Azubis dringend gesucht

Die neuen Ausbildungszahlen bestätigen den Trend: sachte, aber stetig bergab. Immer weniger junge Leute gehen in eine Lehre. Das Handwerk in Baden-Württemberg entwickelt sich aber gegen diesen Trend. <i>Mit einem Kommentar von Miriam Kammerer: Weiter für die Lehre werben</i>

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Ein Auszubildender demonstriert in einer Werkstatt des Berufsbildungszentrums der Handwerkskammer in Erfurt (Thüringen) das Gasschweißen. Bundesweit haben die Lehrverträge ein Rekordtief erreicht.  Foto: 

Im Ausland bewundert, von jeder Bundesregierung in den höchsten Tönen gelobt - und bei Schulabgängern immer unbeliebter. Dem deutschen dualen Ausbildungssystem von Lehrbetrieb und Berufsschule geht es wie dem sprichwörtlichen Propheten, der im eigenen Land nichts gilt. Es wird immer schwieriger für die Wirtschaft, Nachwuchs zu gewinnen. Flüchtlinge sind in der Statistik noch nicht wirklich angekommen.

Wie sehen die aktuellen Lehrlingszahlen aus ? Das Statistische Bundesamt meldet seit Jahren ein Rekordtief nach dem anderen. Noch nie starteten in Deutschland so wenige Menschen in eine duale Ausbildung wie 2015 - mit 516 000 waren es noch einmal 0,4 Prozent weniger als im Jahr davor. Die meisten jungen Frauen und Männer gingen in die Industrie (309 000), wo der Rückgang mit 1,1 Prozent aber auch besonders spürbar war. Das Handwerk (137 000) hatte mit 0,2 Prozent ein geringeres Minus zu verkraften. Die baden-württembergischen Handwerkskammern haben vergangenes Jahr 19 480 Lehrverträge abgeschlossen. Das waren 0,9 Prozent mehr als 2014. Die Industrie- und Handelskammern im Land vermeldeten für das Jahr 2015 einen Rückgang von 30 Ausbildungsverträgen auf 44 364.

Warum schafft es, das Handwerk in Baden-Württemberg Lehrlinge zu gewinnen? "Die Handwerksorganisationen investieren viel in Fachkräftesicherung", sagt Rainer Reichhold, Landeshandwerkspräsident. "Die Maßnahmen im Bereich der Nachwuchsgewinnung beginnen zu wirken. Das Handwerk ist vom Kindergarten bis an die Universität präsent und spricht Jugendliche mit Migrationshintergrund gezielt an." Darüber hinaus seien die Aussichten für Handwerker im Land "supergut", sagt Reichhold.

Welche Lehrberufe werden gern gewählt? In Baden-Württemberg sind die Ausbildungen zum Kfz-Mechatroniker oder zum Anlagenmechaniker recht beliebt. Auch Handelsberufe werden gern gelernt. Mangel herrscht hingegen in den Berufen des Gastgewerbes.

Wie haben sich die Studentenzahlen entwickelt? Gegenläufig zur den Azubi-Zahlen. Exakt 2 759 267 Studenten gab es im Wintersemester 2015/16 an deutschen Hochschulen. Vor 15 Jahren waren es nur knapp 1,8 Mio. Studenten.

Ist der Ruf der dualen Ausbildung denn so mies? Im Gegenteil - zumindest offiziell. Kanzlerin Angela Merkel und Bildungsministerin Johanna Wanka schwärmen bei jeder Gelegenheit, wie gut das System funktioniere. Viele ausländische Staatsgäste sind begeistert und würden die Kombination Lehrbetrieb/Berufsschule am liebsten in ihrem Land übernehmen. Auch die OECD sieht zum Studium "eine attraktive Alternative durch eine berufliche Ausbildung" in Deutschland, wirbt aber dennoch weiterhin für die Hochschulbildung.

Ist ein Studium für Job- und Verdienstchancen die bessere Lösung ? Die OECD verweist auf Zahlen, wonach der Anteil der Erwerbstätigen unter Hochqualifizierten bei 88 Prozent liege. Ein abgeschlossenes Studium sei der zuverlässigste Schutz gegen Arbeitslosigkeit. Skeptiker wie der gegen einen "Akademisierungswahn" in Deutschland zu Felde ziehende Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, aber auch Wirtschaftsverbände halten dagegen. "Mit völlig absurden Botschaften wie "Wer studiert, verdient im Lauf seines Lebens eine Million Euro mehr"" werde jungen Leuten der Kopf verdreht, sagt Nida-Rümelin.

Könnten Hunderttausende junge Flüchtlinge gegen den Mangel helfen? Darauf setzen Wirtschaft, Arbeitsämter und Regierung. So sollen rund 10 000 junge Flüchtlinge rasch mit einem Qualifizierungsprogramm für die Ausbildung im Handwerk fit gemacht werden. Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) stellt dafür 20 Mio. EUR zur Verfügung. Die Bundesagentur für Arbeit zieht mit. Auch die Industrie- und Handelskammern haben ein Aktionsprogramm gestartet.

Berufe ausprobieren

Information Frei von möglichen Rollenbildern können sich Mädchen und Jungen über Berufe auf dem Girls'- beziehungsweise Boys'Day informieren, sagt Christian Rauch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit. Am Boys' haben junge Männer die Möglichkeit, Berufe aus den Bereichen Erziehung, Gesundheit, Pflege und Soziales kennenzulernen. Auf dem parallel stattfindenden Girls'Day können Mädchen die Berufsfelder Handwerk, IT, Naturwissenschaft und Technik erkunden. Der Aktionstag findet am 28. April statt. Auf www.boy-day.de, bzw. www.girls-day.de können Interessierte sich ihr Wunschangebot aussuchen. Auf dieser Seite können auch Arbeitgeber und Einrichtungen ihre Aktionen einstellen. eb

Ein Kommentar von Miriam Kammerer: Weiter für die Lehre werben

Der dualen Ausbildung darf es nicht ergehen, wie dem sprichwörtlichen Propheten im eigenen Land. Viel zu lange hat die Politik, auch getrieben durch die OECD, versucht, mehr Akademiker zu gewinnen. Darunter hat der Ruf der Lehre gelitten. Jetzt geht es darum, Jugendliche - Migranten und Einheimische - wieder für eine Ausbildung zu begeistern.

Dass Werbung in diesem Bereich wirkt, zeigen die Handwerkskammern in Baden-Württemberg, die jetzt die Früchte ihres engagierten Marketings ernten. Das zweite Jahr in Folge meldeten sich mehr Jugendliche für eine Lehre an.

Dabei werben die Handwerker nicht mit Phrasen, sondern mit handfesten Versprechen: Arbeitslosigkeit gibt es im Handwerk fast nicht. Die Chance, später einen Betrieb zu übernehmen, ist groß. Im Anschluss an die Ausbildung kann mit der Vorbereitung auf die Meisterprüfung begonnen werden.

Trotz alldem: Der Bedarf an Lehrlingen ist auch im Land nicht gedeckt. Die Verbände und die Betriebe dürfen nicht nachlassen, weiter die Vorteile einer dualen Ausbildung zu zeigen. Denn die Mischung aus Lernen im Betrieb und in der Schule bringt sehr gute Fachkräfte hervor. Die Wertschätzung für diese Berufe muss von Politik und Gesellschaft noch deutlicher gemacht werden.

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