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Tante Emma auf vier Rädern

Dort wo sich die Einzelhandelsketten zurückgezogen haben, macht Armin Deisl sein Geschäft. Mit zehn mobilen Tante-Emma-Läden versorgt er die Menschen auf dem Land. Eindrücke einer Verkaufstour.

KATJA EISENHARDT | 0 Meinungen

Es ist acht Uhr morgens. Es ist kalt und nieselt. Kaum eine Menschenseele ist auf der Straße in dem kleinen Ort Bremelau bei Münsingen zu sehen. Nur ein paar ältere Frauen mit Schürzen und Kopftüchern, den wärmenden Kittel noch rasch übergeworfen, warten am Straßenrand. Da braust Armin Deisl mit seinem kleinen Laster heran und öffnet die Schiebetür seines "Mobi": "Guten Morgen die Damen, kommen Sie rein", begrüßt er gut gelaunt seine Kundinnen.

Das Innere des Lasters ist ein Supermarkt im Mini-Format: In der Kühltheke lagern Milchprodukte wie Joghurt und Käse oder auch verschiedene Sorten Wurst. In den Seitenregalen reicht die Bandbreite von Konserven bis zu frischem Obst, von Müslipackungen über Putzmittel und Zeitschriften bis hin zu Backwaren. Die Frauen schauen sich um, füllen ihre Körbe. Über die Sonderangebote sind sie bestens informiert. Diese Woche sind Nudeln, Kaffee und Spülmittel günstiger.

"Wir sind hier sehr froh um das Mobi, der Kaufladen im Ort hat vor etwa zwei Jahren zugemacht und gerade wir Älteren haben keinen Führerschein und kommen daher schwer in den nächsten Ort mit Supermarkt", erzählt Martha Neubrand. Und im Mobi gebe es ja schließlich alles, was man brauche.

Wer aufgrund von Platzmangel gerade vor der Tür des Kleinlasters warten muss, nutzt die Zeit für ein Schwätzchen mit den Bekannten.

Der nächste Halt in Bremelau ist vor dem Gasthof Adler. Armin Deisl fährt immer zentrale Stellen an, oft sind das Bushaltestellen. Auch dort wird er schon erwartet, etwa vom Ehepaar Brunner, den Wirtsleuten des "Adler". "Die Preise sind im Mobi einfach etwas günstiger als im Supermarkt, die Butter bekommt man manchmal bis zu 20 Cent billiger", sagt Georg Brunner. "Wir kaufen hier regelmäßig ein, irgendwas braucht man ja immer", fügt er hinzu. Während seine Frau Marianne den Wochenendeinkauf erledigt, holt der Wirt noch rasch eine kleine Kanne frische Milch beim Bauern nebenan.

Im Mobi ist Armin Deisl in seinem Element. Er hält unterhält sich mit seinen Kundinnen, berät, hilft bei der Suche nach Lebensmitteln und reicht volle Einkaufskörbe durch die Schiebetür nach draußen. Seit 1974 ist er unterwegs, seit 1985 bietet er den Kunden ein Vollsortiment. "Ich und meine Frau haben mit einem Auto angefangen, nach vier Jahren kam das zweite dazu, heute sind zehn Fahrer im Einsatz", berichtet er.

Der Sitz des Unternehmens ist in Bad Saulgau. Unterwegs sind die Fahrer zwischen Bodensee und Ulm. "Wir sind in kleinen Orten, in denen es keinen eigenen Laden mehr gibt", sagt Deisl. Schließlich wolle er den kleinen Geschäften keine Konkurrenz machen.

Seit vier Uhr morgens ist er unterwegs. "Erst kommen die Lieferanten nacheinander ins Lager, dann belade ich das Auto, gegen sieben gehts los zur ersten Haltestelle." Mittlerweile ist es 9.15 Uhr. Armin Deisl ist auf dem Weg ins benachbarte Hundersingen. Direkt an der Hauptstraße hält er an. Vor einem Haus wartet eine ältere Dame mit Rollator. "Sie kauft regelmäßig bei mir ein. Weil sie nicht so mobil ist, halte ich hier einfach zusätzlich kurz, der nächste Stopp ist nur ein paar hundert Meter weiter", erklärt Deisl. Ein solcher Service ist für ihn selbstverständlich. An der Bushaltestelle wartet eine junge Frau mit Einkaufszettel. Nachdem sie das Jodsalz gefunden hat, will sie noch Kaffee. Welchen? "Der Vater kauft immer den Mövenpick", weiß Deisl.

In Apfelstetten kommt der jüngste Kunde angeflitzt. Warm eingepackt steuert der fünfjährige Lewis strahlend auf das Mobi zu und klettert die wenigen Stufen bis zu den Verkaufsregalen nach oben, gefolgt von seiner Mutter Martina Day. Nachdem Lewis seiner Mama erfolgreich einen Kaugummi abgeschwatzt hat, hilft er ihr tatkräftig beim Einkauf. "Ich gehe einmal in der Woche in die Stadt zum Einkaufen, den Rest hole ich freitags im Mobi", erzählt die 44-Jährige.

"Wenn man was Bestimmtes braucht, kann man es bei Herrn Deisl einfach vorbestellen, dann bringt er es beim nächsten Mal mit. Das ist doch klasse", fügt Martina Day hinzu. Sogar Laptops und eine Mikrowelle habe er schon einmal geliefert, erinnert sich Deisl. Das sei möglich, wenn seine Lieferanten so etwas gerade im Angebot hätten. "Die meisten kaufen für 20 bis 30 EUR ein, immer mal wieder macht auch jemand einen Großeinkauf bei mir", sagt Deisl. Sieben von zehn Kunden seien unter 45 Jahren, die restlichen ältere Damen und Herren. "Bis zur Mitte des Monats ist immer mehr los, gegen Ende geht dann eben das Geld zur Neige. Wie heißt es so schön: Das Leben ist am schwersten, vom 15. bis zum 1.", sagt Deisl und lacht. Man dürfe sich aber nicht verrückt machen, wenn es an einem Tag in einem Ort nicht so gut laufe.

Seine Flotte soll durchaus noch wachsen. Doch einen konkreten Plan gibt es nicht. "Ich brauche ja dann zusätzliche Fahrer. Das ist auch nicht jedermanns Sache, man muss mit den Leuten umgehen können", sagt Deisl. Er behandle jeden gleich, "ob das jetzt der Landrat ist oder ein Müllmann". Die Leute freuten sich, wenn man ein bisschen Zeit mitbringt, auch wenn man das Vertrauen bei den anfangs eher etwas zurückhaltenden Schwaben erst gewinnen müsse.

Dann braust er weiter über die Schwäbische Alb. Erst gegen 19 Uhr ist Deisl wieder in Bad Saulgau, macht Abrechnungen, füllt die Bestände nach. Feierabend hat er erst gegen halb neun. Um vier Uhr morgens steht er wieder im Lager und macht sich startklar für die nächste Tour.

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