"Kuh schickt SMS an den Bauern"

Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts, bestätigt Bernhard Rohleder. Der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes Bitkom warnt vor vernachlässigter Datensicherheit und fehlenden Standards.

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  • Wem gehören die eigenen Daten? Teils muss erst noch geklärt werden, wem was gehört und was er damit machen darf. Es ist wichtig, dass Privatverbraucher, aber auch kleinere Unternehmen ein Problembewusstsein entwickeln. Illustration: © ellagrin - fotolia.com 1/2
    Wem gehören die eigenen Daten? Teils muss erst noch geklärt werden, wem was gehört und was er damit machen darf. Es ist wichtig, dass Privatverbraucher, aber auch kleinere Unternehmen ein Problembewusstsein entwickeln. Illustration: © ellagrin - fotolia.com Foto: 
  • Bernhard Rohleder, Bitkom-Hauptgeschäftsführer. 2/2
    Bernhard Rohleder, Bitkom-Hauptgeschäftsführer. Foto: 
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Daten werden in riesigen Mengen erzeugt. Wem gehören sie?

BERNHARD ROHLEDER: Das ist noch nicht abschließend geklärt. Bei vernetzten Autos etwa gibt es Fahrzeugbauer, Mobilfunk-Netzbetreiber, Dienstleister, Softwarefirmen und Hersteller von Navigationsgeräten oder Smartphones. Bei allen fallen Daten an, zum Teil sogar die gleichen. Teils muss erst noch geklärt werden, wem was gehört und was er damit machen darf. Wichtig ist, dass der Autofahrer stets souverän über die Verwendung seiner Daten entscheiden kann.

Warum gehören sie nicht dem, der sie verursacht?

ROHLEDER: Sie haben in Deutschland ein Recht auf Auskunft und Löschung. Faktisch aber stehen die meisten vor einer Nebelwand. Bei dem Beispiel vernetztes Auto würde das bedeuten, dass ein Autofahrer 10 oder sogar 20 Briefe schreiben muss und dann hoffentlich eine befriedigende Auskunft bekommt.

Bezahlen Kunden mit Daten?

ROHLEDER: Das ist möglich. Wenn das Auto bei einem leeren Tank etwa den Weg zur nächsten Tankstelle von XY zeigt, weil der Tankstellenbetreiber sich beim Navi-Hersteller eingekauft hat. Im Gegenzug wäre vorstellbar, dass der Navi-Anbieter seine Geräte verschenkt.

Sind Daten das Gold des 21. Jahrhunderts oder wird dies überschätzt?

ROHLEDER: Ich denke sogar, es wird unterschätzt. Auch von jedem Einzelnen. 75 Prozent aller Krebstherapien schlagen nicht an, weil Informationen bei dem behandelnden Arzt fehlen, obwohl sie technologisch verfügbar gemacht werden könnten. Jedes Jahr sterben allein in Deutschland mehr als 20 000 Menschen an Medikamenten-Unverträglichkeit, und auch hier geht es nur um die Verfügbarkeit vorhandener Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Daten sind extrem wichtig und wertvoll. Wir müssen eine neue Balance zwischen Datenschutz und Datennutzung schaffen.

Ist Sicherheit teuer?

ROHLEDER: Es entstehen jährlich 51 Mrd. EUR Schaden, weil Daten nicht ausreichend gesichert sind. Neben Cyberkriminellen sind unzufriedene oder ungeschulte Mitarbeiter Verursacher. Unternehmen müssen ihr geistiges Eigentum schützen, wenn sie dauerhaft in der digitalen Welt Bestand haben wollen. Wirklich teuer wird es, wenn man auf Schutz verzichtet.

Milliarden Gegenstände sollen in einigen Jahren vernetzt sein - ein Einfalltor für Schädlinge?

ROHLEDER: Es ist wichtig, dass Privatverbraucher, aber auch kleinere Unternehmen ein Problembewusstsein entwickeln. Man muss sich rechtzeitig überlegen, wie man reagiert, wenn zum Beispiel der Vertriebsleiter die Kundendatenbank mitnimmt oder eine Cyberattacke die ganze Firma lahm legt. Jedes zweite Unternehmen hat keinen solchen Notfallplan.

Aber das kostet.

ROHLEDER: Jedes Unternehmen hat einen Werkschutz oder eine Schließanlage und Überwachungskameras. Mit der IT geht man dagegen oft sorglos um. Damit wird vielleicht sogar die Existenz riskiert.

Ist es eine Lösung, Daten in Europa zu speichern, wie es Google vorschlägt?

ROHLEDER: Das kann für bestimmte Anwendungen und Kunden eine gute Lösung sein. Es funktioniert nur dann nicht, wenn ein Unternehmen international aufgestellt ist. Wenn ein deutsches Unternehmen in China, den USA oder in Argentinien aktiv ist, fallen eben auch dort Daten an, die vor Ort gesichert werden müssen. Dafür brauchen wir internationale Ansätze.

Wie weit ist Europa vom digitalen Binnenmarkt entfernt?

ROHLEDER: Ein einheitlicher digitaler Binnenmarkt ist eine zentrale Voraussetzung, um die europäische Digitalwirtschaft international konkurrenzfähiger zu machen. Mit der EU-Datenschutzgrundverordnung haben wir einen wichtigen Schritt in diese Richtung getan. Erstmals gelten für alle in der EU tätigen Unternehmen die gleichen Regeln. Allerdings erfüllt die Verordnung nicht unseren Anspruch an ein modernes Datenschutzrecht. Es soll zum Beispiel zahlreiche neue Dokumentations-, Melde- und Genehmigungspflichten geben, und das bedeutet hohen Bürokratieaufwand für Unternehmen. Dieser erhöhte Aufwand könnte gerade Start-ups bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle behindern.

Wie wichtig sind Standards?

ROHLEDER: Standards haben eine herausragende Bedeutung für Digitalmärkte. Amerikaner und Chinesen sind viel pragmatischer. Dort probiert man Technologien einfach aus. Wenn sie funktionieren, gehen sie in den Markt und werden schnell zum De-facto-Standard. Da ist nicht viel von Normungsinstituten. Diese Pragmatik müssen wir in Deutschland noch lernen.

Müssen wir uns in den Wettlauf mit den USA begeben?

ROHLEDER: Die USA haben in der ersten Digitalisierungswelle, wo es primär um konsumer- oder verbraucherorientierte Angebote geht, das Rennen gemacht. Wertschöpfungsketten wurden verkürzt. Anbieter etwa von einer Ferienwohnung kommen über Plattformen in direkten Kontakt mit dem Urlauber. Taxifahrer kommen ohne Taxizentralen in direkten Kontakt mit dem Fahrgast. Da haben die Amerikaner Pionierarbeit geleistet. Worauf es jetzt bei uns ankommt, ist die digitale Transformation in den Kernbranchen der deutschen Wirtschaft.

Ist digitales Lernen existenziell?

ROHLEDER: Ja, für einzelne Personen und Unternehmen. Ein Landwirt etwa ist heute eher ein Ingenieur, der mit Tieren und Pflanzen zu tun hat. Ein Traktor ist mittlerweile ein absolutes High-Tech-Gerät. Auf einem digitalen Bauernhof schickt die Kuh eine SMS an den Bauern und den Tierarzt, wenn sie empfängnisbereit ist. Sensorik stellt dies am Bewegungs- und Kauverhalten fest und erreicht eine Trefferquote von 97 Prozent. Erfahrene Landwirte kommen nur auf 80 Prozent. Digitalisierung betrifft auch ganz urständige Berufe.

Zur Person vom 9. Januar 2016

Dr. Bernhard Rohleder studierte von 1987 an Politikwissenschaft im Saarland und in Paris. Seine Laufbahn startete er bei ZF in Saarbrücken, dem Presseverlag Ploetz und dem brandenburgischen Wirtschaftsministerium. Der 1965 Geborene arbeitete im Fachverband Informationstechnik im VDMA und ZVEI.1997 wurde er zum Generalsekretär des europäischen Spitzenverbands der IT-Branche, Eurobit, berufen. Daneben führte Rohleder das Generalsekretariat des Weltverbands der IT-Industrie International Information Industry Congress. Rohleder hat den Branchenverband Bitkom 1999 mit aus der Taufe gehoben und ist seitdem Hauptgeschäftsführer. vt

SWP

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