"Es muss fair zugehen"

In China aktiv zu sein, ist nicht einfach. Dennoch bleibt das Land für die Maschinenbauer aus Baden-Württemberg interessant, sagt Ulrich P. Hermani, der Geschäftsführer des Branchenverbands im Südwesten.

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Sie waren mit Maschinen- und Anlagenbauern und Wirtschaftsminister Nils Schmid vor einer Woche in China. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

ULRICH P. HERMANI: Insgesamt hat sich die Reise sehr gelohnt. Wir haben gezeigt, was wir in Baden-Württemberg können. Die Unternehmen, die noch nicht in China aktiv waren, konnten sich einen ersten Eindruck über die Marktchancen ihrer Produkte verschaffen. Die im Chinageschäft erfahrenen Unternehmen haben neue potenzielle Kunden getroffen. In den politischen Gesprächen ging es nicht nur um erweiterte Kooperationen bei Ausbildung oder Technologietransfer, sondern auch um den Schutz des geistigen Eigentums. Der ist für die baden-württembergischen Unternehmen sehr wichtig.

In Nanjing fand als Pendant zur gleichnamigen Werkzeugbaumaschinenmesse in Stuttgart die "AMB" statt. Wie war die Resonanz?

HERMANI: Der Start ist gelungen. Die Unternehmen aus Baden-Württemberg waren zufrieden. Die Messe wird in den nächsten Jahren noch an Bedeutung gewinnen.

In China flacht die Konjunktur ab, schlägt sich das in den Auftragsbüchern im Südwesten schon nieder?

HERMANI: Nach dem enormen Wachstum der Exporte nach China 2009 sind die Maschinenexporte nach China im ersten Halbjahr 2012 um 15,8 Prozent gesunken. Das erfreulich gute Geschäft mit den Nafta-Ländern, vor allem den USA, oder den Asean-Ländern hat das aber kompensiert. Insgesamt lagen baden-württembergischen Maschinenexporte im ersten Halbjahr 2012 noch leicht über Vorjahr.

In China wechselt die Führung. Wie wird sich das auf die Wirtschaft auswirken?

HERMANI: Die weltwirtschaftliche Abschwächung hat auch Spuren in China hinterlassen. Ferner wurden im Vorfeld des 18. Parteitags der KP China Investitionen geschoben. Wir gehen davon aus, dass nach der Neubesetzung der politischen Spitze, die auf dem Parteitag erfolgen wird, wieder große Investitionsprojekte gestartet werden. Neuen Schwung verspricht auch die Umsetzung des Fünf-Jahres-Plans. Er soll sieben strategische Industrien mit 1,2 Billionen EUR fördern.

Fällt davon ein Brocken für die Maschinenbauer im Südwesten ab?

HERMANI: Davon gehe ich aus. Zumal noch ein Infrastrukturprogramm in Höhe von 124 Mrd. EUR dazu kommt. China will mehr in die Modernisierung seiner Industrie, in Umwelt- und Ressourcenschutz investieren. Deshalb können die baden-württembergischen Maschinenbauer mit neuen Aufträgen rechnen. Wir haben die Hightech-Produkte, die China dringend braucht. Insofern fand die Delegationsreise auch zum richtigen Zeitpunkt statt.

Die chinesische Regierung fordert ihre Firmen zu mehr Auslandsinvestitionen auf. Sind sie willkommen?

HERMANI: Genauso wie deutsche Unternehmen sich stark mit Investitionen in Produktion, Entwicklung und Vertrieb in China engagieren, sollten wir nichts dagegen haben, dass sich auch chinesische Unternehmen in Deutschland engagieren. Aber es muss fair zugehen.

Was verstehen Sie darunter?

HERMANI: Es kann nicht sein, dass Peking Auslandsinvestitionen chinesischer Firmen massiv fördert, etwa durch Bereitstellung finanzieller Ressourcen und Reisekostenübernahme, aber deutsche Firmen bei Engagements vor Ort bremst.

Inwiefern wird gebremst?

HERMANI: Bestimmte Bereiche sind ausländischen Investoren ganz verschlossen, zum Beispiel im Energiebereich. An deutsche Unternehmen werden oft höhere Anforderungen für Arbeitsschutz- oder Umweltauflagen gestellt. Die Kosten von Energie, Arbeit oder Materialien können höher sein. China greift bei Zöllen und technischen Normen ein, um inländische Hersteller zu schützen. Das größte Problem sind aber die Plagiate. Die chinesischen Gesprächspartner betonen seit Jahren, dass sie entschiedener gegen Produktpiraterie vorgehen wollen.

Sie bleiben aber skeptisch?

HERMANI: Für mich gilt der Satz, "Die Worte höre ich gern, allein fehlt mir der Glaube". Deswegen helfen sich viele baden-württembergische Unternehmen inzwischen selbst mit technisch ausgefeilten Lösungen, die die Kopierbarkeit von Komponenten und Maschinen erschweren. Unser Thema lautet: "Kampf der Kopierfalle".

Dennoch bleibt China attraktiv?

HERMANI: Ja, trotz dieser Widrigkeiten steigt das Engagement deutscher Maschinenbauunternehmen in China rapide an. 550 der 3100 VDMA-Mitgliedsfirmen haben bereits eine Tochtergesellschaft in China, vor allem für Vertrieb und Service, aber auch zunehmend für Produktion und Entwicklung. Deutsche Maschinenbauer müssen vor Ort sein, um an dem enormen Marktwachstum teilzunehmen und um zu sehen, wohin technische Entwicklungen laufen, welche neue Kundenbedürfnisse sich ergeben und was der Wettbewerber tut.

Apropos Wettbewerber: Die Delegation hat auf der Reise Shenyang Machine Tools besucht, den größten Maschinenbauer Chinas. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

HERMANI: Shenyang Machine Tools ist gemessen am Umsatz drittgrößter Werkzeugmaschinenhersteller der Welt, hinter einem japanischen Unternehmen und der Firma Trumpf aus Ditzingen. Das, was ich dort in der Produktion gesehen habe, raubt mir nicht den Schlaf. Wir müssen aber sehen, dass China enorme Anstrengungen unternimmt, um auch im Maschinenbau die Abhängigkeit von ausländischen Technologien zu reduzieren, um in wichtigen Bereichen Innovationsführer zu werden. Gerade der Werkzeugmaschinenbereich wird mit Mitteln aus dem Fünf-Jahres-Plan massiv gefördert.

Wie dicht sind die Chinesen den Baden-Württembergern in Sachen Entwicklung schon auf den Fersen?

HERMANI: Wir haben gerade eine Umfrage für den baden-württembergischen Maschinenbau abgeschlossen, in der wir wissen wollten, wo unsere Hauptkonkurrenten sitzen. Bei der technischen Wettbewerbsfähigkeit sagen 57 Prozent der Unternehmen, ihr Hauptwettbewerber säße in Deutschland, 14 Prozent in Japan, 8 Prozent in Italien und nur 0,7 Prozent in China.

Wie sieht es bei den Preisen aus?

HERMANI: Bei dem Thema sehen 23 Prozent der Unternehmen ihren Hauptwettbewerber in China und nur 19 Prozent in Deutschland. Daher wird die Verbesserung unserer preislichen Wettbewerbsfähigkeit durch neue Produkt- und Dienstleistungskonzepte auf der Agenda auch ganz oben bleiben.

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