Vietnamesen üben den Arbeitskampf

Hanoi.  Rasende Inflation und steigende Lebensmittelpreise zwingen vietnamesische Firmen, beim Essen für ihre Arbeiter zu sparen. Die gehen jetzt auf die Barrikaden. Sie verlangen höhere Löhne und besseres Essen.

Le Thi Huyen streikt. Wie viele Fabrikarbeiter in Vietnam bekommt sie ihr Mittagessen am Arbeitsplatz. Doch die Qualität der Mahlzeiten hat sich derart verschlechtert, dass sie jetzt protestiert. "Ich kann bei der Arbeit kaum noch essen. Das Zeug ist ungenießbar. Wir bekommen nur Tofu, etwas Gemüse und vielleicht ein bisschen Fisch", erzählt sie.

Früher gab es zumindest noch eine Portion Schweinefleisch mit Reis, genug, um die zwölf Stunden lange Schicht zu schaffen. Le Thi Hyuen und ihre Kollegen verlangen eine Erhöhung des Essensbudgets pro Arbeiter - von 10 000 auf 15 000 Dong, also von 34 Cent auf 52 Cent.

Ihr Arbeitgeber, ein koreanischer Bekleidungshersteller, kämpft mit einem weit verbreiteten Problem: Die Preise schießen in den Himmel. Die Inflation erreicht im Schnitt 17 Prozent, Lohnerhöhungen können da nicht mithalten. Die Firma bezahlt neuen Mitarbeitern 75 Dollar (53 EUR im Monat, nach fünf Jahren steigt der Lohn auf 125 Dollar.

Aber selbst damit ist man chancenlos angesichts der Preisspirale. Für Fleisch und Gemüse müssen Vietnamesen nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde heute doppelt so viel zahlen wie noch vor einem Jahr. Versuche der Regierung, die Inflation unter acht Prozent zu halten, sind bis jetzt erfolglos geblieben. Immer mehr Arbeiter protestieren gegen die sich verschlechternden Bedingungen.

Wie vietnamesische Medien berichten, legten in der vergangenen Woche etwa 1000 Arbeiter in einer Fabrik für Tiefkühlfisch die Arbeit nieder. Auch sie verlangten besseres Essen. In Hanoi fuhr ein Wachmann vor etwa drei Wochen seinen Wagen in eine Gruppe von streikenden Arbeitern und tötete dabei eine Frau. Sechs Menschen wurden verletzt. Der Mann gab an, das Management der taiwanesischen Autoteilefirma habe ihn angewiesen, den Protest der aufsässigen Arbeiter zu beenden.

Allerdings sind die Firmen nach Expertenmeinung in einer Zwickmühle: Die Einkommen können kaum steigen, weil die Exporte schwächeln, aber die dadurch die zu erwartenden Proteste werden die Wirtschaft weiter schädigen. "Wenn das mit der Inflation so weiter geht, werden viele Firmen pleitemachen, weil sie nicht mehr für ihre Arbeiter ausgeben können", sagt der Experte Le Dang Doah.

Seit Januar gab es 440 illegale Streiks, dreimal so viele wie im Vorjahr. Experten erwarten eine Fortsetzung dieses Trends. Streikende brauchen in dem kommunistischen Staat eine Genehmigung, diese wird in der Praxis aber so gut wie nie erteilt. Nguyen Quang A, Ex-Direktor des vietnamesischen Instituts für Entwicklungsstudien, befürchtet, dass Meldungen über Produktionsunterbrechungen und mögliche soziale Unruhen ausländische Investoren abschrecken. Er sieht aber auch die Chance, wirklich unabhängige Gewerkschaften zu bilden. Denn die vom Staat genehmigten Gewerkschaften stehen seiner Ansicht nach der Regierung und der Wirtschaft zu nahe.

Die Arbeiter in Le Thi Huyens Fabrik beenden den Streik, nachdem die Firmenleitung das Essensbudget erhöht hat. Aber zumindest aus Sicht einer Kollegin ist dieser errungene Sieg nur von kurzer Dauer: "Wenn die Inflation weiter steigt, werden wir nicht von unseren Löhnen leben können, und dann werden wir vielleicht wieder streiken", sagte sie. dpa


Kommentare (1)

25.07.2011 05:28 Uhr |   unbekannt

Inflation in Vietnam

Grüße von Roland

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Autor: SWP | 23.07.2011

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