Bank auf Rädern

Die Dörfer sterben nicht aus, nur ihre Nahversorgung. Nach Bäckern und Kaufläden machen auch kleine Banken zu. Die Sparkasse steuert in Neu-Ulm mit einem Bus gegen den Trend. Ein Reisebericht.

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  • Sparkassenbus samt Begleitfahrzeug (oben): Magdalena Gerner bedient eine Kundin aus Aufheim (unten); Hans-Joachim Roll hält ein kleines Schwätzle mit Jedesheims Kirchenpfleger Paul Ochsenbauer (Mitte). 1/3
    Sparkassenbus samt Begleitfahrzeug (oben): Magdalena Gerner bedient eine Kundin aus Aufheim (unten); Hans-Joachim Roll hält ein kleines Schwätzle mit Jedesheims Kirchenpfleger Paul Ochsenbauer (Mitte).
  • Neben dem Platz vor der Kirche ist dies das zweite Zentrum Jedesheims - mit mobiler Bank, Kastanienbaum und Dorfladen. Fotos: Helmut Schneider 2/3
    Neben dem Platz vor der Kirche ist dies das zweite Zentrum Jedesheims - mit mobiler Bank, Kastanienbaum und Dorfladen. Fotos: Helmut Schneider
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Vom Bauernhof gegenüber weht der Geruch frisch gemähten Grases herüber, eine Gruppe Freitzeitradler rollt an diesem Spätsommerabend vorbei und biegt an der Kastanie ab. Der bürger- und genossenschaftlich wiederbelebte Dorfladen, der hier steht, hat ein Stück alter Idylle nach Jedesheim zurückgeholt. Der technisch hochgerüstete Lastwagen mit ausfahrbarer Satellitenschüssel auf dem Dach will dies ebenfalls, auch wenn das wuchtige Hightech-Fahrzeug auf den ersten Blick so gar nicht ins beschauliche Bild passt. Der Bus ist eine Bank auf Rädern, er kommt die Woche über in acht Gemeinden des Landkreises Neu-Ulm, die keine Sparkassen-Filiale mehr haben.

Aufheim ist am Dienstag und Freitag dran, 12.30 bis 15 Uhr beziehungsweise 12 bis 13.30 Uhr. Die Dorfbewohner kennen die Öffnungszeiten ihrer mobilen Bank. Sie kennen auch die Bänker, es sind immer die selben. Die wiederum kennen ihre Aufheimer, zumindest viele von ihnen. Ein Mann kommt mit seinem Hund des Weges. Magdalena Gerner ruft den Hund "Burschi", eine Mischung aus englischem Pointer und Münsterländer, der gleich einen Keks von der Sparkassen-Frau kriegt.

Gerner hat vorher eine der 28 Filialen der Sparkasse Neu-Ulm/Illertissen geleitet, ehe sie sich zusammen mit drei Kollegen für das Bus-Projekt meldete. "Man ist immer unterwegs", sagt sie und nennt noch einen wichtigeren Grund, der auch ihrem Kollegen Hans-Joachim Roll sofort einfällt: die besondere Form von Kundenbindung, die sich offenbar dort schnell entwickelt, wo die Bankfiliale nicht mehr selbstverständlich ist. Oder bringt heute jemand vor Weihnachten noch Selbstgebackenes in seine Bank? Wenn aber Gerner und Roll an kalten Winterabenden nach Gerlenhofen einrollen, kommt eine Kundin sogleich mit ofenwarmem Kuchen vorbei. Auch Butterbrezeln, Leberkäsesemmeln oder Obst kriegen die beiden gelegentlich. Im Bus schenken sie dann Kaffee aus.

Die Bank auf Rädern ist ein Kind moderner Zeiten, die auf alte Strukturen nicht ohne Weiteres verzichten wollen. In kleinen Kommunen oder in Stadtteilen können aus Kostengründen nicht mehr die gewohnten Dienstleistungsangebote vorgehalten werden. Deshalb gibt es den mobilen Bäcker und Metzger sicher tausendfach in Deutschland. Eine mobile Sparkasse aber nur drei Mal, weiß Alfons Jeggle.

"Die Rechnung geht auf, definitiv", sagt der Projektleiter des Unternehmens. Er meint damit den betriebswirtschaftlichen Aspekt der ganzen Sache. Alle Banken stehen vor der Frage, ob sich ihre Kleinstfilialen bei "abnehmender Kundenfrequenz" noch rechnen. Online-Banking, Bankautomaten, Auftrag am Telefon rund um die Uhr - das alles bietet die Sparkasse auch im ländlich strukturierten schwäbisch-bayerischen Grenzgebiet an. Logische Folge: Der Kundenverkehr am Schalter nimmt ab.

Einfach schließen und den Proteststurm, der sich für gewöhnlich in solchen Fällen erhebt, aussitzen? Im Vorstand der Neu-Ulmer Sparkasse stellte sich vor vier Jahren diese Frage. Die Antwort ist 13 Meter lang, vier Meter hoch, wiegt zwölf Tonnen, hat 217 PS und kostet 750 000 Euro. Zusammen mit der eigenen Garage, die in Illertissen gebaut werden musste, kommt der Sparkassenbus, benannt nach Neu-Ulms Flugpionier "Hermann Köhl", auf eine knappe Million Euro. Auch für eine Bank ist das viel Geld. Aber es rechnet sich, sagt Alfons Jeggle.

Wenn Hans-Joachim Roll den Bus erklärt, gerät er ins Schwärmen. Er war Fahrlehrer bei der Bundeswehr. Weil der Standort Memmingen aufgelöst wurde und er in der Region bleiben wollte, sattelte er vor 20 Jahren auf Banker um. Der Iveco-Sattelschlepper, den er fährt, könnte sein berufliches Know-How, wenn man so will, nicht besser vereinen: Lastwagen und Bank in einem. Auch seine Kollegen haben den Lastwagen-Führerschein.

Roll steuert den LKW in Jedesheim auf den Platz neben der Kastanie, seine Kollegin Gerner ist mit einem normalen PKW schon vorgefahren, dem Ersatzfahrzeug für Notfälle. Auch das gehört zu dem ausgefeilten Konzept. Alles muss berücksichtigt werden. Auch dass auf den gemieteten Stellplätzen des Busses der Satellitenempfang gut ist. Die Schüssel auf dem Dach verbindet die elektronischen Geräte im Inneren mit dem Internet. Damit ist die LKW-Bank eine Filiale mit dem vollen Dienstleistungsangebot: Kontoauszugsdrucker, automatischer Kassentresor, von außen zugänglich ist der Geldautomat.

Der Platz bei der Kastanie ist das Nachrichtenzentrum Jedesheims. Die Anschlagtafel zeugt von einem regen Vereinsleben. Der Heimatverein stellt Fotos aus, die Senioren machen einen Ausflug nach Matzenhofen zum "Gockl-Essen", auch der "Kath. Frauenbund" und der Obst- und Gartenbauverein sind neben einigen Privatanzeigen ("Kater Blondie vermisst") vertreten.

Dass hier auch das Shopping-Center der Kommune ist, liegt maßgeblich an Siegfried Schwab, dem früheren Lehrer. Mit einigem Stolz führt der 75-Jährige den Besucher in den Dorfladen. "Es läuft gut", sagt er. Das Warenangebot ist breit, es fehlt nichts Wesentliches. Zwei Buben sind gerade da und decken sich mit Süßigkeiten ein, ein paar Frauen füllen ihre Einkaufskörbe. Der Pächter des Tante-Emma-Ladens hatte aufgegeben, vor gut zehn Jahren zeichneten 230 Jedesheimer zusammen mehr als 500 Anteile á 130 Euro, um den Dorfladen zurückzubekommen. Heute gehört ihnen sogar das Gebäude. Siegfried Schwab war die treibende Kraft. Eine Chef-Verkäuferin und sechs Teilzeitkräfte schmeißen den Laden. "Einige sind ehemalige Schüler von mir", sagt Schwab.

Auch der Dorfladen passt der Sparkasse ganz gut ins Konzept. Man kann an der Kasse Bargeld abheben, 200 Euro maximal am Tag. Wer das tut, kauft auch gleich ein. So haben beide Seiten etwas davon, sagt Projektchef Jeggle. "Uns geht es um die Primärversorgung in ländlichen Strukturen." Kein Friseur, kein Getränkehändler, oft auch kein Gasthaus - Dörfer haben sich in der Vergangenheit zunehmend auf reine Wohnstätten reduziert.

Die rollende Bank ist ein Teil der Gegenbewegung. Ihre Kunden sind vorwiegend Ältere. Hat das Ganze da nicht ein demographisches Problem? "Das ist der Blick in die Glaskugel", sagt Jeggle. Wenn keiner mehr käme, käme auch der Bus nicht mehr. Noch kommen sie, 20 bis 30 Kunden an jeder Station. In Jedesheim ist Paul Ochsenbauer mit einer Stofftasche gekommen. Darin hat der Kirchenpfleger den Inhalt des Klingelbeutels - also das Geld der letzten Kollekte - zur Einzahlung mitgebracht. "Für mich ist das praktisch", sagt er.

Der Bus ist Bank, aber auch Wohnmobil und als solches eine Einzelfertigung eines Spezialunternehmens. Die Banker Gerner und Roll müssen hier zur Verfügung haben, was man in einem Büro auch hat. Klimaanlage und Toilette, Einbauküche mit Kühlschrank, Wasserkocher, sogar eine Erste-Hilfe-Ausrüstung liegt bereit und das Dach ist mit Solarmodulen bestückt. An der roten Wand hinter der Banktheke hängt ein Flachbildschirm, an dem sich während der Fußball-Europameisterschaft einige Fans die Spiele anschauten. Ein weiteres Beispiel dafür, dass eine Bankfiliale mehr sein kann als eine Geldausgabestelle. Zumindest auf dem Dorf.

Hans-Joachim Roll, der Busfahrer und Banker, sieht sich und sein kleines Team deshalb auch ein bisschen als Botschafter und Werbeträger. Die beiden Männer tragen Sparkassen-rote Krawatten, Magdalena Gerner eine Jacke in gleicher Farbe und dem Firmennamen drauf. Trotz aller Vertrautheit - so sieht man gleich, wer Kunde ist und wer den Kunden bedient. Das ist vor allem dann nützlich, wenn sich die fahrbare Filiale auf Veranstaltungen präsentiert - bei Gewerbeschauen, in Kindergärten oder Schulen.

Hannelore Kotschate, 70, ist von Holzheim mit dem Auto herübergefahren nach Aufheim und fragt die Bankfrau Gerner, was sie mit alten Reichsmark anfangen kann. Kotschates Eltern wohnten in Aufheim. "Das konnte ich auch gleich zur Bank, wenn ich sie besuchte", sagt sie. Ihr Vater ist unlängst gestorben. Noch mit 91 Jahren ist er nach Senden zur stationären Sparkasse gefahren. "Der wollte nicht in den Wagen", sagt die Tochter. Die Bank auf Rädern, die ein Stück der alten dörflichen Struktur erhalten sollte, war dem alten Mann offenbar zu modern.

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