Wenn sich der Strom im Netz staut

Die Energiewende bringt für Netzbetreiber Herausforderungen mit sich, sagt Transnet- BW-Geschäftsführer Werner Götz. Die Wege vom Erzeuger zum Abnehmer werden länger, die Wartung wird schwieriger.

KAREN EMLER |

Sie sind für 3472 Kilometer Stromnetz in Deutschland verantwortlich. Wie ist der Zustand dieses Netzes?

WERNER GÖTZ: Das Transportnetz ist einem sehr guten Zustand. Wir treiben aber auch einen sehr großen Aufwand, dass das so bleibt.

Durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien wird die Energieversorgung dezentralisiert. Was bedeutet das für Sie als Netzbetreiber?

GÖTZ: Vor einigen Jahren hatten wir fast ausschließlich zentrale Erzeugungsanlagen, also größere Kraftwerke. die nah an den Verbrauchszentren, also Städten, angesiedelt waren. Heute stehen rund 450 zentralen Kraftwerken knapp 1,5 Millionen Erzeuger gegenüber. Die meisten davon sind sehr klein und verfügen über eine schwankungsanfällige Energiequelle. Sie wurden zudem meist nicht dort gebaut, wo eine Verbrauchslogik bestand, sondern am Zugang zur Energiequelle wie Wind oder Sonne.

Das Netz der kurzen Wege zwischen Quelle und Verbraucher wird zu einem Netz der langen Wege?

GÖTZ: Das ist das eine. Wir erleben eine zunehmende Transportnotwendigkeit von Norden nach Süd, weil der Windstrom an der Küste erzeugt wird und dann den Süden erreichen soll. Das andere ist, dass sich dadurch sowohl für uns als Transportnetzbetreiber als auch für die Verteilnetzbetreiber, die den Strom vor Ort dem Verbraucher zustellen, teilweise eine Umkehr der Stromrichtung ergibt.

Was heißt das?

GÖTZ: Wir haben in der Mitte Deutschlands einen Flaschenhals. Hier reicht das Netz nicht aus für die Strommengen, die aus dem Norden nach Süden fließen sollen. Stellen Sie sich das wie ein Autobahnnetz vor, das an einer Stelle schlecht ausgebaut ist. Dort herrscht in betriebsamen Zeiten hohe Staugefahr. Was tut man dann als Autofahrer? Man versucht, es zu umfahren.

Wie funktioniert das im Stromnetz?

GÖTZ: Wir nennen das Ringströme. Der Strom sucht sich den Weg des geringsten Widerstandes. Er würde in unsere Nachbarländer Belgien, Niederlande oder Polen fließen. Aber so bekommen wir ihn nicht in den Süden, wo er gebraucht wird.

Was können Sie dagegen tun, diese Anrainerstaaten sind mit der Situation ja technisch auch überfordert?

GÖTZ: Wir greifen mit "Redispatch-Maßnahmen" ein. Wir versuchen das Überangebot aus dem Norden zu dämpfen, indem wir dort per Anweisung Erzeugungseinheiten vom Netz nehmen oder in der Leistung drosseln. Das bringt zwei negative Effekte mit sich.

Es entstehen zusätzliche Kosten?

GÖTZ: Ja, es gibt zum einen den ökonomischen Effekt, weil der Betreiber der Windkraftanlage laut Gesetz Anrecht auf einen Ausgleich hat. Das bedeutet, wir zahlen den Strom, auch wenn er nicht produziert wird.

Und der zweite Effekt?

GÖTZ: Das ist der umweltpolitische, weil wir in solchen Situationen CO2-frei produzierten Strom bildlich gesprochen in die Tonne treten. Zugleich müssen wir für den Süden, der die Energie braucht, zusätzliche Kraftwerksanforderungen veranlassen. Das passiert oft im Ausland, also aus konventionellen Energiequellen. Es kostet zudem Geld, diesen Strom ins Land zu bringen.

Baden-Württemberg wird immer mehr zum Stromimporteur?

GÖTZ: Genau. Das hängt auch damit zusammen, dass für die Versorgung im Süden, in Baden-Württemberg und Bayern, die Kernenergie eine sehr große Rolle gespielt hat. Durch den Rückbau dieser Kraftwerke sinkt die Kapazität. Wir haben in Baden-Württemberg eine Spitzenleistung von rund 11 Gigawatt. Diese Leistung können wir nicht mehr durch Kraftwerke im Inland decken. Wir haben bereits eine Unterdeckung von 25 bis 30 Prozent, mit steigender Tendenz.

Wie gut funktioniert der Import?

GÖTZ: Wir haben verlässliche Vertragspartner in Österreich, Italien und in der Schweiz. Bisher gab es noch keinen Fall, in dem ich sagen würde, es hat nicht funktioniert. Aber mit Blick auf die Zukunft, müssen wir nach anderen Lösungen suchen, weil der Bedarf zunimmt.

Sie fordern einen raschen Netzausbau. Nun hat Bayern in der Debatte um die Nord-Süd-Trasse, den so genannten Suedlink, eingelenkt. Da müssten Sie doch aufatmen?

GÖTZ: Ich habe weiterhin eine große Sorgenfalte. Wir haben bisher rund drei Jahre in die Vorplanung dieser Trasse investiert. Wir waren verfahrensbedingt von rund 118 000 Quadratkilometern Suchraum ausgegangen. Das ist etwa ein Drittel der Fläche der Bundesrepublik, die wir untersucht haben, um die bestmöglichste Strecke für eine Freileitung zu finden. Das bedeutet, wir haben mögliche Raumwiderstände wie Wohnbebauung, Naturschutzflächen oder andere Infrastrukturen identifiziert und bewertet. Im zweiten Schritt werden Ausschlusskriterien definiert. Dann ist zumindest klar, wo die Trasse nicht entlang führen kann. Durch den Wunsch Bayerns nach einem Verkabelungsansatz, also einer unterirdischen Leitung, ist diese Arbeit der vergangenen drei Jahre wieder in Frage gestellt.

Die Suche beginnt also vorne?

GÖTZ: So ist es. Deshalb sind Politik und die Bundesnetzagentur als Genehmigungsbehörde dringend gefordert, einen Verfahrensweg zu definieren, der den Zeitverlust in Grenzen hält. Etwa, indem der Suchraum verkleinert wird. Grundsätzlich begrüßen wir das Verkabelungskonzept aber, weil es hilft, die Akzeptanz bei den Bürgern zu verbessern.

Was erleben Sie bei Veranstaltungen zum Netzausbau? Vor was haben die Bürger am meisten Angst?

GÖTZ: Manche befürchten gesundheitliche Beeinträchtigungen, andere bangen um den Wert ihrer Immobilie. Das reicht bis dahin, dass Naherholungsgebiete und Wälder für viele ein wichtiges Lebensumfeld sind. Mit all dem wollen und müssen wir uns konstruktiv auseinandersetzen. Wir landen zudem oft bei der Frage, ob der Ausbau überhaupt notwendig ist. Das liegt sicher auch daran, dass wir in Deutschland, was Ausfälle angeht, europaweit am besten da stehen.

Aber Unternehmen klagen doch zum Teil über Unterbrechungen?

GÖTZ: Diese Aussagen beziehen sich oft auf das Verteilnetz, das durch die verstärkte Einspeisung zu bestimmen Zeiten natürlich mehr unter Druck steht als früher. Aber wir als Transportnetzbetreiber können sagen, es gibt zwar Störungen, aber keine Versorgungsunterbrechungen. Das macht die Argumentation nach außen auch so schwierig. Wären wir in einer Region mit täglichen Stromausfällen, würde jeder einen Nutzen im Netzausbau sehen. So aber nimmt man es als selbstverständlich hin, obwohl wir bei der Wartung an die Grenze stoßen.

Inwiefern?

GÖTZ: Die vermehrten Eingriffe ins Netz erschweren die Wartungsarbeiten. Die Leitungen müssen dafür stromfrei geschaltet werden. Das war früher einfacher. Für die Mitarbeiter verlagert sich deshalb der Einsatz an den Leitungen immer öfters ins Wochenende oder in die Nacht. Wenn die Netznutzung auch dann keine Freischaltung zulässt, muss manchmal eine Maßnahme ganz abgesagt werden, selbst wenn der Tieflader schon vor Ort ist.

Ohne Netzausbau wird es also immer schwieriger, die Stomversorgung auf dem gewohnten Niveau zu halten?

GÖTZ: Wir dürfen uns jedenfalls nicht ausruhen und sagen, es ist ja alles gut und deshalb leben wir die nächsten fünf Jahre von der Reserve. Eine sichere Stromversorgung ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein wichtiges Gut. Für dessen Erhalt müssen wir was tun.

Zuständig für die Versorgung von elf Millionen Menschen

Zur Person Dr. Werner Götz (53) ist seit Januar 2015 dritter Geschäftsführer bei Transnet BW und hier für Netzausbau, Technik, Projekte, Recht, Einkauf und IT zuständig. Der Werdegang des gebürtigen Münchners, der Maschinenbau studiert hat, führte vom TÜV Süddeutschland über ENBW, wo er zuletzt Vorstand der Erneuerbare und Konventionelle Erzeugung AG war, zu Transnet.

Zum Unternehmen Transnet BW (Stuttgart) ist als Übertragungsnetzbetreiber für eine Versorgung von rund 11 Mio. Menschen in Baden-Württemberg zuständig. Dazu zählen Betrieb, Instandhaltung, Planung und Ausbau des Netzes. Die 220- und 380-Kilovolt-Stromkreise sind rund 3300 Kilometer lang, das Netz erstreckt sich über eine Fläche von 34 600 Quadratkilometer. Das Unternehmen setzte 2014 mit seinen insgesamt 400 Mitarbeitern 5,9 Mrd. Euro um.

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