Arbeiten im Ausland: Wiedereingliederung oft schwierig

Vor allem die Rückkehr bereitet Mitarbeitern, die zeitweilig im Ausland arbeiten, Probleme. Diese Angst können Unternehmen ihren Mitarbeitern zum Teil nehmen. Ein Beispiel aus der Praxis.

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    Hartmut Fischer hat seine vier Jahre in Brasilien nicht bereut. Foto: 
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Der Regenwald Südamerikas hat gigantische Ausmaße. Den größten Anteil hat Brasilien mit einer Landfläche, die größer ist als Westeuropa. Wo es viel Wald gibt, werden Motorsägen gebraucht. Deshalb hat der Waiblinger Weltmarktführer in den 1970er Jahren eine Fabrik in Brasilien eröffnet. Heute macht Stihl 90 Prozent des Umsatzes im Ausland und ist in vielen Ländern vertreten. Nach Brasilien, China und die USA schickt das Familienunternehmen regelmäßig Mitarbeiter. Aktuell sind es 25 so genannte Expats. Hartmut Fischer, 55, ist wieder zurück. Er war vier Jahre in Brasilien.

Fischer stammt aus Nordhessen und hat in Hannover Maschinenbau studiert. Gleich nach dem Studium, das war 1986, fing er bei Stihl an, wurde später Gruppenleiter, dann Abteilungsleiter im Versuch. Zu dieser Zeit, 1997, hatte Stihl ein Werk im Süden Brasiliens eröffnet. "Die Fertigung lief nicht rund und ich wurde gefragt, ob ich für 15 Monate dorthin gehen wolle, um die Prozessoptimierung zu überprüfen." Fischer wollte, seine Frau ging mit.

Aus 15 Monaten wurden vier Jahre. In Brasilien sind seine beiden Töchter geboren. 2001 kam die Familie zurück nach Waiblingen. Heute ist er hier Bereichsleiter Entwicklungsforschung und -service.

Auslandseinsätze können Karrieren fördern. "Sie können sie aber auch zerstören", sagt Jutta Boenig, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung und Inhaberin einer Personalberatung in Überlingen. Wenn zum Beispiel der Auslandsaufenthalt zu lang war. "Nach drei, maximal vier Jahren und regelmäßigem Kontakt ist eine Rückkehr meist unproblematisch."

Wer aber doppelt so lang weg ist, kommt zu Hause beruflich nur noch schwer unter. Entweder weil kein passender Posten mehr für ihn da ist oder der Kandidat sich nicht mehr einfügen kann. "Acht Jahre Dubai, mit tollem Haus und Pool, Personal und Privatschule für die Kinder - da tut sich so mancher schwer, nach Hause zu kommen und auf all die Annehmlichkeiten zu verzichten."

Boenig hat hochrangige Manager beraten, die im Ausland waren und nach ihrer Rückkehr keine Stelle mehr bekamen, weil sie nicht mehr in die Unternehmensstrategie passten oder schlicht weg vergessen wurden. "Aus den Augen, aus dem Sinn: Das kommt leider ganz häufig vor." Nur wenige Unternehmen halten den notwendigen Kontakt zu ihren ausländischen Mitarbeiter. Die wiederum selbst vergessen ebenso oft, wie wichtig der Kontakt zur heimischen Zentrale ist.

Die Karriereberaterin Boenig erlebt in ihrem Berufsalltag, dass potenzielle Auslandskandidaten zu wenig darauf Wert legen, ihre Rückkehr zu regeln, bevor sie gehen. "Vereinbarungen darüber zu treffen, ist zurzeit völlig unüblich. Aber sie sind wichtig, damit Mitarbeiter überhaupt gehen, weil die wenigsten Abenteurer nach dem Motto sind: mal schauen, was danach kommt."

Der Kettensägen-Hersteller Stihl regelt die Rückkehr. Das Unternehmen vereinbart vertraglich mit seinen Expats, dass sie anschließend eine Position bekommen, die ihrer bisherigen entspricht. Der Hersteller von Flugzeugturbinen, MTU in München, achtet penibel darauf, dass keiner der etwa 80 Expats vergessen wird. Aus gutem Grund: "Wir wissen, dass die Re-Integration das größte wahrgenommene Risiko des Auslandseinsatzes ist", sagt Personalleiter Hans-Peter Kleitsch.

Die Mitarbeiter fragen sich vor allem dies: Wo lande ich nach der Zeit? Erleiden meine Kinder einen Nachteil, etwa durch die andere Sprache oder Lebensumstände? "Beide Fragen können wir nicht beantworten, aber den Leuten dennoch ihre Angst nehmen."

MTU setzt Mentoren ein, die mit Mitarbeitern aus der Personalabteilung den Expat betreut. Die Mentoren sind Centerleiter oder Vorstandsmitglied und kommen aus dem gleichen Fachbereich wie der Expat. Mindestens viermal jährlich müssen die beiden telefonieren. "E-Mail oder SMS akzeptieren wir nicht, um Kontakt zu halten."

Wenn die Expats in der Unternehmenszentrale sind, müssen sie bei ihrem Betreuer vorbeischauen. "Wir wollen keinen der Expats verlieren, das sind sehr wichtige Mitarbeiter für uns." Sechs Monate vor der Rückkehr gleichen Personaler offene Stellen ab. "Bislang haben wir immer einen passenden Job für unsere Expats gefunden."

Die vertragliche Regelung bei Stihl war für Fischer nicht das ausschlaggebende Motiv. "Ich wollte beruflich etwas Neues machen und dabei sollten mir meine Auslandserfahrungen nutzen." Für ihn hat sich in Brasilien Vieles erst ergeben. Als er ein halbes Jahr dort war, wurde in Deutschland umstrukturiert, sein alter Job war weg. Fischers Mut wurde belohnt. Er hat nichts verloren und viel gewonnen. Vom September 2015 an leitet er das Druckgusswerk von Stihl in Prümm in der Eifel.

Verschwiegene Gesellen

Studienergebnisse Ihr routinefreier Außenblick, ihr oft spezielles know how und ihr kultureller Hintergrund machen Expatriats zu besonderen Ideengebern an ihrem Einsatzort im Ausland. Paradoxerweise aber sind Expats eher verschwiegene Gesellen und behalten ihr Vorschläge lieber für sich. Aus zwei Gründen: Sie fühlen sich ihrem Standort auf Zeit weniger verbunden als dem Stammsitz. Zudem wird jeder Vorschlag auch als Kritik am Unternehmen interpretiert. Dies sind Studienergebnisse der privaten Hochschule Kühne Logistics University, Hamburg. In einer Atmosphäre, in der neue Ideen zum guten Ton gehören und Multinationalität zum Selbstverständnis des Unternehmens gehört, bringen Expats dagegen ihre Ideen eher ein.

 

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