"Und jetzt gleich noch mal"

Früher hieß Physiotherapie Krankengymnastik. Das wurde diesem Beruf nicht gerecht, in dem es um viel mehr geht, als um Massagen, Fangokissen und große bunte Bälle. Ein Besuch in einer Tübinger Praxis.

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Herr Kern soll jetzt die Wasserflasche aufschrauben. Das mit der Zahnpastatube hat ja gerade gut geklappt, deshalb soll der 63-Jährige mit den strahlend blauen Augen die nächste Alltagssituation üben. Also nimmt Manfred Kern mit seiner linken, gesunden Hand die Flasche, drückt sie sich umständlich in die gelähmte rechte, öffnet und schließt den Deckel mit links und zieht dann die Flasche mühsam mit der linken aus der verkrampften rechten Hand. "Konzentrieren", sagt Doris Brötz, seine Physiotherapeutin. Kern konzentriert sich, er müht sich, er schafft es. "Und jetzt gleich noch mal", sagt Brötz. Denn wenn Kern seine gelähmte Hand nicht benutzt, wird sie nie beweglicher werden.

Manfred Kern ist seit einem Schlaganfall vor drei Jahren halbseitig gelähmt. Eine Operation am Hals ging schief. Früher war Kern Krankenpfleger - und Gitarrist. Im Raum Tübingen war er ziemlich bekannt, er spielte Blues, gab Konzerte, nahm CDs auf. Im Internet findet man bis heute Videos und Konzertkritiken. Kerns Songs klingen nach viel Gefühl, Koordination und jahrzehntelanger Übung. Heute kämpft er mit Schraubverschlüssen und damit, Gehstock und Zeitung gleichzeitig zu greifen. Und mit der Aphasie: Kern hat Probleme mit der Sprache. Er kann verstehen und reden, aber seine Sätze fallen oft sehr knapp aus. Er sagt, er mache Fortschritte. In allen Bereichen.

Seit April kommt Kern zu Frau Brötz. Die Physiotherapeutin definiert Ziele und schreibt Trainingspläne. Immer an der Grenze des Möglichen, aber erreichbar. Passive Therapie, das Massieren und Bewegen von Körperteilen durch den Therapeuten, spiele eine untergeordnete Rolle, sagt sie. "Passiv ist gemütlich für beide Seiten. Aber man lernt dabei nichts."

Wenn man sich mit Doris Brötz unterhält, einer Frau mit roter Mähne und ziemlich wachem Blick, leuchtet einem schnell ein, warum man zu Physiotherapie seit 20 Jahren nicht mehr Krankengymnastik sagen soll. Brötz Arbeit sieht einfach aus, ist aber komplex. Sie therapiert, rehabilitiert und heilt. Alles langfristig, alles auf wissenschaftlicher Basis. Die Hälfte ihrer Zeit forscht sie am Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurologie der Uniklinik Tübingen. Bevor sie 2007 ihre Praxis eröffnete, in der noch drei Kollegen arbeiten, war sie leitende Physiotherapeutin der Neurologischen Uniklinik. Seit 1997 forscht sie zu Schlaganfällen und Bandscheibenvorfällen. In der Praxis hängen Poster ihrer Studien an der Wand, eine Liste auf ihrer Internetseite umfasst knapp 50 Publikationen, am Empfang der Praxis liegt ein Buch, das sie mit dem ebenfalls nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmten Schauspieler Peer Augustinski, der Synchronstimme von Robin Williams, geschrieben hat. Darauf steht groß: "Wieder selbständig werden mit dem Brötz-Training".

Das "Brötz-Training" fußt auf ihrer Forschung und um die hier wiederzugeben, reicht der Platz nicht. Zusammengefasst: Es geht um die kleinschrittige Steigerung der Lebensqualität von Betroffenen durch Motivation und realistische Ziele. "Der Kranke soll lernen, sich so zu verhalten, dass es ihm gut geht."

Brötz hat rund 120 Patienten, bis zu neun pro Tag, viele von ihnen haben Wirbelsäulenprobleme. Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit. Laut Robert-Koch-Institut liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Deutschen, einmal im Leben an Rückenbeschwerden zu leiden, zwischen 74 und 85 Prozent. Brötz sagt: "Unser Verhalten und die damit verbundene mechanische Belastung der Wirbelsäule entsprechen nicht unserer Natur." Anders ausgedrückt: Menschen sind fürs Rumsitzen ungeeignet, der Bewegungsmangel des normalen Büroarbeiters führt auf Dauer zu Schmerzen.

Wenn es um Wirbelsäulen geht, ist Brötz in ihrem Element. Ihre blauen Augen hinter der randlosen Brille blitzen, sie gestikuliert. Weniger gern redet sie über das Gesundheitssystem. Nur so viel: "Ich habe bewusst keine Kassenzulassung beantragt, um frei mit Patienten über Behandlungseinheiten und deren Länge zu beraten." Das Kassensystem sei eher bürokratisch als patientennah aufgebaut. In der Zeitschrift Physioscience, die sie mitherausgibt, hat Brötz neulich geschrieben: "Bei der ambulanten Behandlung besteht eine Abhängigkeit von Verordnungen der Ärzte und von Vorgaben der Krankenkassen. Budgetängste der Ärzte können dazu führen, dass sie offensichtlich notwendige Behandlungen nicht verordnen." Alles in allem komme in dem System der Patient oft zu kurz.

Manfred Kern war nun 45 Minuten da, er sieht geschafft und müde aus. Brötz hat noch mit ihm geübt, den Unterarm langsam nach außen zu drehen, dabei hat sie über die entsprechenden Muskeln und Sehnen gestreichelt, damit sein Gehirn wieder lernt, welches Körperteil gerade was macht. Dann waren sie zusammen Treppensteigen mit Stock - und gleichzeitigem Geländerfesthalten, und Kern hat Gehen geübt. Denn sein rechter Fuß ist ebenso steif, verkrampft und widerspenstig wie seine rechte Hand. "Inzwischen kann er schon 30 Minuten am Stück laufen", sagt seine Frau. Nur mit dem Gitarrespielen wird es wohl nichts mehr werden.

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