"Gute Arbeit, gut in Rente"

Das Renteneintrittsalter steigt. Nach Ansicht der IG Metall hat sich die Arbeitswelt noch nicht darauf eingestellt. Eine Kampagne soll Missstände aufdecken. Der Tarifpartner Gesamtmetall dagegen sieht Fortschritte.

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  • Gymnastikübungen in der Werkshalle: 2007 hat BMW am Standort Dingolfing ein Projekt für älterer Mitarbeiter gestartet. Foto: dpa 1/2
    Gymnastikübungen in der Werkshalle: 2007 hat BMW am Standort Dingolfing ein Projekt für älterer Mitarbeiter gestartet. Foto: dpa
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Rente mit 67? Aus der Sicht der Gewerkschaft IG Metall macht das keinen Sinn. Sie plädiert weiter für flexible Übergänge in den Ruhestand. "Die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen lassen kaum ein Arbeiten bis 65 und schon gar nicht darüber hinaus zu. In der heutigen Arbeitswelt sind Arbeitsplätze, auf denen man gesund alt werden kann, leider Mangelware", sagte Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban im Vorfeld der Kampagne "Gute Arbeit, gut in Rente", die in dieser Woche startet.

Gemeinsam mit den Betriebsräten soll eine Bestandsaufnahme erfolgen, wie es um die Beschäftigungsbedingungen älterer Arbeitnehmer steht. "Neben einer deutlichen Zunahme der psychischen Belastungen beobachten wir auch eine Rückkehr der traditionellen Arbeitsbelastungen in den Betrieben." Aus kurzfristigen Kostenbetrachtungen heraus hätten viele Fabriken die gruppenorientierte Arbeitsorganisation gestoppt und stattdessen wieder Tätigkeiten mit sehr kurzen, gesundheitsgefährdenden Taktzeiten unterhalb von 90 Sekunden eingeführt.

Die Gewerkschaft sieht die Unternehmen im Verzug. Eine Umfrage unter Betriebsräten habe im Sommer ergeben, dass nur noch in den wenigsten Betrieben Arbeitnehmer im Alter von mehr als 60 Jahren präsent seien. Qualifizierungsangebote für Ältere oder altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung gebe es kaum. Stattdessen berichteten die Betriebsräte von einer scharfen Leistungsverdichtung.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hält bei dem Thema dagegen. Die Unternehmen müssten aufgrund des demographischen Wandels alle verfügbaren Potenziale nutzen, um ihren Fachkräftebedarf zu decken. Dafür tun sie bereits einiges, berichtet Gesamtmetall und nennt ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, Investitionen in modernere Produktionsmethoden sowie die wachsende Bedeutung der betrieblichen Gesundheitsvorsorge als Beispiele.

Auch der Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags, Peter Kulitz, sieht keine Alternative zur Erhöhung des Renteneintrittsalters. "Es gibt in dieser Situation schlicht keine andere Möglichkeit als länger zu arbeiten, um Beiträge stabil zu halten, damit auch in Zukunft für ,gute Arbeit eine gute Rente bezahlt werden kann", sagte er gestern auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Er sei zuversichtlich, "dass die produzierenden Unternehmen im Lande ihre Innovationskräfte auch dazu nutzen werden, älteren Mitarbeitern ein ihren Möglichkeiten angepasstes Arbeitsumfeld zu schaffen".

In der Metallbranche zeichnet sich ein Wandel ab. Die Zahl der Mitarbeiter in der Altersklasse 60 plus ist von rund 85 000 im Jahr 2000 auf 173 000 im Jahr 2011 gestiegen. Vergangenes Jahr waren 29 Prozent der Mitarbeiter in der Metall-und Elektroindustrie 50 Jahre und älter, der Anteil der Altersklasse 60 aufwärts lag bei 4,9 Prozent.

Der heutige Grad der Beschäftigung Älterer sei zum Teil noch das Ergebnis der Altersteilzeitprogramme, mit denen Gesetzgeber und Sozialpartner Arbeitsplätze für jüngere Mitarbeiter verfügbar machen wollten, heißt es bei Gesamtmetall. Mit dem Tarifvertrag "Flexibler Übergang" wurde 2008 aber ein Paradigmenwechsel hin zur längeren Beschäftigung eingeleitet.

In den kleinen und mittleren Unternehmen liegt der Anteil der älteren Beschäftigten laut Gesamtmetall bereits höher als in den großen Unternehmen. Doch auch Letztere denken um, schneiden die Produktion auf die Bedürfnisse Älterer zu.

Der Ingolstädter Autobauer Audi hat 2007 in Neckarsulm für den R8 eine Produktionsstraße namens "Silverline" eingerichtet, mit längeren Taktzeiten und abwechslungsreicheren Arbeitsschritten. Im selben Jahr startete beim Münchner Autobauer BMW in Dingolfing ein Modellprojekt, um älteren Beschäftigten die Arbeit zu erleichtern. Es wurden Hocker in die Montagestraße gestellt und Sprossenwände für Gymnastikübungen integriert.

Der Begriff "älter" ist allerdings relativ zu sehen. Bei Audi beginnt er schon ab 40.

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