Stromnetz so angespannt wie noch nie

Wendlingen/Stuttgart.  Das Stromnetz steht seit dem Aus für die alten Atomkraftwerke unter einer Dauerbelastung und ist anfällig wie noch nie. Es wird ihr aber standhalten. Davon ist Markus Fürst von der ENBW überzeugt.

"Das Stromnetz in Deutschland ist anfällig wie nie zuvor", sagt Prof. Stefan Tenbohlen. Der Leiter des Instituts für Energieübertragung und Hochspannungstechnik der Uni Stuttgart hat einen anschaulichen Vergleich zur Hand: "Wegen des Atomausstieges muss immer mehr Strom über immer größere Strecken transportiert werden. Da kann es schon krachen. Das ist nicht anders, wie wenn der Autoverkehr über lange Strecken immer dichter wird."

"Angespannt" nennt Markus Fürst die aktuelle Situation, der bei der ENBW-Netztochter für die Systemführung verantwortlich ist. Die ENBW Transportnetz AG betreibt das Übertragungsnetz im Südwesten und ist gemeinsam mit den Netzbetreibern Tennet, Amprion und 50 Hertz für die Sicherheit der Stromversorgung verantwortlich.

Auch wenn die Stromnetze an knackig kalten Wintertagen wegen des sprunghaft steigenden Bedarfs an elektrischer Energie besonderen Härtetests ausgesetzt sind, ist Fürst derzeit "nicht mehr angespannt als zuletzt." Denn die besonderen Herausforderungen durch die kalte Jahreszeit "kamen nach der Abschaltung der Atomkraftwerke im Frühjahr nicht überraschend" - im Gegensatz zur Kehrtwende der Bundesregierung im März mit dem Ausstieg aus den Atomausstieg.

Kaltreserve heißt dieser Tage das Stichwort: So kann die ENBW ein stillgelegtes Kohlekraftwerk in Mannheim wieder anfahren. Unter Federführung der ENBW-Transportnetz haben sich die Netzbetreiber zusätzliche Kapazitätsreserven italienischen und Schweizer Netzbetreibern gesichert.

Dass die heimische Stromversorgung den Sommer 2011 nach dem Abschalten der acht Altreaktoren sowie dem zeitweiligen zusätzlichen - revisionsbedingten - Stillstand von weiteren Atomkraftwerken unbeschadet überstand, hatte Fürst zufolge durchaus auch mit "glücklichen Randbedingungen" zu tun. "Das gute Wetter" war ganz wesentlich mitverantwortlich dafür, dass Wind- und Sonnenstrom die Kernenergie-Ausfälle zu einem großen Teil auffangen konnten. Sollte der russische Eisschrank aber doch noch für eine europaweit anhaltende Kälteperiode verantwortlich werden, "könnte es kritisch werden", wenn wegen hoher Lastanforderungen und gleichzeitig geringer Ökostromproduktion die dann nötigen Stromimporte zu Kapazitätsengpässen im Netz führen könnten. So lange freilich die Sonne kräftig scheint, "sorgt die Photovoltaik tagsüber für Entlastung", ergänzt Fürst. Sonne und Wind gemeinsam erlauben aktuell sogar Stromexporte.

Für den ENBW-Experten ist die Netzstabilität dann am meisten gefährdet, wenn bei hohem Strombedarf, sehr großer Windstromausbeute im Norden und gleichzeitig hohem Nord-Süd-Transportaufkommen - auch nach Südeuropa - zusätzlich noch ein großes Kraftwerk in Süddeutschland ausfällt. "Dann ist die Grenze erreicht, sind die Reserven ausgeschöpft, dann darf nichts mehr passieren."

Im Stromtransport über große Entfernungen hinweg sieht auch Tenbohlen ein besonderes Risiko für die Netzstabilität im Südwesten. "Weil wir ein Transitland sind, ist sie in Baden-Württemberg besonders kritisch." Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Versorger im liberalisierten Energiemarkt europaweit Strom dort zukaufen, wo er gerade am günstigsten zu haben ist. Früher bewegte sich die Belastung des Hochspannungsnetzes im Land laut Tenbohlen nur an wenigen Tagen im Jahr im Grenzbereich. Heute sind fast täglich korrigierende Eingriffe erforderlich, um eine Netzüberlastung zu verhindern.

Für die Leitstelle der ENBW-Transportnetz in Wendlingen heißt dies Kraftwerke zu- oder abschalten zu lassen. Bei einem extremen Auseinanderklaffen von Stromnachfrage und dem Angebot an elektrischer Energie kann dies aber auch bedeuten, "dass als letzte Maßnahme Lastabschaltungen unvermeidlich werden", ergänzt Fürst. Dann käme es übers Land "rollierend" zu Stromabschaltungen. Doch das ist für den ENBW-Experten so gut wie ausgeschlossen.

Da das Stromnetz in Deutschland auf eine Versorgungsstruktur zugeschnitten ist, die auf Großkraftwerken fußt, muss es mit dem immer weiter voranschreitenden Ausbau von Wind- und Sonnenstrom mit zusätzlichen Unwägbarkeiten fertig und ausgebaut werden. Weil elektrische Energie aus regenerativen Quellen bevorrechtigt einzuspeisen ist, müssen im Bedarfsfall konventionelle Kraftwerke vom Netz genommen werden, wenn sich bei Nordseestürmen oder an heißen Sommertagen ein Überangebot an Ökostrom auch durch Stromexporte oder das Füllen der Oberbecken von Pumpspeicherkraftwerken nicht mehr auffangen lässt.

Mit letzterem können Kraftwerksbetreiber freilich auch Schnäppchen machen: Sorgt überschüssiger Ökostrom an der Strombörse für negative Preise, "werden die Pumpspeicherkraftwerke zur cash-cow, weil sie sogar noch für den Stromverbrauch beim Pumpen Geld bringen", rechnet Tenbohlen vor.


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Autor: NIKO FRANK | 07.02.2012

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