Auf die Haut kommt nur Natur

Michael Lindner besitzt eine ausgeprägte soziale Ader. Der Chef des Naturkosmetikhersteller Börlind aus Calw setzt auf Projekte in armen Ländern - und bekommt mitunter Post von Hollywood-Stars.

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Michael Lindner umgibt sich gerne mit Kunst, auch in der Firmenzentrale in Calw, die er für Vernissagen zur Verfügung stellt. Foto: Karl-Heinz Kuball

New York, Paris, Shanghai. Michael Lindner kommt viel herum in der Welt. Der Chef des Naturkosmetikherstellers Börlind trifft dabei oft auf Prominente und Stars, die andere nur von der Leinwand oder aus Zeitschriften kennen. "Einmal war ich in einem Reformhaus in Kalifornien. Ich stand neben einer unauffällig gekleideten Dame. Als diese den Laden verließ, fielen die Verkäuferinnen fast in Ohnmacht: Es war Julia Roberts. Ich habe sie nicht erkannt", erzählt Lindner und muss heute noch darüber schmunzeln. "Ansonsten hätte ich ihr ein paar Produkte von uns zum Probieren mitgeben."

Das hatte Lindner auch schon bei Hollywood-Star Renée Zellweger getan, die sich dafür handschriftlich bedankte - was in diesen Kreisen höchst ungewöhnlich ist. Früher, so erzählt der Unternehmer aus dem Schwarzwald, sei im Glamour-Bereich Nachhaltigkeit kein Thema gewesen. Doch das Bewusstsein, dass die Ressourcen auf der Erde endlich sind und wir schonend damit umgehen, entwickelt sich nun auch bei Luxusverwendern."

Börlind kommt das entgegen. "Wir müssen uns kein grünes Mäntelchen umhängen", sagt Lindner (63) mit Blick auf die Werbebemühungen anderer Unternehmen und ist darauf stolz. 1959 gründete seine Mutter Annemarie und sein Vater Walter das Unternehmen in Calw gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Hermann Börner. Mit ihrem Anspruch "was ich nicht essen kann, gebe ich nicht auf meine Haut", war Annemarie Lindner, die in ihrer Jugend an Hautproblemen litt und deshalb den Beruf der Kosmetikerin erlernte, eine Exotin. Doch auch heute stellt Börlind nach diesem Prinzip naturverträgliche Kosmetik her. Mit ihren 91 Jahren gilt Annemarie Lindner als Pionierin und Grande Dame der Naturwarenbranche - auch in den USA.

Natürlichkeit und Nachhaltigkeit prägen von Anfang an die Firmenkultur. Daher achtet das Familienunternehmen bei der Auswahl der Lieferanten auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen, faire Preise, gerechte Entlohnung und den Verzicht auf Kinderarbeit. Börlind unterstützt beispielsweise mit seinem Fair-Trade-Projekt zur Gewinnung wertvoller Butter aus Kariténüssen Frauen in einem Dorf in Mali und schuf ein Schulungszentrum, in dem es auch um Gesundheitsvorsorge und Aids-Prävention geht. Feste Lieferverträge mit Preisen am oberen Ende der marktüblichen Spanne hat das Unternehmen mit iranischen Bauern abgeschlossen, die in einer Hochebene Damaszener Rosen statt Opium anbauen. Auch persönlich engagieren sich Michael Lindner und seine Frau Daniela. In Bangladesh, einem der ärmsten Länder der Welt, bauen sie ein Wohnheim. Die Jungen und Mädchen bekommen dort auch Verpflegung und eine Ausbildung, "damit sie sich selber helfen können".

Auch diese Einstellung ist nicht aufgesetzt, sagt der engagierte Christ. "Bei der Berufsberatung kurz vor dem Abitur, wurde mir empfohlen einen sozialen Beruf zu ergreifen. Ich habe eine soziale Ader und das passt auch zum Unternehmen." Im vergangenen Jahr erhielt Börlind den Mittelstandspreis für soziale Verantwortung in Baden-Württemberg.

Dass er überhaupt Firmenchef wurde, hat auch damit zu tun, dass "er lieber ein kleiner Herr als ein großer Knecht sein wollte". Zum Einstieg in seine Karriere absolvierte er eine Lehre als Industrie- und Pharmakaufmann bei Thomae in Biberach, arbeitete in der Produktion. "Das hat mir gut getan", erzählt Lindner - und es hat ihn geerdet. "Bei uns in der Familie ist das so üblich", sagt er auch mit Blick auf seine vier Kinder. Lindner studierte später Betriebswirtschaft, arbeitete bei der Wander AG, einer Tochter des Sandoz-Konzerns in der Marktforschung und im Außendienst, bevor er mit 29 Jahren Ende der 1970er Jahre ins Familienunternehmen einstieg.

Dabei hätte er sein Interesse für Geschichte fast zum Beruf gemacht. Er wollte Ärchäloge werden. Doch als er auf einer Motorrad-Tour in den Iran 1972 mit einer 22 Jahre alten Horax in Ostanatolien strandete, lernte er dort einen Professor kennen. Der riet ihm: "Machen sie weiter mit BWL."

Aus dem abenteuerlustigen jungen Mann ist längst ein gestandener Unternehmer geworden, der sich unter anderem auch im Arbeitgeber- und im Chemieverband engagiert. Zu seinem Erfolgsrezept gehört auch, dass Börlind seine Produktpalette verbreiterte. Das Unternehmen untersuchte Hauttypen, schuf Kategorien und bietet nun Cremes sowohl für Teenager als auch für Ältere an.

Doch es gab auch schwierige Phasen, räumt Lindner ein (63). Beispielsweise als er vor sechs Jahren sich durchrang, die Produkte nicht mehr exklusiv über die sinkende Zahl an Reformhäusern zu verkaufen, sondern auch in Parfümerien. Während das Geschäft in den Parfümerien nicht ansprang, sank der Umsatz in den Reformhäusern bedrohlich.

Doch das ist Geschichte. "Die Firma steht heute gut da", sagte er. Seine drei großen Kinder (28, 24 und 23) steigen nun in das Unternehmen ein, das seit 2003 der Familie alleine gehört. "Das", so sagt Lindner, "erfüllt mich mit Freude."

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