"Das ist reine Abzocke"

Großhandelsplattformen sollen eigentlich Unternehmen mit günstigen Waren versorgen. Einige machen allerdings Werbung, die auch Privatleute anzieht - und profitieren von hohen Anmeldegebühren.

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Der Preis für die Kaffeemaschine ist verlockend. Eine Kindergärtnerin aus der Region, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat die Anzeige bei Facebook entdeckt. Die Anmeldung auf dem Internetportal funktioniert aber nur, wenn sie auch den Namen einer Firma eingibt. Sie fragt ihren Arbeitgeber, der ist einverstanden, dass sie die Maschine über das Geschäft bestellt. Sie klickt auf Anmelden - und sieht sich ein paar Tage später mit einer Rechnung über eine Bearbeitungsgebühr von 79 EUR und eine zweijährigen Mitgliedschaft für 240 EUR pro Jahr konfrontiert. Damit ist noch nicht einmal die Kaffeemaschine abgegolten, sondern nur das Recht, auf der Seite bestellen zu dürfen.

"Das ist reine Abzocke", sagt Karin Thomas-Martin von der Verbraucherzentrale Stuttgart. Denn die Verpflichtung zur Mitgliedschaft könne leicht überlesen werden. Ein Rücktritt von der Anmeldung ist schwierig, in den Geschäftsbedingungen weisen Portale wie die zahlreichen Seiten des Unternehmens B2B Technologies Chemnitz GmbH - darunter restpostenportal24.de und b2b-beschaffungsplattform.de - auf Einschränkungen hin: "Personen, die sich als Unternehmer anmelden, stehen besondere Verbraucherrechte wie ein Widerrufsrecht bei Fernabsatzgeschäften nicht zu. Wir betrachten Ihre Anmeldung bei Unternehmensanmeldungen zu unseren B2B-Leistungen als unternehmerisches Handeln." Thomas-Martin ist sich sicher: "Der Verbraucher wird einfach arglistig getäuscht."

Die Kindergärtnerin ist auf einer Großhandelsplattform gelandet, die eigentlich nur an Unternehmen verkaufen sollte (B2B - Business to Business). Die Werbung lockt aber auch viele Endverbraucher. Neben den hohen Gebühren und fehlender Widerrufsrechte gibt es einen weiteren Punkt, der den Verbraucherschützern sauer aufstößt. Und nicht nur denen. In unzähligen Foren beklagen sich Betroffene, auf Facebook gibt es eine Geschädigten-Gruppe mit mehr als 1400 Mitgliedern.

Der Anbieter sieht die Schuld bei den Privatkunden und antwortet auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE: "Verbraucher können, unstreitig, ihre Anmeldedaten nicht an uns übermitteln, ohne (gegebenenfalls wahrheitswidrig) anzuklicken, dass sie gewerblich tätig werden - so dass von einem ausreichenden Verbraucherschutz auszugehen ist." Auf der Internetseite wird er noch deutlicher: "Wir behandeln unsere Kunden ehrlich und aufrichtig, dasselbe erwarten wir im Gegenzug von ihnen. Die Ehrlichkeit beginnt schon bei der Registrierung."

Unter den Kritikern sind allerdings auch Händler, die sich über die Lockangebote ärgern. Einsehbar ist das erst nach Anmeldung. Auf die vielversprechende Werbung folgt oft die Ernüchterung: Laut Verbraucherzentrale Sachsen gibt es die beworbenen Preise oft gar nicht. "Das angebliche Großhandelsportal erweist sich als Schwarzes Brett für Anzeigen", heißt es in einer Pressemitteilung. Und: Die Staatsanwaltschaft Chemnitz ermittle zu 100 Fällen von Betrugs wegen nicht gelieferter Ware.

Die Verbraucherzentrale Sachsen reagierte im September mit einer Abmahnung - wegen verbraucherschutzwidriger Praktiken, unlauterer Werbung und Irreführung. "Nach Auffassung der Verbraucherzentrale Sachsen wirbt das Unternehmen mit falschen Preisen, nebulösen Rabattversprechen und der unzutreffenden Bezeichnung als Großhandel." Auf neun Seiten zählt sie die Verfehlungen auf und fordert eine Unterlassungserklärung.

Die erfolgte nicht. "Es kam eine kurze Erwiderung", sagt Verbraucherschützer Michael Hummel. Der Inhalt: Die Verbraucherzentrale gehe teilweise von einem fehlerhaften Sachverhalt aus, die Vorwürfe würden geprüft. Ein bisschen hat sich aber schon getan: Statt "Anmelden" stand irgendwann "Zahlungspflichtig bestellen" unter der Anmeldung. Zuletzt wurde das auf "Jetzt Zugang kaufen" korrigiert. Die Anwälte der Verbraucherzentrale Sachsen wurden dennoch, wie Hummel der SÜDWEST PRESSE verriet, mit gerichtlichen Schritten gegen B2B Technologie Chemnitz GmbH beauftragt.

Viele Betroffene versuchen ebenfalls ihr Glück vor Gericht. Einig sind sich die Richter seit Jahren nicht. Einige geben den Kunden recht und verweisen darauf, dass solche Angebote typischerweise kostenfrei seien oder dass kein willentlicher Vertragsabschluss vorliege. Andere geben den B2B-Anbietern recht.

Wütende Proteste provozierte das WirtschaftMagazin (Hamburg) jüngst. Es bewertete den Service von B2B Technologies Chemnitz mit der Note 1,4. Die Redaktion des Magazins versprach auf die Kommentare hin, die Ergebnisse zu überprüfen und weiter zu recherchieren.

Wie kann man sich wehren?

Rechtliche Schritte Auch wenn in Betroffenen-Gruppen empfohlen wird, die Rechnungen zu ignorieren, rät der Berliner Rechtsanwalt Tim Hoesmann zu einer Reaktion. Denn Ignorieren könne in Einzelfällen funktionieren, er habe aber erlebt, dass die Firma immer größeren Druck ausgeübt habe. Hoesmann rät, sich so früh wie möglich beraten zu lassen. Ansprechpartner sind Verbraucherzentralen oder Anwälte. Ein erster Schritt kann darüber hinaus ein Einschreiben sein. Privatleute können dabei auf ihr Widerrufsrecht verweisen, auch wenn nicht geklärt ist, ob das gilt. Außerdem können sie den Vertrag wegen Irrtums oder überraschender Klausel anfechten. Denn Anmeldungen bei anderen Internetanbietern sind oft kostenlos, die Zahlungspflicht daher unerwartet. Die letzten beiden Anfechtungsgründe gelten auch für Unternehmer. Häufig kommt es aber zu gerichtlichen Schritten. Hoesmanns Klienten berichten, dass ihre Einschreiben nicht angenommen und sie am Telefon unter Druck gesetzt wurden. cast

SWP

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