen zur Lagerung und Förderung von schwer fließenden Schüttgütern, beispielsweise Hackschnitzel, Gips oder Klärschlamm. Zum Jahresbeginn 2012 lief die Produktion am neuen Firmensitz an, im Jahr darauf wurde der Kindergarten eröffnet. Träger ist der Verein "Kocherwichtel". Kocher heißt der Fluss, der durch den Ort fließt, und "den Verein haben wir gegründet, um dem Kindergarten eine Identität zu geben", sagt dessen Vorsitzende Jakobschy.

Mit Maschinenbau hat das Erziehungskonzept nichts zu tun. Zurzeit werden zehn Kinder im Alter von einem bis zu sechs Jahren von drei Teilzeit-Erzieherinnen betreut. 63 Prozent der Betriebskosten übernimmt die Gemeinde. SHW Storage & Handling Solutions trägt den Rest und hat rund 300.000 EUR in den Kindergarten investiert. "Familienfreundlichkeit amortisiert sich nicht durch Geld", sagt Jakobschy. Für sie ist das soziales Engagement.

Mit ihrer Einstellung gibt es bisher wenige in Deutschland. Laut Statistischem Bundesamt waren 2013 nur 1,2 Prozent aller Kindertageseinrichtungen betriebliche Kitas. In den vergangenen fünf Jahren hat sich deren Anteil aber fast verdoppelt. Und die Tendenz ist steigend. 2013 gab es Fördergelder für den Bau von Betriebskitas und seit dem 1. August 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. "Das hat zur Gründung zahlreicher Betriebskitas geführt", sagt Sofie Geisel, Projektleiterin im Netzwerkbüro "Erfolgsfaktor Familie", einer Initiative, die überwiegend vom Bundesfamilienministerium getragen wird. Geisel und ihr Team sind Ansprechpartner für Unternehmen bei Fragen zur Umsetzung familienfreundlicher Personalpolitik.

Betriebskitas sind ein sichtbarer Beweis, dass dem Arbeitgeber Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtig ist. Und dank solchen Angeboten kehren Mitarbeiter nach der Elternzeit schneller an ihren Arbeitsplatz zurück. Doch Betriebskitas sind teuer. Die Kosten liegen zwischen 1000 bis 1500 EUR pro Kind und Monat. Weil die öffentliche Betreuung durch den gesetzlichen Anspruch zurzeit stark ausgebaut wird, ist künftig die Gefahr der Nichtauslastung hoch. Zudem gibt es ein geradezu groteskes Risiko, das gegen eine Betriebskita spricht: Jedes Angebot schafft Nachfrage, aber eine Warteliste bringt Frust.

Deshalb gehen manche Unternehmen andere Wege: Der Otto-Konzern in Hamburg bietet mit Partnern Belegplätze, Tagesmütter, Notfall- und Ferienbetreuung an, sagt Personal-Direktorin Sabine Josch. Das Pharmaunternehmen B. Braun unterstützt neun Kindergärten am Stammsitz Melsungen. Jeder bekommt pro Jahr einen Einkaufsgutschein über 500 EUR für Desinfektions- und Hygienemittel. Zudem finanziert B. Braun das Gehalt von zwei Erzieherinnen.

Für Jakobschy sind die Kocherwichtel eine Investition in die Zukunft. Nach den Ferien ist die Kita ausgebucht. Zurzeit führt sie Gespräche mit einer Ingenieurin, deren Kind in dieser Kita ist. Eventuell fängt die Frau bald bei ihr an.

Flexibilität steht ganz oben

Familienmonitor Flexiblere Arbeitszeiten zählen für Eltern zu den wichtigsten Angeboten, um die Lebensqualität von Familien zu verbessern. Drei von vier Mütter und Väter halten das für besonders wichtig, hat die Befragung zum "Monitor Familienleben 2013" im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergeben. Große Bedeutung haben auch kurzfristige Betreuungsangebote, etwa, wenn das Kind erkrankt. Betriebskindergärten wünschen sich der Umfrage zufolge rund die Hälfte der befragten Mütter und Väter.

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