Atemberaubende Verwandlung

Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas ist viel beschrieben. Und doch ist jeder erstaunt, der sie mit eigenen Augen sieht. Dabei befindet sich das Land gerade im Umbruch. Deutsche Firmen könnten davon profitieren.

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  • Das ist nicht New York und auch nicht eine andere Großstadt in den USA. Das ist Congqing, eine Stadt, deren Namen nur wenige in der westlichen Welt schon gehört haben. Dabei ist Congqin mit rund 32 Millionen Einwohnern die größte Megacity der Welt. Archivfoto 1/2
    Das ist nicht New York und auch nicht eine andere Großstadt in den USA. Das ist Congqing, eine Stadt, deren Namen nur wenige in der westlichen Welt schon gehört haben. Dabei ist Congqin mit rund 32 Millionen Einwohnern die größte Megacity der Welt. Archivfoto
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Journalisten aus Deutschland? "Dann berichten Sie mal was anderes als nur über Menschenrechte oder Tibet", sagt Marlis Rötting. Die Hamburgerin, die Sinologie studiert hat und seit 20 Jahren in Peking lebt, kennt China bestens - das alte China ebenso wie das neue. Beide trennen aber keine Jahrhunderte, sondern vielleicht zwei Jahrzehnte. Seither verwandelt sich das Land geradezu atemberaubend.

Das sieht man vor allem in den Metropolen, etwa in Congquin. Die Hügelstadt steht wie kaum eine andere der unzähligen Millionenstädte gleich für mehrere Trends: Urbanisierung, Immobilienboom, Industriealisierung, Ökologie und die Politik des "Go West" - also die Entwicklung der westlichen Provinzen.

Die Stadtführerin erzählt, wie schwierig es im alten Congqin war, von der einen Seite der Stadt auf die andere zu gelangen. Es gab kaum eine Brücke über die beiden großen Flüsse, Jangtse und Jialing, die das Stadtzentrum in die Zange nehmen. Heute gibt es viele Brücken, viele Stadtautobahnen und einen Tunnel, der unter dem Wasser hindurchführt. "Alles wächst hier mit sehr schnellem Tempo", sagt sie.

Auch Johannes Dell kennt China bestens. Er leitet die Niederlassung Shanghai des deutschen Architektur- und Stadtplanungsbüro Albert Speer & Partner (AS&P). In Deutschland werden Bahnhofs- oder brach liegende Industrieareale umgewidmet, in China werden Städte mit Hunderttausenden von Einwohnern aus dem Nichts hochgezogen. Das bietet auch unter ökologischen Aspekten ungeahnte Möglichkeiten: Wohn- und Arbeitsstätten können gezielt angelegt werden, ebenso Verkehrsadern, Freizeiteinrichtungen oder Erholungsparks.

Die Dimensionen sind gewaltig. "Das ist so, wie wenn man die gesamte Infrastruktur Deutschlands drei Mal neu machen würde", sagt Dell. Aber in chinesischem Tempo und staatlich gelenkt. Da kann dann schon mal ein See zugeschüttet und zwei Kilometer entfernt neu ausgehoben werden. Chinas Entwicklung folgt der physikalischen Formel: Energie ist gleich Masse mal Geschwindigkeit im Quadrat.

Congqing ist die größte Stadt der Welt, hat 32 Millionen Einwohner. Die verteilen sich allerdings auf eine Region, die so groß wie Österreich und direkt der Regierung unterstellt ist. Das ist insofern von Bedeutung, weil die politische Führung das Land wirtschaftlich verstärkt dort entwickeln möchte, wo es am längsten noch Entwicklungsland war: im Westen. Denn der Platz an der Ostküste ist inzwischen so knapp, dass die Immobilienpreise aus dem Ruder laufen.

Grund und Boden ist in dem so riesig großen Land dennoch ein extrem knappes Gut, weil zudem noch Hunderte von Millionen bettelarmer Bauern aus den ländlichen Regionen in die Städte ziehen. Deshalb schießen die Metropolen in die Höhe. Und deshalb wird der Westen politisch gefördert, als Entlastungsraum und auch, um die Einkommensunterschiede auszugleichen. Die Löhne sind hier noch nicht so hoch, es gibt Steuervorteile für Unternehmen, die sich hier angesiedelt haben - von den Autokonzernen, die nur für den lokalen Markt produzieren, bis zu den Elektronik-Zulieferern für Europa und die USA.

Als Marlis Rötting vor 20 Jahren Peking sah, sah sie dort zwei Hochhäuser. Wer heute vom nagelneuen Großflughafen in die Hauptstadt hineinfährt, steht mit einiger Sicherheit auf den breiten Autobahnen im Stau. "Die Chinesen werden das schon selber hinkriegen", sagt Rötting. Eine Reihe von bürokratischen Maßnahmen beugen schon jetzt dem Verkehrsinfarkt vor: Fahrerlaubnis nach Autonummer zum Beispiel oder Versteigerung der Zulassungslizenzen. Und natürlich der weitere Ausbau der U-Bahn. Acht Linien sind es heute, 15 werden es in drei Jahren sein

Zwei Hochhäuser im alten Peking - das neue Peking sieht so aus wie Chongqing auf der nebenstehenden Luftaufnahme, nur noch moderner. Yan Meng, die Stadtführerin, hat vier Jahre in Deutschland studiert. Wenn sie einmal im Jahr in ihre Heimatstadt Peking kam, fand sie sich kaum mehr zurecht in ihrem Viertel. Auch sie erzählt von den politischen Bemühungen, den Lebensstandard auszugleichen. Es sei hier noch nicht so "wie bei Ihnen in Deutschland, wo alle ungefähr gleich sind".

Birgt die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Regionen des Riesenlandes und auch zwischen den Chinesen selber nicht gefährlichen sozialen Sprengstoff, falls sich das Wachstum der vergangenen Jahre abschwächen sollte? Alexandra Voss hat dazu als Privatfrau eine Meinung. Als Chefin der Deutschen Auslandskammer in Peking skizziert sie zunächst die Einschätzung, die sie mit für ihren Arbeitgeber, den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), erarbeitet hat. "China steht zur Zeit am Wendepunkt", sagt sie.

Vor 30 Jahren haben die Wirtschaftsreformen von Deng Xiaoping den chinesischen Drachen aus Maos Ketten befreit. Als verlängerte Werkbank der Welt erzielte man mit einfachen Exportprodukten das enorme Wachstum. Jetzt aber drängen Prioritäten in den Vordergrund, wie sie typisch sind für eine weiter entwickelte Volkswirtschaft: bessere Umwelt, hochqualifizierte Fertigung, mehr Konsum. Und eben auch ein stärkerer Ausgleich der genannten Ungleichheit.

Gerade die Vermeidung weiterer Umweltbelastung steht ganz oben auf der Agenda. "Die Regierung treibt das ganz energisch voran", sagt Wirtschaftsexpertin Voss und führt zwei Beispiele an: Solarindustrie und Elektroauto. Daneben stellt auch die zunehmende Alterung die chinesische Gesellschaft vor große Herausforderungen. "Das wird die Nachfrage nach medizinischer Versorgung steigern", sagt Voss. Aus diesen Trends erwachsen Chancen für deutsche Unternehmen, vor allem bei der Umwelttechnik, bei Dienstleistungen, aber auch bei Konsumgütern.

Und ihre persönliche Meinung zu den Folgen der Ungleichheit? "Ja, ich glaube, dass der soziale Druck steigen wird."

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