Abschied von gestern

Vom unglaublichen Reichtum der Golfregion profitiert auch der Bilfinger-Konzern. Die Übergabe seines letzten Milliardenbauprojektes bedeutet für den Mannheimer Bau-Dienstleister Abschied und Neubeginn.

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Bilfinger-Vorstandsmitglied Joachim Enenkel blickt auf die riesige Geisterstadt, die der Mannheimer Konzern in Doha, der Hauptstadt von Katar, errichtet hat. Die Zeit solcher Großprojekte ist für Bilfinger vorbei. Foto: Wolf Goldschmitt

Joachim Enenkel blickt vom Dach des fünfstöckigen Neubaus auf Barwa City, momentan die größte Geisterstadt im Mittleren Osten. "Mit einem lachenden und einem weinenden Auge", erläutert der Sindelfinger Ingenieur. Einerseits hat sein Arbeitgeber Bilfinger für den Scheich von Katar eine schlüsselfertige Stadt im Wert von 1 Mrd. EUR aus dem Boden gestampft und dabei - wie es heißt - ganz gut verdient. Andererseits bedeutet die Übergabe der knapp 6000 Wohnungen für 25 000 Menschen für den Mannheimer Konzern das Ende von Großprojekten dieser Art. "Diese Volumina für Bauaufträge wird es für uns künftig nicht mehr geben", klärt das für die arabische Region verantwortliche Vorstandsmitglied auf.

Der ehemalige Baukonzern Bilfinger bekommt ein neues Gesicht und setzt noch stärker auf Dienstleistungen und komplexere Ingenieurbauten wie Brücken oder Tunnels. "Wir nehmen hier Abschied von gestern", fügt Enenkel an. Und sein Chef, der Vorstandsvorsitzende Roland Koch, nickt zustimmend.

Barwa City, die Retortenstadt zwischen Doha und Katars Flughafen, geht als ein Meisterwerk des Bauhandwerks in die Geschichte ein. In den nächsten Jahren sollen zunächst einige tausend Mitarbeiter des nahe gelegenen Krankenhaus dort angesiedelt werden. Wann alle hochmodernen Wohnungen genutzt werden, weiß niemand. Es wird spekuliert, dass die Teilnehmer der Fußballweltmeisterschaft 2022 dort einquartiert werden könnten - falls das Turnier überhaupt dort ausgetragen wird.

Binnen fünf Jahren haben mehr als 10 000 Mitarbeiter aus 33 Ländern unter anderem weit über 800 000 Quadratmeter Wohnfläche geschaffen, dafür 210 000 Steckdosen verlegt und fast 40 000 Holztüren verankert. Geschuftet wird bis spätnachts, nur ab einer Mittagshitze von 48 Grad Celsius sind drei Stunden Pause vorgeschrieben.

Um die kerzengerade angelegten Straßenzüge optisch aufzumöbeln, werden 6000 Palmen gepflanzt. Jede benötigt etwa 200 Liter Wasser täglich, eine Kleinigkeit für den Monarchen, der dank seiner reichen Erdgasvorkommen im Geld zu schwimmen scheint.

Da wundert es auch nicht, dass der Wasserverbrauch im Zwergstaat der Golfregion jährlich um 50 Prozent wächst und die Meerwasserentsalzungsanlage Ras Abu Fontas bewacht wird wie Fort Knox. Das Kraftwerk verwandelt schließlich am Tag über 800 000 Kubikmeter Salzbrühe in trinkbares Nass. Von Umweltexperten wird es als ökologischer Schwachsinn bezeichnet, dass die anfallenden Tonnen von Salz gleich wieder zurück ins Meer gekippt werden. Vielleicht eine Herausforderung für die örtliche Bilfinger-Gesellschaft Deutsche Babcock, die bislang die Wartung und Instandhaltung der Kessel und Rohre von Ras Abu Fontas mitverantwortet.

Joachim Enenkel sieht gerade in diesem Dienstleistungsspektrum die größte Chance für den neuen Bilfinger, in Katar und den angrenzenden Emiraten stärker Fuß zu fassen. "Öl, Gas, Wasser, Kraftwerke, Industrie, Infrastruktur, in allen diesen Geschäftsfeldern können wir unsere Hilfe anbieten", lobt der 50jährige die Fähigkeiten von Bilfinger. Um den Herrschern vor Ort den Überblick über das Leistungsspektrum zu erleichtern, fassen die Mannheimer Strategen seit kurzem alle Tochterunternehmen unter einem neuen Logo zusammen: einer Endlosscheife. Corporate Identity in besonderem Grün und Gelb, gemischt aus fünf Farben. Der alte Namenskompagnion Berger fällt fortan weg. Kostenpunkt: 20 Mio. EUR. Die bildlich angedeutete Verbindung von technischen Fähigkeiten und menschlicher Dienstleistung freilich genügt noch nicht, um bei den Multimilliardären am Persischen Golf zu punkten.

"Das Wichtigste hierzulande sind viel Geduld und Anpassungsfähigkeit", weiß Enenkel aus Erfahrung. Schließlich hat er mit Frau und beiden Kindern Jahrzehnte im Ausland gelebt und kennt Sitten und Gebräuche: "Der Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit ist ebenso ein absolutes Tabu in islamischen Staaten wie Alkoholtrinken, das Zeigen von Fußsohlen oder Bekleidung, die viel Haut zur Schau trägt." Und Bilfinger hat sich für jene Mitarbeiter, die als "Frischlinge" in andere Kulturkreise geschickt werden, etwas Besonderes ausgedacht: ein intensives Benimmtraining.

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