Am Urlaub wird zuletzt gespart

Nach einem hervorragenden Jahr bleibt die Reisebranche auch für 2012 optimistisch. Allerdings könnte später gebucht werden, erwartet der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), Jürgen Büchy.

|

Herr Büchy, wie ist das Reisejahr 2011 gelaufen?

JÜRGEN BÜCHY: 2011 war ein sehr gutes, ja ein Rekordjahr für die Touristik. Wir hatten sowohl im Reisevertrieb als auch bei den Reiseveranstaltern rund 9 Prozent Wachstum. Die leichten Krisendellen 2008 bis 2010 haben wir hinter uns gelassen und das Vorkrisenniveau übertroffen.

Die Touristikbranche ist erstaunlich krisenunanfällig. Was erwarten Sie 2012?

BÜCHY: Wir erwarten wieder ein Wachstum. Es dürfte aber mit 2 bis 3 Prozent deutlich kleiner ausfallen, schon weil es 2010/11 deutliche Nachholeffekte gab. In der Tat sind unsere Kunden und unsere Branche erfreulich krisenresistent. Wenn die Leute Angst um ihre Zukunft haben, halten sie natürlich ihr Geld zusammen. Aber die große Urlaubsreise ist das Letzte, was sie aufgeben. Man spart lieber an der zweiten Reise oder fährt etwas kürzer.

Wie sehen die Vorausbuchungen aus?

BÜCHY: Man spürt schon in den letzten Monaten eine etwas stärkere Zurückhaltung. Wenn sie den ganzen Tag von der Euro-Krise hören, dann motiviert das die Menschen nicht dazu, über die nächsten sieben, acht Monate hinaus größere Geldbeträge auszugeben. Vielleicht ist das auch ein Signal dafür, dass man 2012 später bucht.

Welche Reiseziele sind gefragt?

BÜCHY: Die Ländertrends sind seit Jahren recht stabil, wenn man von der Situation in Nordafrika absieht, die sich immer noch auswirkt. Wir haben starkes Wachstum in der Türkei und wieder eine sehr gute Entwicklung in Spanien. Griechenland war trotz aller Meldungen über Proteste und Streiks sehr stabil und ein Stück weit ein Ausweichziel für Nordafrika. Ferntouristik und Kreuzfahrten wachsen zweistellig.

Luftverkehrsabgabe, Bettensteuer -- der Einfallsreichtum der Politiker nimmt zu. Werden die Touristen zu Melkkühen?

BÜCHY: Der Eindruck drängt sich auf. Die Bettensteuer ist eine klassische Fremdensteuer. Wer mich besucht, bekommt etwas abgeknöpft. Ich halte das nicht für sehr gastfreundlich und mobilitätsfördernd. Wir müssen aufpassen, dass wir die Beweglichkeit der Menschen nicht durch den Aufbau zusätzlicher Zollhäuschen bremsen. Ein Stück weit kommt man sich vor wie zu Zeiten der Postkutsche, wo an der Landesgrenze einer die Hand aufgehalten hat. Besonders problematisch sind alle Aktionen über Nacht, wie wir das bei der Luftverkehrssteuer erlebt haben. Zusatzkosten gehen dann zu Lasten der Reiseveranstalter. Wir müssen langfristig kalkulieren. Die Preisbindung unserer Kataloge gilt über recht lange Zeiträume.

Befürchten Sie, dass der Einfallsreichtum noch zunimmt?

BÜCHY: In Zeiten, in denen das Geld beim Staat knapp ist, befürchtet man das immer. Die Reisebranche sorgt sehr stabil für eine ziemlich hohe Zahl von Arbeitsplätzen in Deutschland, aber auch in den Partnerländern. Sie ist relativ krisen- und konjunkturstabil. Es wäre fatal, ihr mit immer neuen Abgaben das Wasser abzugraben.

Anfang 2011 hat der arabische Frühling den Tourismus durcheinandergewirbelt. Wird er insgesamt anfälliger für politische Krisen?

BÜCHY: Der Tourist ist ein sensibles Tierchen. Wann immer er das Gefühl hat, dass ihm irgendetwas die schönsten Wochen des Jahres verhageln könnte, geht er woanders hin. Das bedeutet für unsere Branche: Es hat keine großen Auswirkungen, wenn wir das Volumen ausgleichen können. Bei größeren Zielen wie Tunesien im Sommer ist es nicht so einfach, kurzfristig ein paar hunderttausend Reisende woanders unterzubringen. Aber die Branche versucht, in andere Zielgebiete auszuweichen. Für die betroffenen Länder ist es natürlich eine Katastrophe.

Nimmt die Zahl der unsicheren Länder zu?

BÜCHY: Das würde ich nicht sagen. Es gab immer wieder Probleme, etwa mit der PKK in der Türkei oder der Eta in Spanien. Während es akut ist, wirkt es sich aus. Aber der Kunde vergisst das glücklicherweise relativ schnell.

Spürt der Tourismus schon die Folgen des Klimawandels?

BÜCHY: Im Alltagsgeschäft nicht. Aber in der Tourismuspolitik, in unseren Überlegungen, wie sich unsere Branche weiterentwickeln muss, diskutieren wir dieses Thema zunehmend. Die großen Reisekonzerne beschäftigen sich damit schon seit Jahren, und auch als Branchenverband haben wir ziemlich hoch auf unsere Agenda gesetzt, wie wir nachhaltigen Tourismus organisieren können. Er lebt von intakter Umwelt und von Akzeptanz. Da sich bei Reisen nicht vermeiden lässt, dass wir Ressourcen verbrauchen und CO2 produzieren, müssen wir uns darum kümmern, dass es möglichst wenig ist. Wo immer möglich müssen wir Anreize setzen, pfleglich mit Umweltressourcen umzugehen.

Sind da deutsche Touristen besonders sensibel?

BÜCHY: Ja. Das Umweltbewusstsein ist in Deutschland gesellschaftlich stärker ausgeprägt, wie etwa der Atomausstieg zeigt. Das wirkt sich auch auf die Touristik aus.

Es gibt den Trend zu kürzeren, aber häufigeren Reisen. Was bedeutet das für die Tourismuswirtschaft?

BÜCHY: Die Angebotsvielfalt nimmt zu. Wer mehrfach verreist, will unterschiedliche Erlebnisse haben - wenn er sie unternimmt. Denn wenn auf Reisen verzichtet wird, dann eher bei den Zweitreisen. Diese sind eher Kurzreisen, Städtereisen. Häufig landen sie bei anderen Veranstaltern als die Hauptreise. Bei den großen Anbietern ist Deutschland als Ziel in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Einige hatten das vor fünf, sechs Jahren noch gar nicht im Angebot. Deutschland ist für die Bundesbürger immer noch das beliebteste Reiseziel.

Bedeutet der zunehmende Individualismus das Ende der Pauschalreise?

BÜCHY: Nein. Der Anteil der Pauschalreisen an allen Urlaubsreisen liegt seit Jahren recht stabil bei rund 50 Prozent. In den letzten ein, zwei Jahren hat er sogar leicht zugenommen. Wir führen das unter anderem darauf zurück, dass die Veranstalter der organisierten Reisen gerade während der großen Krisen wie 2011 in Nordafrika bewiesen haben, dass sie so etwas wie eine Krisenschutzversicherung bieten. Sie organisieren Hilfe für diejenigen, die sich ihnen anvertraut haben.

Hat das Reisebüro als Hauptvertriebsweg noch eine Zukunft, oder wird es vom Internet abgelöst?

BÜCHY: Es hat eine Zukunft. Aber das Buchungsverhalten ändert sich. Die Kunden kommen schon mit detaillierten Informationen ins Reisebüro. Das stellt höhere Anforderungen an die Qualifikation des Beraters. Noch mehr als früher kommt es darauf an, dass er den Mehrwert wie seine Kenntnisse der Zielgebiete und der Produkte ins Verkaufsgespräch einbringt und den Kunden klar macht, dass er eine verlässliche Vertriebsleistung bekommt, das Beste und Günstigste. Es ist sowieso ein Irrglaube, dass das Internet immer billiger ist.

Sind die Kunden durch das Internet preissensibler geworden?

BÜCHY: Die Preistransparenz ist größer. Die Frage ist aber, ob die Preise vergleichbar sind. Bei manchen Reiseportalen sieht die Rechnung ganz anders aus, wenn man bei der Endsumme angekommen ist. Da ist man bei der Beratung im klassischen Reisebüro sicherer, ein Paket zu bekommen, das passt.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Großbrand in Sägewerk: 1,5 Millionen Euro Schaden

In einem Sägewerk in der Oberen Bleichstraße in Ulm ist am frühen Morgen ein Feuer ausgebrochen. weiter lesen