Besuch der mächtigen Dame

Jahrelang mussten Opel-Mitarbeiter eher bangen, wenn sich hoher Besuch aus der Konzernzentrale in Detroit angesagt hatte. Gestern war alles anders - beim Besuch der neuen GM-Chefin Barra in Rüsselsheim.

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Ihre erste Auslandsreise führte die neue GM-Konzernchefin Mary Barra in die Opel-Zentrale nach Rüsselsheim. Der leidgeprüften Belegschaft versprach sie ein weiteres Modell für ihr Werk und Investitionen. Foto: dpa

Als Mary Barra am Montagmittag an der Seite von Opel-Chef Karl-Thomas Neumann zum Podium im Adam-Opel-Haus schreitet, brandet Applaus auf. Rund einhundert Mitarbeiter haben ihre Büros verlassen, stehen am Geländer der offenen Etagen der fünfstöckigen Zentrale des Autoherstellers. Sie wollen einen Blick auf die neue Chefin des Mutterkonzerns General Motors (GM) erhaschen und sind gespannt, was sie in Rüsselsheim zu verkünden hat. Zwei Wochen nach Amtsantritt ist es ihre erste Auslandsreise. Das sei kein Zufall, sagt Barra. Allein das ist schon ein Zeichen außergewöhnlicher Wertschätzung von Opel. Klar, dass Neumann den Besuch als extrem wichtig für Opel einstuft.

Barra, einen Kopf kleiner als der Opel-Chef, lächelt und winkt. Die erste Frau an der Spitze eines Autokonzerns überhaupt sammelt erste Pluspunkte, wie schon am Vormittag, als sie mit den Opel-Vorstand diskutiert, sich im für den Konzern wichtigen Technischen Entwicklungszentrum umschaut, im Werk die Produktion des Opel-Topmodells Insignia verfolgt, Hände schüttelt und die eine oder andere Frage von Mitarbeitern beantwortet.

Schwarzer Hosenanzug, schwarze Bluse, brünette mittellange Haare und stets ein freundliches Lächeln - die 52-Jährige kommt an. Zumal sie in ihrer nicht mal dreiminütigen Rede den gebeutelten Opelanern kräftig auf die Schultern klopft, ihnen nicht nur Hoffnung auf wieder bessere Zeiten macht, sondern sogar mehr Arbeit verspricht, zumindest im Stammwerk in Rüsselsheim: "Ich habe gute Nachrichten: Rüsselsheim bleibt nicht nur Produktionsort unseres Flaggschiffes Insignia. Hier wird ab 2015 nicht nur der Zafira Tourer vom Band laufen. Wir werden diese Fabrik mit einem weiteren Modell absichern." Details könne sie noch nicht nennen. Aber GM will mehr als die schon im April versprochenen 4 Mrd. EUR bei Opel investieren, lässt Barra durchblicken. Und spätestens 2015 soll Opel wieder Gewinne einfahren. Die roten Zahlen sind zwar kleiner geworden, aber noch sind sie rot.

Opel habe schon einige Meilensteine erreicht, etwa die Steigerung des Marktanteils im vergangenen Jahr, mit Mokka, Adam und Cascada die äußerst erfolgreiche Einführung neuer Modelle und eine deutliche Image-Verbesserung der Marke. "Ich bin sehr zufrieden mit den Fortschritten", sagt die mächtige Auto-Managerin. Wieder brandet Applaus auf. In diesen drei Minuten hat sich Barra mehr Sympathien erworben als die meisten ihrer Vorgänger in vielen Jahren. Wenn die überhaupt welche hatten. Am Nachmittag sammelt sie in einer internen Versammlung mit mehreren Dutzend Mitarbeitern durch ihre offene, bescheidene Art weitere Pluspunkte.

Opel ist für die Elektroingenieurin und zweifache Mutter, die seit 34 Jahren für GM arbeitet, alles andere als Neuland. Sie leitete eine GM-Fabrik in den USA, war weltweit für Personal und zuletzt vor ihrer als Sensation eingestuften Berufung an die GM-Spitze für die globale Produktentwicklung zuständig. Seit zwei Jahren sitzt sie im Aufsichtsrat von Opel.

Ihr Besuch in Rüsselsheim war nicht der erste. Barra, bei Kollegen als Auto-Freak bekannt und nach eigenen Worten ein Mensch mit Benzin im Blut, kennt das Stammwerk genauso gut wie die Opel-Modelle oder das technische Entwicklungszentrum. Freilich: So viel Zuspruch wie am Montag schlugen der sympathischen Amerikanerin noch nie bei einem ihrer Besuche der von etlichen ihrer Vorgänger vernachlässigten deutschen Tochter entgegen. So groß allerdings war - abgesehen vom Besuch der Bundeskanzlerin vor einigen Jahren - auch nie zuvor der öffentliche Auflauf in Rüsselsheim. Heute Morgen sitzt die 52jährige GM-Chefin schon wieder im Flieger nach Detroit.

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