"Guten Tag" statt "Bom dia"

Die Pflegebranche boomt. Doch das Wachstum wird durch fehlende Fachkräfte gebremst. Die Evangelische Heimstiftung sucht Hilfe in den krisengebeutelten Ländern in Südeuropa, und holt die Pfleger von dort.

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Josipa Ehn (rechts) bekommt bald neue Kollegen aus Südeuropa: Die portugiesischen Pflegekräfte lernen noch Deutsch. Nach der Sprachprüfung werden sie für die Evangelische Heimstiftung arbeiten. Foto: Helmut Pangerl

Heute hat Frau Mayer einen guten Tag. Die gehbehinderte demente Frau macht einen kleinen Schritt nach dem anderen. Josipa Ehn bleibt bei ihr, stützt sie leicht und redet ihr gut zu. Die 31-Jährige arbeitet als Altenpflegerin im Pflegezentrum an der Metter in Bietigheim-Bissingen. "Das ist mein Traumberuf", sagt sie stolz.

Menschen wie Josipa Ehn könnte Bernhard Schneider, Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung (EHS) gut gebrauchen. Die EHS betreibt das Heim und ist der größte Anbieter im Land. Der Pflegebranche fehlt jetzt schon Personal. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Baden-Württemberg steigt in den nächsten 20 Jahren von 250 000 auf 350 000 Menschen. Bis zum Jahr 2050 werden in Deutschland 4 Mio. Menschen pflegebedürftig sein. Dazu sind 2,1 Mio. Pflegekräfte notwendig. Da diese aber auch altern - mittlerweile sind 25 Prozent von ihnen mehr als 50 Jahre alt - schrillen bei vielen Heimbetreibern die Alarmglocken.

Vor diesem Hintergrund plädiert Schneider für bessere Rahmenbedingungen für das Pflegepersonal, damit sich mehr Menschen für den Beruf begeistern. Er spricht unter anderem von neuen Formen der Ausbildung in Teilzeit, standardisierter Anerkennung ausländischer Pflegeabschlüsse, einfacheren Zugangsmöglichkeiten für Quereinsteiger und die Qualifizierung südeuropäischer Fachkräfte.

Bei dem letzten Punkt wurde die EHS bereits aktiv. Sie hat acht portugiesische Pfleger und eine spanische Pflegekraft nach Stuttgart geholt. Nach einem achtmonatigen Integrationskurs und einem Praktikum sollen sie fest zur Belegschaft gehören. "Das ist kein Notnagel, sondern ein strategischer Baustein unseres Konzepts", erklärt der Hauptgeschäftsführer der EHS. "Jedes Jahr fragen wir uns, wie wir bei unserem stetigen Wachstum den Fachkräftebedarf abdecken können." Daher warb der Betreiber im Frühjahr in Porto um Pflegefachkräfte. Viele von ihnen sind dort arbeitslos. Die Arbeitslosenquote ist mit 15,7 Prozent eine der höchsten in der EU. Aus dem Jahrgang von Krankenschwester Ana Carina Dias haben nur 5 Prozent eine Stelle in Portugal bekommen. Der Rest hofft auf sein Glück im Ausland.

Für die 25-Jährige kam die Möglichkeit nach Stuttgart zu gehen, wie gerufen. Sie spricht gar von "einer Chance, die nur einmal im Leben kommt".

Der Andrang der Bewerber in Porto war groß, aus 70 Bewerbungen wurden acht ausgewählt. Die EHS möchte im nächsten Frühjahr die Aktion zusammen mit der Zentralen Auslandsvermittlung der deutschen Arbeitsagentur wiederholen. "Das Problem ist die Anerkennung der ausländischen Abschlüsse", sagt Schneider. Im Gegensatz zu Deutschland dauert die Ausbildung zur Pflegefachkraft in Portugal vier statt drei Jahre und wird mit dem Bachelor-Titel abgeschlossen. In Stuttgart wurde eine Lösung dafür gefunden: Mit dem Bestehen des Sprachtests B2, werden die portugiesischen Krankenschwestern beim Regierungspräsidium als deutsche Pflegekräfte anerkannt.

Etwa 4300 EUR pro Kopf kostet der Deutschkurs für die Portugiesen, dazu kommen rund 400 EUR Taschengeld im Monat. Unterkunft und Verpflegung sind für sie frei. Das alles finanziert die EHS. Die neuen Mitarbeiter verpflichten sich ihrerseits, mindestens für 30 Monate zu bleiben. "Das ist kein Problem. Bei uns in der Heimat gibt es keine Arbeit", sagt Ana Carina Dias. "Jetzt heißt es halt morgens ,Guten Tag statt ,Bom dia", sagt sie lächelnd. Einen Vergleich mit den früheren Gastarbeitern will sie nicht hören. Sie wehrt ab: "Wir kommen als ausgebildete Fachkräfte, in den 60er Jahren waren es einfache Hilfsarbeiter, die nach Deutschland emigrierten."

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