Bedingt ausbildungstauglich

Berlin.  Die Unternehmen kämpfen mit wachsenden Problemen, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, weil immer weniger Schulabgänger reif für eine Ausbildung sind. Jede zweite Firma organisiert schon Nachhilfe.

Das Angebot an Ausbildungsplätzen ist 2009 in Baden-Württemberg und Bayern stärker zurückgegangen als in allen anderen Regionen in Deutschland. Damit hat der Süden seine Spitzenstellung bei der Ausbildung verloren - ein Spiegelbild des Konjunktureinbruchs, der im Süden aufgrund der starken Exportabhängigkeit besonders groß ausfiel. Das ergab eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), an der sich mehr als 15 000 Unternehmen beteiligten.

DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben sieht im Süden allerdings ein besonders großes Verbesserungspotenzial. Zudem habe sich der Rückgang von einem Rekordniveau aus vollzogen, erklärte die Spitzenorganisation der Kammern: Gerade die süddeutsche Wirtschaft habe - angetrieben durch die Exporterfolge der Industrie - in den vergangenen Jahren massiv mehr Ausbildungsplätze angeboten.

In diesem Jahr liegen die Ausbildungspläne der Unternehmen in allen Regionen etwa auf dem gleichen Niveau: Überall ist die Zahl der Firmen, die ihre Lehrstellen zurückfahren wollen, deutlich höher als die derjenigen, die ihr Angebot ausweiten wollen. Bundesweit wollen 15 Prozent mehr ausbilden und 60 Prozent das Niveau von 2009 halten. Jeder vierte Betrieb will weniger Lehrstellen anbieten. Damit fielen die Pläne trotz der noch nicht überwundenen Wirtschaftskrise weniger pessimistisch aus als im vergangenen Jahr, so Wansleben.

In diesem Jahr dürften nach seiner Einschätzung im Bereich der IHK 5 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen werden als 2009. Das heißt allerdings nicht, dass mehr Jugendliche leer ausgehen, im Gegenteil: "Nicht Lehrstellen, sondern Bewerber sind knapp", lautet Wanslebens Fazit. Schon 2009 dürften in Industrie, Handel und Dienstleistungen rund 50 000 Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben sein. Selbst in diesem Krisenjahr konnte jeder fünfte Betrieb nicht alle Lehrstellen besetzen.

Besonders groß sind die Nachwuchssorgen im Gastgewerbe. Das hat zwei Hauptgründe: Zum einen nimmt die Zahl der Jugendlichen stetig ab, während gleichzeitig immer mehr ein Studium beginnen. Zum anderen beklagen die Unternehmen massiv die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger. Jeder fünfte Jugendliche habe entweder keinen Schulabschluss oder trotz eines Abschlusszeugnisses kaum Kenntnisse, so der DIHK.

Dabei stehen Baden-Württemberg und Bayern noch relativ gut an: Hier klagten 46 Prozent der Betriebe über Ausbildungshemmnisse. Im Osten sind es 56 Prozent. Dramatisch hoch sind die Mängel der Jugendlichen beim mündlichen und schriftlichen Ausdrucksvermögen, auch wenn sich dies in den letzten Jahren verbessert hat. Jede zweite Firma stellte Mängel bei den elementaren Rechenfähigkeiten fest. Auch bei Leistungsbereitschaft, Disziplin und Belastbarkeit sieht es trübe aus.

Angesichts der Probleme helfen sich die Firmen zunehmend selbst: Jedes zweite hat ein eigenes Nachhilfe-Angebot organisiert. Im Mittelstand sind es sogar 58 Prozent. "Die Unternehmen werden in Reaktion auf die angespannte Bewerbersituation und die mangelnde Ausbildungsreife immer mehr zu Reparaturbetrieben", klagt Wansleben.

Der drohende Fachkräftemangel ist für die Betriebe der entscheidende Faktor, viele Ausbildungsplätze anzubieten: Jeder zweite bekennt derzeit, dies habe entscheidenden Einfluss. Vor einem Jahr war es nur jeder dritte. Die Geschäftserwartungen spielen eine viel geringere Rolle. Um auch künftig Lehrlinge zu finden, wollen besonders viele Firmen stärker mit Schulen kooperieren und mehr um Jugendliche werben.


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