"Richtig vorgesorgt ist nirgendwo auf der Welt"
Ob die Krisen in Japan und Nordafrika die deutsche Konjunktur bremsen, hält Gert G. Wagner, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), noch nicht für abschätzbar.
Herr Prof. Wagner, Japan, Libyen - können die derzeitigen Krisen ohne Auswirkungen auf die Konjunktur weltweit und in Deutschland bleiben?
GERT G. WAGNER: Das ist im Einzelnen noch schwer absehbar. Libyen liefert nur einen relativ kleinen Anteil des Erdöls. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass sich die revolutionären Ereignisse in Nordafrika auf andere Länder ausbreiten. Ein Übergreifen auf Saudi-Arabien hätte ganz gravierende Konsequenzen für den Ölpreis und würde die Konjunktur erheblich beeinträchtigen. In wieweit Japan Ausstrahleffekte hat, kann im Moment noch nicht verlässlich quantifiziert werden. Es kommt auch darauf an, wie sich die Krise weiter entwickelt. Zwar ist unsere direkte Verflechtung mit Japan nur gering. Aber es gibt über Drittstaaten indirekte Effekte, und japanische Firmen sind in erheblichem Umfang in internationale Produktionsstrukturen eingebunden. Insofern unterschätzen die direkten Verflechtungen die tatsächlichen Abhängigkeiten, in denen Deutschland sich befindet. Auch ein schnellerer Ausstieg aus der Atomenergie kann zu Kostensteigerungen führen und Wachstumseinbußen nach sich ziehen. Das allein darf aber für unsere Atompolitik nicht entscheidend sein.
Gehen von der Finanzwelt noch größere Risiken aus als von der Realwirtschaft?
WAGNER: Das ist sehr wohl möglich. Die Schuldenkrise im Euroraum ist noch nicht überwunden und die Regulierung der Finanzmärkte noch nicht ausreichend vorangekommen. Auch die sehr expansive Geldpolitik in den USA kann zum Entstehen von neuen spekulativen Blasen beitragen. Blasen an den Finanzmärkten können mindestens so real sein wie Naturkatastrophen, das haben wir in der Finanzkrise ja gerade gesehen.
Die deutsche Politik will möglichst schnell aus der Atomkraft aussteigen. Halten Sie das für richtig?
WAGNER: Grundsätzlich spricht viel für den Ausstieg, weil die Bevölkerung in Deutschland das Risiko anders einschätzt als in anderen Ländern. Aber ohnehin wird ein Ausstieg - wie auch Rot-Grün geplant hat - nicht vor 2021 möglich sein. Wir müssen uns allerdings im Klaren sein: Wenn die Atomkraft durch Kohlekraftwerke ersetzt werden sollte, wären die Klimaziele in Gefahr.
Welche Auswirkungen hätte ein schnellerer Ausstieg auf die Strompreise und damit auch auf die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands?
WAGNER: Es wäre mit leicht steigenden Strompreisen zu rechnen. Neuinvestitionen in Kraftwerke und Netze würden eingepreist, zudem würde die Angebotsverknappung zu steigenden Börsenpreisen führen. Preissenkend würde sich der verstärkte Wettbewerb auswirken, der sich durch frei werdende Kapazitäten ergäbe, zudem sänke mit einem hohen Börsenpreis die Umlage für erneuerbare Energien. Auch Stromimporte würden relativ gesehen billiger.
Naturkatastrophen nehmen auch hierzulande zu. Hat Deutschland dafür genug und richtig vorgesorgt?
WAGNER: Richtig vorgesorgt ist, im Grunde genommen, nirgendwo auf der Welt. Denn die Risiken von Elementarschäden sind nicht durch umfassende Versicherungen abgesichert. Sie gehen also einseitig zu Lasten der Betroffenen und des Staates. Dabei wäre eine Versicherungspflicht der beste ökonomische Weg, um vorzusorgen. Es gibt auch die technische Vorsorge, die bei unseren Atomkraftwerken sicher einen hohen Standard erfüllt. Wir haben zudem aus den Überschwemmungskatastrophen in den letzten Jahren gelernt und die tech-nische Vorsorge verbessert. Aber da gibt es nach wie vor viel zu tun.
Sie fordern eine solche Versicherungspflicht schon seit Jahren. Was sollte sie umfassen?
WAGNER: Alle Schäden an Gebäuden, also Wohnhäusern und Wirtschaftsbauten, die von Naturgefahren ausgehen, egal ob von Überschwemmungen, Stark-Regen, Erdbeben oder anderen Ereignissen. Das hätte den Vorteil, dass niemand sagen kann, er sei überhaupt nicht von Schäden bedroht. Wer im Gebirge wohnt, muss keinen Fluss befürchten, der über die Ufer tritt, sehr wohl aber Erdrutsche oder Steinschlag. Von Stark-Regen können alle betroffen sein. Da lässt sich kein Gebiet mehr ausschließen. Das Risiko von Erdbeben ist in vielen Gebieten gering, entlang des Rheingrabens aber durchaus nennenswert.
Sollen eine solche Elementarschaden-Versicherung staatliche oder private Unternehmen anbieten, und können sie die Risiken überhaupt kalkulieren?
WAGNER: Das sollten und können private Versicherer übernehmen, die im Wettbewerb stehen. Sie sind es gewohnt, Gefahren abzusichern, die noch viel schwerer zu kalkulieren sind. Beispielsweise ist die Unfallwahrscheinlichkeit eines neuen Flugzeuges kaum kalkulierbar. Und es wird trotzdem versichert. Das funktioniert quasi durch Versiche-rungen auf Gegenseitigkeit. Versicherungen schließen gewissermaßen eine Wette ab und machen in bestimmten Jahren hohe Gewinne, in anderen Verluste, weil eine bestimmte Gefahr eingetreten ist.
Was würde eine solche Versicherung gegen Naturgefahren kosten?
WAGNER: Nicht sehr viel mehr, als heute eine Wohngebäudeversicherung kostet. Da geht es im Durchschnitt nur um wenige hundert Euro pro Jahr für ein Einfamilienhaus. Die Prämien sollten differenziert sein je nach der Lage. Jemand im hochwassergefährdeten Gebiet sollte mehr zahlen als jemand an einer weniger riskanten Stelle.
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Autor: DIETER KELLER | 23.03.2011
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Experte Gert G. Wagner. Foto: DIW
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