"Angora-Moden" aus Deizisau stellt naturbelassene Bekleidung her

Sie sind klein, flauschig und geben jede Menge Wolle: Angorakaninchen sind Haus- und Nutztiere in einem. Eine Firma in Deizisau verarbeitet die Wolle der Tiere zu Kleidungsstücken ohne Chemikalien. Mit einem Video.

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Sie sind klein, flauschig und geben jede Menge Wolle: Angorakaninchen sind Haus- und Nutztiere in einem. Eine Firma in Deizisau verarbeitet die Wolle der Tiere zu Kleidungsstücken ohne Chemikalien.  Foto: 
Die Strickmaschinen röhren. Blitzschnell ziehen sie die Fäden von den zahlreichen Garnrollen herunter und verspinnen sie zu Fingerhandschuhen oder Kniewärmern. Überall liegt ein feiner, weißer Flaum, der auf den ersten Blick aussieht wie Staub. „Das sind Flusen von der Angorawolle“, erklärt Ulrich Bauer, Geschäftsführer der Angora-Moden GmbH mit Sitz in Deizisau nahe Esslingen. „Wir müssen die Maschinen zweimal täglich absaugen.“

Ob Funktionswäsche, Nierenwärmer in leuchtenden Farben oder rutschfeste Socken: Jedes Kleidungsstück, das bei Angora-Moden gefertigt und verkauft wird, enthält die weiche Wolle der Angorakaninchen. Bereits Bauers Großvater hat die Tiere gezüchtet, sein Vater gründete dann nach dem Zweiten Weltkrieg die Firma. Anfang der 1980er Jahre stiegen Ulrich Bauer und seine Frau Ines in das Familienunternehmen ein. „Mein Vater hatte erst etwas Bauchweh“, sagt Bauer, denn weder er noch seine Frau hatten Erfahrung mit einer Geschäftsführung. „Aber wir sind da so langsam reingewachsen.“

Die gleiche Leidenschaft für das Angorakaninchen und seine Wolle wie sein Großvater und Vater hatte er hingegen von Beginn an. „Das Angora-Haar hat eine hervorragende Faserstruktur“, schwärmt er. Es enthält kleine Luftkammern, die die Körperwärme speichern und gleichzeitig Feuchtigkeit abführen. Daher könne es in Kombination mit anderen Fasern, beispielsweise Baumwolle, auch als Sportkleidung genutzt werden. „Der Schweiß wird nach außen transportiert, aber Sie riechen ihn nicht. Und der Körper kühlt nicht aus.“

Vor allem jüngere Kunden würden solche Kleidung gern kaufen, auch die bunten Nierenwärmer kommen bei ihnen gut an. „Wer sowas in jungen Jahren trägt, kommt auch später gerne wieder darauf zurück“, sagt Bauer. Andere Kunden wie Handwerker oder Winzer würden die Kleidung auch im Berufsalltag tragen, manche aus gesundheitlichen Gründen. „Unsere Kleidungsstücke sind chemisch unbehandelt und viele Menschen kommen nach und nach zu Naturmaterialien zurück“, sagt Bauer.

Die Wolle bekommt die Firma von Hobby- und Kleintierzüchtern aus ganz Deutschland. Bauer kennt „fast alle persönlich“ und weiß von ihnen, dass sie sich gut um ihre Tiere kümmern. Das betont er, denn auch er wird immer wieder auf die grausamen Bilder aus chinesischen Angorazüchtungen angesprochen, die die Tierschutzorganisation Peta vor etwa zwei Jahren aufgenommen hatte. Dort wird die Wolle den Tieren regelrecht vom Leib gerissen.

„Wenn unsere Züchter die Wolle auf diese Art und Weise gewinnen würden, könnten wir sie gar nicht verarbeiten“, sagt Bauer. „Denn wenn ein Angorakaninchen sich nicht wohl fühlt, gibt es keine Wolle.“ Normalerweise werden die Haare mit einer Schur gewonnen, bei der das Kaninchen keine Schmerzen verspürt.

Die Wolle, die Angora-Moden erhält, wird im Betrieb noch auf ihre Qualität geprüft – beispielsweise darf sie nicht verfilzt oder dreckig sein – bevor sie außer Haus zu Garn gesponnen und wieder zurück geschickt wird. Nachdem die Stoffe verstrickt wurden, werden sie noch ausgewaschen. „So stellen wir sicher, dass die Kleidung später nicht beim Kunden einläuft.“ Erst danach wird das Material zugeschnitten und genäht.

An die 20 Mitarbeiter kümmern sich um die fast vollstufige Produktion, die Bauer und seine Frau über die Jahre ausgebaut haben. 25 Strickmaschinen sind im Winter, der Hochsaison, täglich in Betrieb. Je mehr Angoraanteil in einem Kleidungsstück verarbeitet wird, desto gröber sind die Stricknadeln. Ungefähr 2 bis3 Tonnen Angorawolle verarbeiten sie im Jahr, schätzt Bauer. In der hauseigenen Näherei bekommt die Kleidung den letzten Schliff. Die Mitarbeiter in Deizisau produzieren nicht nur für den eigenen Verkauf, sondern auch für andere Händler oder Einzelpersonen. „Wir können schließlich nur das verkaufen, was der Kunde will.“

Während sich Ines Bauer meist um die Technik kümmert – „Sie versteht das viel besser als ich“ – bietet Ulrich Bauer die Ware auf zahlreichen, ganz unterschiedlichen Messen an. Im Winter ist er jede Woche unterwegs, im Sommer wird für die kommende Saison vorproduziert. Wirkliche Konkurrenz, bis auf ein weiteres Unternehmen in Baden-Württemberg, hat der 58-Jährige nicht. „Ich scheue aber auch keinen Vergleich“, sagt Bauer.

Der Umsatz des Unternehmens, knapp 1 Mio. pro Jahr, sei in den vergangenen Jahren stabil gewesen, Tendenz leicht steigend. Wer das Geschäft übernimmt, wenn das Ehepaar Bauer in den Ruhestand geht, ist aber noch nicht klar. „Bis dahin ist es noch ein bisschen hin, und unsere Kinder haben sich noch nicht entschieden.“

Bedrohte Haustierrasse

Das Tier Angorakaninchen sind eine langhaarige Kaninchenrasse und können bis zu 5 Kilo schwer werden. Es gibt unterschiedliche Darstellungen, wie sie nach Europa gelangten. Sie gelten als zutraulich und ruhig. 2002 wurden sie auf die Liste der bedrohten Haustierrassen gesetzt.

Die Wolle Angorakaninchen müssen mindestens alle drei Monate geschoren werden, da sonst ihr Fell verfilzt. Die Kaninchen sind danach praktisch nackt und müssen in einem gut temperierten Stall untergebracht werden, damit sie nicht krank werden oder einen Kälteschock erleiden.

Die Pflege Die Schur muss regelmäßig vorgenommen werden. Angorakaninchen sollten nicht alleine gehalten werden. Gekämmt werden müssen die Tiere nicht. Kleidung, die Angorawolle enthält, sollte mit einem Feinwaschmittel bei geringer Temperatur gewaschen werden.

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