Bangladesch bessert nach

Bangladeschs Textilfabrikanten sind unter Druck, seit zwei Katastrophen mit hunderten von Toten die Konsumenten erschütterten. Und tatsächlich: Es verändert sich was in den Fabriken dieses armen Landes.

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Immer wieder sorgten Textilfabriken in Bangladesch für Negativschlagzeilen. Doch mancherorts gibt es schon bessere Standards, wie hier in der Textilfabrik "One Composite Mills" in Gazipur, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka. Das Versandhaus Klingel und Sportartikelhersteller Uhlsport lassen dort fertigen. Foto: dpa

Nashir Uddin Mia trägt gerne dick auf, wenn er über die 3000 Arbeiter in seiner Textilfabrik in Bangladesch spricht: "Wenn ich Schweißperlen auf ihren Stirnen sehe, fühle ich mich schlecht. Darum habe ich im ganzen Gebäude Klimaanlagen einbauen lassen. Ich habe nicht vergessen, dass ich auch mal arm war." Stolz führt er herum und zeigt, was er bietet: kostenlose medizinische Versorgung, Mutterschutzurlaub, Kinderbetreuung, Schulbücher, Bonuszahlungen.

Bei den Käufern kommt der 52-Jährige mit seiner Vorzeigefabrik - glänzende Böden, markierte Notausgänge, Erste-Hilfe-Beauftragte - gut an. Das deutsche Versandhaus Klingel und Sportartikelhersteller Uhlsport (Kempa) lassen ebenso bei ihm fertigen wie Toys"R"Us, Desigual oder Paul R. Smith. 500 000 Teile gehen pro Monat raus, produziert vom Spinnen übers Färben bis hin zum Nähen und Verpacken.

Immer mehr Textilunternehmer in Bangladesch ziehen wie Mia raus aus der Stadt - eine halbe Million Menschen lebt allein rund um den Vorort Gazipur. "In den Fabriken außerhalb Dhakas ist genug Platz, dort wird in einem guten Arbeitsklima produziert", sagt Gewerkschafter Amirul Haque Amin, Verbandspräsident der Textilarbeiter. Heute entsprächen etwa die Hälfte der Fabriken in Bangladesch europäischen Standards.

Die Fabrikbesitzer stehen unter besonderer Beobachtung, seit zwei Katastrophen sowohl Auftraggeber als auch Konsumenten auf der ganzen Welt aufschreckten. Die Nachfrage allerdings ist nach den Unglücken keineswegs eingebrochen, sie steigt im Gegenteil weiter an. "Ihr braucht uns. Wer sonst soll eure Kleidung herstellen?", fragt Mia selbstbewusst - und zählt auf: Sein Land sei politisch stabiler als Pakistan, der Textilsektor weit besser organisiert als in Burma, um ein vielfaches größer als auf den Philippinen und günstiger als in Indien.

Der Preisvorteil aber wird geringer, seit die Politik auf internationalen Druck und zahlreiche Arbeiterproteste reagierte und den Mindestlohn anhob. Seit Dezember erhalten Arbeiter monatlich mindestens 5300 Taka (50 EUR) statt wie bisher 3000 Taka. "Eigentlich ist das jetzt erstmal genug. Aber sobald die Arbeiter ihren ersten höheren Lohn erhalten, erhöhen die Vermieter auch die Mietpreise", gibt Aktivistin Nazma Akter zu bedenken.

Akter selbst begann mit elf Jahren in einer Textilfabrik zu arbeiten - heute sei Kinderarbeit kaum mehr ein Problem, sagt sie. Doch gebe es trotzdem noch Einiges zu tun: In "Frauen-Cafés" lernten Arbeiterinnen über Spiele ihre Rechte kennen. Sie lernten auch, ihre Löhne zu kalkulieren. "Jetzt können sie mit dem Management reden und sauberes Trinkwasser, Urlaub und pünktliche Bezahlung einfordern." Die Näherinnen, die zu Akter kommen, arbeiten im Moloch Dhaka.

Dort sind die Treppen und Fluchtwege oft zugestellt. Neben dem Rattern der Nähmaschinen sind dort keine Klimaanlagen oder Ventilatoren zu hören. Und manchmal werden sogar die Eingangstüren verschlossen, damit die Arbeiter nicht vorzeitig nach Hause gehen, sagt Gewerkschafter Amin. Doch nehme die Zahl dieser "Tretmühlen" ab, erklärt Amin. Auch weil die internationalen Konzerne heute fast alle eigene Kontrolleure schickten. Von den staatlichen Überprüfungen seien nur wenige glaubhaft.

"Die größte Herausforderung ist die Umsetzung bestehender Gesetze", weiß auch Magnus Schmid, der für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Bangladesch arbeitet. Einen Aktionsplan für Fabrik-Sicherheit haben mehr als 100 Unternehmen unterschrieben - darunter Adidas, Aldi, Esprit, Karstadt, Kik, Lidl, Metro, Otto, Puma, Rewe, S.Oliver und Tchibo. "Wir erhoffen uns diesmal Einiges", sagt Amin. "In den vergangenen 30 Jahren gab es zwar auch immer wieder Druck von außen auf die Produzenten. Aber nun nehmen die internationalen Auftraggeber erstmals auch richtig Geld in die Hand. "

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