Rücktritt bei Solar Millennium schockt Anleger
Erlangen. Der überraschende Rücktritt von Utz Claassen als Chef des Solarkraftwerksbauer Solar Millennium hat die Anleger schockiert und neue Zweifel an der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells genährt. Die Aktie brach bis zum Nachmittag um fast 18 Prozent ein.
Claassen hatte am Montagabend seinen Rückzug nach nicht einmal drei Monaten im Amt bekanntgegeben, ohne Gründe zu nennen, wie das Unternehmen mitteilte. Probleme in der Zusammenarbeit habe es nicht gegeben, sagte Finanzvorstand Thomas Mayer. Er betonte, sich nicht an den Spekulationen über die Beweggründe beteiligen zu wollen. Auch Aufsichtsratschef Helmut Pflaumer nannte der Weggang "unerwartet". Die Nachfolge solle "zeitnah" geregelt werden.
An der Börse wurde der Rücktritt von vielen Händlern in Zusammenhang mit angeblichen Bilanztricksereien gesehen. In den vergangenen Monaten hatte die "Wirtschaftswoche" wiederholt über mögliche Unregelmäßigkeiten bei der Bilanzierung berichtet. Das Unternehmen hatte dies stets zurückgewiesen. Zudem litt das Unternehmen zuletzt unter dem Einfluss von Spekulanten, die auf fallende Kurse setzten. Inzwischen versucht sich das Unternehmen strafrechtlich gegen diese Machenschaften zu wehren. Der Aktienkurs fiel seit dem Anfang 2010 erreichten Mehrjahreshoch von rund 44 Euro deutlich. Am Montag kostete das Papier noch knapp 29 Euro, am Dienstagvormittag fiel der Kurs zunächst um ein Drittel auf unter 20 Euro, um sich danach wieder etwas zu berappeln.
Später stellte sich heraus, dass ein Todesfall im engsten Familienkreis zusammen mit gesundheitlichen Problemen Auslöser für den Rückzug Claassens war. Der frühere EnBW-Chef berief sich bei seinem Abschied auf eine Ausstiegsklausel im Vertrag. Nach Informationen der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX soll Claassen seinen Schritt in einem kurzen Fax mitgeteilt haben. Dienstwagen und Firmenkreditkarte habe er mit einem Kurier an den Firmensitz nach Erlangen bringen lassen, hieß es in gut informierten Kreisen. Selbst für das Unternehmen war er nicht mehr zu erreichen.
Andere Beobachter vermuteten, dass der Manager die Aufgabe bei dem jungen Unternehmen unterschätzt habe. "Claassen und Solar Millennium haben wohl nicht so gut zusammen gepasst", erklärte ein Unternehmensexperte. Er sei eher ein Konzernmensch und kein Manager für ein Start-Up-Unternehmen wie Solar Millennium. Claassens Anwalt Klaus Menge betonte im "Tagesspiegel" (Mittwoch), atmosphärische Störungen seien kein Grund für den Rückzug gewesen. Claassen hatte auch EnBW 2007 auf eigenen Wunsch vorzeitig verlassen und war danach wegen seines hohen Übergangsgeldes in die Kritik geraten.
"Der Rücktritt hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack", sagte WestLB-Analyst Sebastian Zank. Aus seiner Sicht verliert das Unternehmen mit Claassen eine Antriebsfeder, die Solar Millennium auf ein anderes Geschäftsniveau hätte heben können. Es dürfte einige Zeit brauchen, bis das Unternehmen die bleibenden Sorgen entkräften könne.
Solar Millennium deckt von der Projektentwicklung und -finanzierung, über den Kraftwerksbau bis hin zum Besitz und Betrieb die gesamte Wertschöpfungskette bei solarthermischen Kraftwerken ab. Diese Anlagen konzentrieren mit riesigen Spiegeln das Sonnenlicht, die dabei entstehende Hitze treibt Turbinen an. So entsteht der Strom. Bisher ist Spanien das Schwerpunktland für Solar Millennium. Das Unternhemen ist am spektakulären Wüstenstromprojekt Desertec beteiligt.
Wichtigste Aufgabe in diesem Jahr ist es, die Finanzierung für geplante Riesen-Kraftwerke in den USA mit jeweils mehr als einer Milliarde Euro Investitionssumme zusammen zu bekommen. Die Zeit drängt, da der Bau dann besonders lukrativ gefördert, wenn es noch in diesem Jahr losgeht. Um die Kapitalvermittlung zu verbessern, gründete Solar Millennium dafür zusammen mit dem Bankexperten Wolfgang Gerke am Dienstag ein Vertriebsunternehmen. Bei Solar Millennium gehört es zum Geschäftsmodell, dass die Projekte weit größer als das Unternehmen.
Im vergangenen Geschäftsjahr 2008/09 hatte es seine Erlöse auf gut 153 Millionen Euro fast verfünffachen können. Hinzu kamen Sondererlöse von 48 Millionen Euro durch den Verkauf von Beteiligungen an Kraftwerken. Unter dem Strich blieben 24 Millionen Euro. Im laufenden Jahr soll der Umsatz auf 350 Millionen Euro steigen.
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16.03.2010
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Die Solar Millennium AG ist auf Entwicklung, Bau und Betrieb solarthermischer Kraftwerke mit Schwerpunkt in Spanien spezialisiert. (Foto: Solar Millenium)
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