"Skyfarming": Reisfelder, die in die Wolken wachsen

Reispflanzen in Modulen, geschichtet auf 500 Meter Höhe: "Skyfarming" heißt diese Vision. Forscher der Uni Hohenheim sehen in solch grünen Hochhäusern ein Zukunftskonzept gegen den Hunger.

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Professor Folkard Asch von der Uni Hohenheim stellte gestern in Stuttgart das Modell eines Hochhauses vor, in dem Reis angebaut werden soll. Foto: dpa

"Nichts daran gibt es wirklich, alles ist noch Fantasie", sagt Prof. Folkard Asch. Was der Agrarwissenschaftler und seine Kollegen im Schlosskeller der Uni Hohenheim präsentieren, ist bislang alles Greifbare ihrer Vision: Ein Modell zeigt ein Hochhaus für den Reisanbau. Nebenan ist eine Box zu sehen, in der im Rohr gepflanzter Reis wächst. Und daneben steht ein Glaswürfel, in dem die Reiswurzeln in einem Nebel hängen. Dazu noch ein paar Bilder - das ist alles.

"Man kann ja mal Ideen spinnen", sagt Asch leichthin. Und diese Ideen der Forscher aus Hohenheim, aber auch der Unis Stuttgart und Tübingen, des Frauenhofer-Instituts sowie der beteiligten Firmen sind schon gediehen. Die derzeit 30 Partner wollen die Technologien, Pflanzen und Konzepte entwickeln, um künftig Megastädte mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Mit grünen Hochhäusern wäre das möglich. Sie böten bis zu 40fachen Ertrag verglichen zum konventionellen Anbau auf gleicher Fläche.

Nur gibt es da ein Problem. Exakt 5200 EUR Drittmittel stecken bislang im Projekt. Nun rechnet Asch, dass nur der Bau eines Prototyps - wenige Etagen mit entsprechender Technik - 12 bis 15 Mio. EUR kostet. "Wir suchen derzeit intensiv Kontakt zu Geldgebern", sagt Asch. Als er und sein Kollege Prof. Joachim Sauerborn 2009 bei einem Bier die Idee skizzierten, ernteten sie Kopfschütteln. Heute aber sei spürbar, dass der Innovationsdruck wächst. "Das Interesse am Projekt ist gewaltig gestiegen", sagt Asch. Zwei Anträge für Forschungsgelder sind zwar gescheitert. Das schrecke ihn aber nicht. In fünf bis zehn Jahren könne man einen Prototyp bauen.

Die Forscher führen viele Argumente für Skyfarming an: Es spare Platz, Energie und Ressourcen - nicht mit der derzeitigen Technologie, sondern mit künftigen Innovationen. Die Nahrung wachse direkt beim Verbraucher und zwar klimaschonend. Wie einst beim Apollo-Programm der Raumfahrt könne man die Technologien in anderen Feldern einsetzen. Nutzlos wäre die Forschung also auf keinen Fall.

Nach den Konzept der Forscher soll die Reispflanze "unten ohne" dahängen: Die Wurzeln baumeln in einem Nährstoff-Nebel. Licht- und Klimatechnik sorgen für ideales Wachstum. Geerntet wird automatisch per Logistik-System wie im Hochregal-Lager. Alles würde verarbeitet - als Nahrung, Dämmfaser oder Biomasse. Ein geschlossener Kreislauf: "Im Idealfall kommt ins Hochhaus nur Sonne rein und weißer Reis raus", sagt Asch.

Nichts für Romantiker. "Man bekommt 2050 nicht neun Milliarden Menschen ökologisch ernährt", sagt Asch. Skyfarming würde große Betriebe unter Druck setzen, Kleinbauern fänden eher noch eine Nische. "Jede neue Technologie hat gesellschaftliche Auswirkungen - wie jedes Nicht-Einführen", sagt Asch. Ziel sei, gerade in den boomenden 15 Megastädten Asiens die Versorgung zu sichern. Bis 2035 müsse weltweit die Nahrungsmittel-Produktion um 17 Prozent wachsen.

Skyfarming brauche das Verständnis der Bevölkerung, sagt Asch. So sind die drei Modelle des Projekts vom 1. Juni bis zum 15. Oktober in 35 Städten zu sehen. Das Bundesbildungsministerium schickt sie neben Exponaten anderer Projekte im Ausstellungsschiff "MS Wissenschaft" durch die Republik. Doch gerade im Tüftlerland Baden-Württemberg legt es nicht an.

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