Wirtschaftsbau boomt
Die Baubranche verbreitet gute Stimmung, weil die Zahl der Beschäftigten und der Umsatz 2012 erneut gestiegen sind. Nur der öffentliche Bau hinkt hinterher - trotz höherer Steuereinnahmen der Kommunen.
Autor: MATHIAS OSTERTAG |Viel Grund zur Klage gebe es nicht, sagte Thomas Schleicher, Präsident der südwestdeutschen Bauwirtschaft, gestern vor Journalisten in Stuttgart. Fast alle Sparten der Branche hätten im vergangenen Jahr höhere Umsätze erzielt - und für 2013 sähen die Aussichten fast überall erneut rosig aus. Insgesamt hat die Branche Ende November 2012 rund 10,5 Mrd. EUR umgesetzt, 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Zahl der Beschäftigten im Südwest-Bau stieg um rund 1200 auf 87 000.
Negativ habe sich aber der öffentliche Bau entwickelt. Dort ist der Umsatz um 6,5 Prozent ins Minus gerutscht, im Hochbau gar um 22 Prozent. Die Kommunen hätten im Vorjahr trotz höherer Steuereinnahmen nur zögerlich investiert, was vor allem größere Unternehmen zu spüren bekommen hätten. "Im Straßenbau und -erhalt wurden keine wichtigen Projekte angestoßen."
Für das laufende Geschäftsjahr erwartet die Branche im Hinblick auf die Bundestagswahl zwar etwas Belebung, auch wenn die Signale aus den Verkehrsministerien nicht sonderlich vielversprechend sind. "Dort will man erst Angefangenes fertig stellen, bevor man Neues angeht", kritisierte Schleicher. Selbst ein vom Bund beschlossenes Infrastrukturbeschleunigungsprogramm über 750 Mio. EUR für die Jahre 2013 und 2014 sei keine große Hilfe. "Das sind weniger als 20 Mio. EUR pro Bundesland und Jahr. Damit bekommt man nicht viel gebaut."
Schleicher ist zuversichtlich, dass die Baubranche auch in diesem Jahr um 1 bis 2 Prozent wachsen wird. "Das ist machbar." Die Auftragslage sei gut und liege mit rund 18 Prozent deutlich über dem Vorjahreswert. Die meisten Betriebe dürften in den kommenden Monaten ausgelastet sein.
Vor allem der Wirtschaftsbau boomt: 2013 sei mit einem ähnlichen Wachstum zu rechnen wie im Vorjahr, als das Plus bei 9,4 Prozent lag. Fortschritte könnte auch wieder der Wohnungsbau machen, der im vergangenen Jahr eine Steigerung um 2,2 Prozent verzeichnete. Die Menschen hätten erkannt, dass Immobilienanlagen ein "sicherer Hafen" sind, sagte Schleicher. Die Wohnraumsituation in Baden-Württemberg sei aber vor allem in Ballungsräumen nach wie vor angespannt. "Allein in Stuttgart fehlen rund 8000 Wohnungen."
Das Ausbaugewerbe, zum Beispiel Betriebe, die sich auf Sanierungen spezialisiert haben, ist ebenfalls gut ausgelastet. Der hohe Bestand an Altbauten, bundesweit sind etwa 25 Mio. Wohnungen sanierungsbedürftig, erfülle nicht mehr die Anforderungen an Wohnqualität und Energieeinsparung, sagte Schleicher. Er fordert, energetische Sanierungen steuerlich zu fördern.
Mit Sorge blickt das Gewerbe auf die zunehmende Zahl hiesiger und ausländischer Unternehmen, die Scheinselbstständige aus Osteuropa als Subunternehmer zu Niedriglöhnen und ohne Sozialabgaben beschäftigen. Politik und die Hauptzollämter müssten hier eingreifen, sagte Vizepräsident Michael Bleich. Verbandspräsident Schleicher spricht gar von "Sklavenhandel miesester Sorte". Sanktionen in den Herkunftsländern seien aber kaum durchsetzbar. Auch aus Brüssel sei keine Hilfe zu erwarten. Im Gegenteil: Die Kommission arbeitet an einer Richtlinie zur Abschaffung jeglicher Baustellenkontrollen. "Dann wird alles noch schlimmer", befürchtet er.





