Strategie: Ein Wein - zwei Typen

Weinsberg.  Eine kleine Winzergenossenschaft aus dem Südwesten sorgt mit ihrer neuen Marketingmethode für großes Staunen in der Branche: Sie verkauft ein- und derselben Wein unter zwei Namen.

Ulrich Schwager (44), seit 2009 verantwortlicher Kellermeister der Weingärtnergenossenschaft im Weinsberger Stadtteil Grantschen, ist von seiner Weißweincuvée "mit markanter Frucht" so überzeugt, dass er ganz unterschiedliche Zielgruppen erreichen möchte. Damit erfahrene Genießer zugreifen, wird der trockene Verschnitt aus Weißburgunder, Chardonnay, Riesling und Müller-Thurgau in eher nüchterner, ziemlich seriöser Aufmachung, aber mit französischer Bezeichnung als "Le Petit Blanc" abgefüllt. Angeblich zeichnet sich der "kleine Weiße" durch seinen "mediterranen Charakter" aus.

Der Kellermeister möchte aber auch die junge Klientel und Lifestyle-orientierte Kunden erreichen, die in den Regalen nach auffälligen Flaschen mit zeitgeistigen Namen fahnden. Deshalb firmiert der "frische Sommerwein" auch als "G." mit farbenfrohem Etikett.

"G." stehe für Grantschen, betont Geschäftsführer Bruno Bolsinger (63) ohne einen Anflug von Amüsement. Damit solle gezeigt werden, dass es für Qualität nicht vieler Worte bedürfe. Beide Namen seien nach groß angelegten Umfragen unter den Stammkunden ausgewählt worden. Vom Verkauf, zu einheitlichem Preis, erhoffe sich die kleine Kooperative - 186 Mitglieder bewirtschaften 154 Hektar Rebfläche - wichtige Erkenntnisse für die weitere Vermarktung ihrer Produkte.

Die Genossenschaft gehe mit dieser Zweigleisigkeit neue Wege in Baden-Württemberg, behauptete Bolsinger. Der Handel habe bereits sehr positiv reagiert. Bei der Fachmesse "ProWein" in Düsseldorf musste er gerade viele Fragen über diese ungewöhnliche Strategie beantworten.

Dass es möglicherweise wegen des "G." auch Irritationen geben könnte, scheint im Dörfchen Grantschen billigend in Kauf genommen zu werden. Schon einmal erregten sie Aufsehen mit einer aus dem Rahmen gefallenen Namensgebung. Eine Rotwein-Cuvée tauften sie "SM", was zu mancherlei Assoziationen mit eher abseitigen Praktiken des menschlichen Miteinanders Anlass gab. Dabei steht die Abkürzung lediglich für "Seine Majestät".


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Autor: HANS GEORG FRANK | 20.03.2010

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