"Kaufe nur, was Du verstehst"

Aktien kaufen, sich zurücklehnen und auf den Reibach warten: Das geht eher schief, sagt Richard Dittrich, der Leiter der Kundenbetreuung an der Stuttgarter Börse. Aktionäre sollten immer auf dem Laufenden sein.

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Die Zinsen auf Sparguthaben sind auf einem historischen Tiefstand. Dennoch halten sich die Deutschen im internationalen Vergleich nach wie vor sehr mit Aktien oder Fonds zurück. Woran liegt das?

RICHARD DITTRICH: Die Staatsschuldenkrise ist immer noch eines der beherrschenden Themen. Gleichzeitig erklommen die großen Leitindizes in diesem Jahr eine Rekordmarke nach der anderen. Der Widerspruch zwischen allgegenwärtiger Schuldenkrise auf der einen Seite und Indexhöchstständen auf der anderen Seite führt bei vielen Privatanlegern zu großer Verunsicherung. Es ist deshalb wichtig, die Zusammenhänge zu erklären und Möglichkeiten für passende Investments aufzuzeigen.

Fangen wir mit der Aufklärung an. Was steckt hinter der Entwicklung?

DITTRICH: Durch die lockere Geldpolitik der Zentralbanken fließen gewaltige Mengen Liquidität in die Märkte. Vor allem institutionelle Investoren, also etwa Fondsgesellschaften, suchen nach renditebringenden Anlagemöglichkeiten und investieren deshalb unter anderem in Aktientitel aus den großen Leitindizes, wie zum Beispiel dem Dax.

An der Börse geht es stets auf und ab, dafür stehen auch die Symbole Bulle und Bär. Was spricht dafür, sich dennoch auf das Parkett zu wagen?

DITTRICH: Wie Sie bereits gesagt haben, befinden sich die Zinsen für Spar- und Festgeldguthaben momentan auf einem historischen Tiefstand. Bei einer Inflationsrate von knapp unter 2 Prozent verlieren Sparer also de facto Geld. Viele entscheiden sich daher für ein Investment in Wertanlagen, die eine höhere Rendite versprechen, wie Immobilien oder Edelmetalle. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, in Wertpapiere zu investieren. Insbesondere Aktien bieten hier eine renditestarke Anlagealternative.

Welchen Vorteil hat die Aktie?

DITTRICH: Im Gegensatz zum so genannten Betongold haben Aktien den Vorteil, dass man sie einfach kaufen und verkaufen kann. Die Anleger kommen zudem meist noch in den Genuss einer jährlichen Dividendenzahlung.

Für wen lohnt es sich, über Aktien- oder Fondskauf nachzudenken? Braucht man ein Grundkapital in bestimmter Höhe?

DITTRICH: Es ist kein großes Startkapital notwendig, um Wertpapiere wie Aktien oder Fonds kaufen zu können. An der Börse Stuttgart ist der Handel ab einem Wertpapier möglich. Ein Kauf von Wertpapieren mit geliehenem Geld ist generell nie ratsam. Vor einem Investment an der Börse sollten Anleger in jedem Fall Rücklagen gebildet haben und damit über ein finanzielles Polster verfügen. So müssen sie bei einem eventuell anfallenden, kurzfristigen Finanzbedarf nicht auf das Depot zurückgreifen.

Ist es anstrengend, Aktionär zu sein? Muss man pausenlos aufpassen, dass nichts schief läuft?

DITTRICH: Wer sein Geld investiert, sollte es prinzipiell nie aus den Augen verlieren. Einmal pro Woche sollte man mindestens ins Depot schauen. Auch Geldanlage ist Arbeit. Selbstverständlich gibt es Anlageklassen, die mehr Sorgfalt erfordern als andere. Umso riskanter eine Anlage ist, umso mehr Zeit muss ein Anleger investieren. Es gibt jedoch auch Wertpapiere, die sich für eine langfristige Geldanlage eignen und weniger stark beobachtet werden müssen. Heutzutage gibt es zudem viele technische Möglichkeiten, die es erlauben, das Depot im Blick zu behalten.

Zum Beispiel?

DITTRICH: Mit der App der Börse Stuttgart kann das eigene Portfolio jederzeit überwacht werden. Durch Echtzeit-Kursdaten und Videos mit Marktberichterstattung ist man auch unterwegs immer auf dem Laufenden.

Wäre es nicht bequemer, Geld klassisch in Gold anzulegen?

DITTRICH: Wer in Gold investiert hat eine Gewissheit: Gold wird immer etwas wert sein. Der Nachteil ist aber, dass Gold keine Zinsen abwirft. Man kann also nur dann Gewinn erzielen, wenn man das Gold über dem Einstiegspreis verkauft.

Der Goldpreis schwankt auch sehr.

DITTRICH: Das stimmt, so fiel der Goldpreis von rund 1700 US-Dollar, zu Beginn des Jahres auf rund 1300 US-Dollar Anfang August. Außerdem entstehen für die sichere Verwahrung von Gold ebenfalls laufende Kosten. Die Gebühren für die Lagerung in einem Bankschließfach schmälern ebenfalls die Rendite.

Wie kommen Anleger an eine Aktie?

DITTRICH: In Deutschland können Anleger nicht direkt an der Börse handeln. Zur Orderaufgabe ist immer eine Bank oder ein Online-Broker notwendig, der die Order an den Handelsplatz weiterleitet.

Wer entscheidet, wo dann die Aktie gekauft oder verkauft wird?

DITTRICH: Bei der Auswahl des Handelsplatzes ist die Depotbank an die Weisungen des Kunden gebunden. Jeder Anleger kann den Handelsplatz frei auswählen. Wenn ein Privatanleger über Stuttgart handeln möchte, muss er das seinem Bankberater mitteilen, oder er wählt in der Auftragsmaske seiner Depotbank selbst den Handelsplatz. Bei Fragen zur Orderausführung oder allgemein zum Handel an der Börse Stuttgart ist die Kundenbetreuung während der Börsenhandelszeit von 8 bis 22 Uhr über eine kostenfreie Rufnummer erreichbar.

Was braucht man, abgesehen von Geld, um Aktien kaufen zu können?

DITTRICH: Zunächst braucht jeder Anleger ein Wertpapierdepot. Bei der Entscheidung für eine Depotbank haben Anleger eine große Auswahl, von klassischen Filialbanken bis hin zu modernen Direktbanken. Bei Direktbanken werden Aufträge per Internet oder Telefon aufgegeben. Auch bei klassischen Banken können Wertpapiere meist online gehandelt werden. Zusätzlich können Anleger dort Wertpapiere über ihren Bankberater handeln, persönlich oder per Telefon.

Was ist der größte Fehler, den Neueinsteiger machen können?

DITTRICH: Einer der größten Fehler ist es, sich vor dem Wertpapierkauf nicht ausreichend zu informieren. Viele Menschen wenden viel Zeit für den Autokauf auf, aber für den Wertpapierkauf muss dann eine halbe Stunde beim Bankberater genügen. Das funktioniert nicht. Deshalb sollten sich Anleger immer umfassend informieren und stets nach dem Leitsatz handeln: "Kaufe nur, was Du verstehst!" Glücklicherweise stellen wir fest, dass sich Anleger heute sehr viel besser informieren, als noch vor ein paar Jahren.

Wie weise sind denn Börsenweisheiten?

DITTRICH: Viele Börsenweisheiten haben sich überholt. Zum Beispiel: "Wer gut schlafen will, kauft Anleihen, wer gut essen will, bevorzugt Aktien." Es gibt mit Sicherheit den einen oder anderen Eigentümer griechischer Staatsanleihen, der so manche Nacht durchwacht hat. Eine Börsenweisheit hat es mir jedoch ganz besonders angetan, denn sie ist immer gültig: "Risiko und Rendite halten sich immer die Waage!"

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