Perspektive für die Jugend

Stuttgart.  Die IG Metall protestiert morgen in fünf baden-württembergischen Städten gegen befristete Übernahmen. Die Unternehmen betonen, dass die "bedarfsgerechte Ausbildung" nicht angetastet werde.

Wir leben über unsere Verhältnisse - so liest es auch Jörg Hofmann ständig in den Zeitungen. Doch der Chef der IG Metall Baden-Württemberg sieht das Gegenteil: "Wir leben unter unseren Verhältnissen." Zumindest beim beruflichen Nachwuchs leiste man sich eine Verschwendung von Möglichkeiten und Ressourcen. Der IG Metall-Chef meint damit, was die Gewerkschaft generell verstärkt anprangert: die so genannten prekären Arbeitsverhältnisse - also befristete Jobs, Zeitarbeit, Praktika.

In fünf Städten Baden-Württembergs wird die IG Metall morgen für ihr Anliegen werben: ausreichend Ausbildungsplätze, faire Bezahlung und eine unbefristete Übernahme nach der Lehre. "Die Jugend darf nicht zum Opfer der Krise werden," sagt Bezirksleiter Hofmann. Ausbildung und prekäre Arbeitsverhältnisse sind für ihn zwei zentrale Punkte künftiger Gesellschafts- und Tarifpolitik.

Selbst in Baden-Württemberg sehen die beruflichen Perspektiven für die Schulabgänger nicht besonders rosig aus, sagt Hofmann und belegt dies mit drei Beispielen:

6700 junge Leute verlassen die Schule ohne einen Abschluss.

In der Metall- und Elektroindustrie ist die Zahl Ausbildungsverträge 2009 um 7 Prozent zurückgegangen, in diesem Jahr noch einmal um rund 9 Prozent.

Nur jeder vierte Metaller-Lehrling wird derzeit unbefristet übernommen, 63 Prozent bekommen einen befristeten Vertrag, 11 Prozent werden nicht übernommen.

Das soll besser werden, und dafür geht die IG Metall morgen auf die Straße. Lea Marquardt, die Jugendsekretärin sagt, warum: "Die jungen Menschen haben ein Recht auf Perspektive."

Die eben von der Bundesregierung angekündigten Sparmaßnahmen liefern der IG Metall weitere Munition zur Mobilisierung. Hofmann nennt die im Sparpaket geplante Lastenverteilung eine "Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit" und die sicher "unseren Widerstand auslösen wird". Zuerst soll das Paket aber in den Betrieben vorgestellt und diskutiert werden.

Bei Hofmanns Tarifpartnern, den baden-württembergischen Metall-Unternehmen, sieht man die Situation im Ausbildungsbereich ganz anders. Hubertus Engemann, Pressesprecher von Südwestmetall, stellt zunächst fest, dass die "bedarfsgerechte Ausbildung" auch in der Krise unangetastet bleibe. Bedarfsgerecht bedeutet: So viele Azubis wie das Unternehmen auch tatsächlich beschäftigen kann. Die Ausbildung über den eigenen Bedarf werde dagegen zurückgefahren.

Südwestmetall hat 2009, also auf dem Höhepunkt der Krise, seine 1000 Mitgliedsfirmen befragt und von 890 Antwort bekommen. Demnach wollten 51 Prozent ihre ausgelernten Azubis unbefristet und 39 Prozent befristet übernehmen; dass 10 Prozent nicht übernommen wurden, geschah demnach auf Wunsch der Lehrlinge selber - weil sie andere Pläne hatten.

Die IG Metall macht sich für "verbindliche Regeln" für eine Übernahme der Azubis stark, sagt Hofmann. Die jüngste tarifliche Vereinbarung genügt ihm nicht: Lehrlinge können bis zu fünf Jahre zu Weiterbildung oder Studium aussetzen und danach wieder zurückkehren.

Die Metallfirmen im Südwesten sind laut Engemann derzeit produktionsmäßig zu 79 Prozent ausgelastet; 88 Prozent wären aber nötig, um das Personal voll zu beschäftigen. Nachdem zuerst die Kurzarbeit (im Dezember 134 000) abgebaut wird, werde erst dann wieder verstärkt neu eingestellt und ausgebildet, wenn "es belastbar und zeitlich gesichert nach oben geht". Das sei derzeit noch nicht der Fall: "Die Krise ist noch nicht ausgestanden."


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Autor: HELMUT SCHNEIDER | 09.06.2010

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