Pillen-Sparrezepte zeigen Wirkung
Berlin. Erstmals seit Jahren sinken die Ausgaben der Krankenkassen für Arzneimittel. Trotzdem will Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr die Zwangsrabatte von Pharmaherstellern und Apotheken nicht senken.
Die Sparrezepte gegen explodierende Arzneimittelausgaben zeigen Wirkung: 2011 sanken die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Medikamente um 2,8 Prozent auf 27,1 Mrd. EUR. Das ergaben Berechnungen des Deutschen Apothekerverbands (DAV). Zusätzlich sparten die Kassen nach seiner Schätzung 1,4 Mrd. EUR durch Rabattverträge ein. Die Zahl der Arzneimittelpackungen blieb mit 731 Millionen praktisch unverändert.
In Baden-Württemberg war der Rückgang mit 3,6 Prozent sogar noch etwas höher: Mit 3,19 Mrd. EUR gaben die Kassen nach Angaben des Landesapothekerverbands gut 117 Mio. EUR weniger für Pillen und Salben aus als 2010.
Lange Jahre waren die Ausgaben für Arzneimittel deutlich schneller gestiegen als für die Ärzte. Dass dies gestoppt ist, hat mehrere Gründe: Für zahlreiche Medikamente laufen die Patente aus. Dann können andere Hersteller preisgünstigere Generika (Nachahmerprodukte) auf den Markt bringen.
Zudem sind die Sparmaßnahmen erfolgreich, die Philipp Rösler (FDP) 2010 als Gesundheitsminister durchgesetzt hatte. Das traf zum einen die Apotheken. Sie erhalten einen Festzuschlag pro Packung, der seit 2004 unverändert 8,10 EUR beträgt. Ihre Spanne ist also unabhängig vom Preis des Medikaments. Hierauf müssen sie allerdings den Kassen einen Zwangsabschlag gewähren. Er wurde für 2011 und 2012 von 1,75 EUR auf 2,05 EUR erhöht. Allein dies sparte den Kassen nach Angaben des DAV im letzten Jahr 1,2 Mrd. EUR. Zum anderen erhöhte Rösler im August 2010 den Zwangsrabatt der Hersteller für Medikamente, für die kein Festbetrag gilt - dies sind überwiegend die patentgeschützten - von 6 auf 16 Prozent. Das kostet sie nach Angaben des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA) 1,4 Mrd. EUR im Jahr. Dies geschah im Vorgriff darauf, dass Hersteller und Kassen neuerdings die Preise für neue Medikamente aushandeln müssen, um je nach ihrem Nutzen Einsparungen zu erzielen.
Der VFA hatte sich dagegen gewehrt, weil dies die Industrie Milliarden zu kosten droht. Allerdings sind die Verhandlungen erst angelaufen und mühsam; bis es Ergebnisse für eine größere Zahl von Präparaten gibt, braucht viel Zeit.
Alle diese Sparmaßnahmen stellt auch Röslers Nachfolger Daniel Bahr (FDP) nicht in Frage - im Gegensatz zu Gesundheitspolitikern der Union. Sie forderten jetzt, den Zwangsabschlag der Apotheken ab 2013 wieder auf 1,75 EUR pro Packung zu senken, während die Kassen eine Erhöhung auf 2,30 EUR verlangen. Zudem wollte die Union die Kriterien für die Preisverhandlungen mit den Kassen lockern. Die Preise für Medikamente sind in Deutschland häufig deutlich höher als in anderen EU-Ländern. Bahr lehnte alle Forderungen strikt ab - ganz entgegen dem Vorurteil, die FDP sei besonders industriefreundlich.
Auch am erhöhten Herstellerrabatt hält er fest. Er muss jährlich überprüfen, ob er noch angemessen ist. "Vor dem Hintergrund der konjunkturellen Unsicherheiten und der zu erwartenden Ausgabenentwicklung" der Kassen sei er weiterhin gerechtfertigt, um ihre finanzielle Stabilität zu sichern, sagt Bahr. Das erboste den VFA: Der Zwangsrabatt sei mit ihrer schlechten Lage in der Krise begründet worden. Tatsächlich machten die Kassen und der Gesundheitsfonds nun Überschüsse in Milliardenhöhe. Trotzdem dürfte sich am Zwangsrabatt bis Juli 2013 nichts ändern. Dann läuft er automatisch aus.
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Autor: DIETER KELLER | 04.02.2012
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Eine Apothekerin in Köln sucht nach einem Medikament. Die Ausgaben für Arzneimittel in Deutschland sind zuletzt gesunken. Foto: dpa
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