Migranten als Meister

Handwerksmeister mit ausländischen Wurzeln sollen Vorbilder sein und Multiplikatoren. Dieser Rolle gerecht zu werden ist aber nicht einfach: Die Anerkennung ihrer Qualifikationen ist nicht einheitlich geregelt.

DANA HOFFMANN |

Am Anfang sei es schwierig gewesen, sagt Mustafa Kilic. Hunderte Briefe und unverbindliche Angebote habe der Ulmer Bauunternehmer und Maurermeister schreiben müssen, bevor der erste Kunde anrief. "Deutsche Handwerker haben es leichter", glaubt der gebürtige Türke. Denn deutsche Betriebe bestehen häufig seit mehreren Generationen. "Vielleicht hat einige auch der Name abgeschreckt", vermutet Kilic. "Es gibt immer noch Berührungsängste und Vorurteile."

Das bestätigt auch Selcuk Ceyhan, Geschäftsführer des Unternehmerverbandes Alb-Donau (ADUV). "Es besteht außerdem eine gewisse Distanz zwischen deutschen und zum Beispiel türkischen Unternehmern." Dies zu ändern ist das Hauptziel des ADUV, der sich um die Belange ausländischer Unternehmer in der Region kümmert, zwischen Kammern und Firmen vermittelt oder Seminare anbietet. "Für viele ist das deutsche System erstmal kompliziert, vor allem, wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist", sagt Ceyhan. Die Sprache sei der Schlüssel zur Nachhaltigkeit ausländischer Betriebe - damit auch Türken, Polen oder Kroaten später von Traditionsunternehmen sprechen können.

Kilic hat vorgesorgt: Sein Sohn Zeynel ist Lehrling bei ihm. Kilic selbst war als Jugendlicher nach Deutschland gekommen, lernte Deutsch, machte die Gesellenprüfung, dann den Meister. 2003 gründete er seinen Betrieb. "Ich habe auch meinem Sohn dazu geraten, die Meisterschule zu besuchen", sagt Kilic. "Ansonsten hast du in Deutschland keine Chance." Ohne Meistertitel keine Selbstständigkeit, so heißt nach wie vor in vielen Gewerken die Regel. Kilic findet den Meisterzwang in seiner Branche sinnvoll: "Viele würden pleite gehen, weil sie Fehler machen würden. Man muss sein Handwerk beherrschen", sagt er.

In der Türkei und den meisten anderen Ländern gibt es keine vergleichbare Qualifikation, entsprechend schwer ist es für Migranten, in der Bundesrepublik wirtschaftlich Fuß zu fassen: Die Anerkennung von Bildungs- und Berufsabschlüssen ist nicht einheitlich geregelt und liegt größtenteils im Ermessen der Kammern.

Das soll sich aber bald ändern: Im März hat die Regierung einen Gesetzentwurf verabschiedet, nach dem die Anerkennung von Qualifikationen vereinfacht werden soll. "Rund 300 000 Menschen vor allem aus Nicht-EU-Ländern werden von der gesetzlichen Neuregelung profitieren", heißt es in einer Pressemitteilung. Das Gesetz soll zunächst für die 350 Ausbildungsberufe gelten, für die der Bund zuständig ist, dazu zählt auch das Handwerk. Ob die Länder die Regelungen auch für Berufe in ihrer Zuständigkeit, etwa Ingenieure oder Lehrer, übernehmen werden, ist noch nicht klar.

23 000 neue Meister und Techniker erhofft sich die Regierung durch diesen Schritt. Allerdings sieht der Entwurf des so genannten Anerkennungsgesetzes lediglich einen Rechtsanspruch auf Bewertung der im Heimatland erworbenen Qualifikationen binnen drei Monaten vor - nicht jedoch auf Anerkennung, wie der Name verspricht.

Andere Bundesinitiativen wie etwa diejenige zur Förderung von ausländischen Auszubildenden tragen dagegen bereits Früchte: 12 Prozent aller Lehrlinge in Baden-Württemberg haben keinen deutschen Pass. Besonders gefragt seien das Friseurhandwerk, die Gastronomie und das Baugewerbe.

Wieviele Meister mit Migrationshintergrund es gebe, habe man hingegen nicht erfasst, sagt Stefan Schütze vom Baden-Württembergischen Handwerkstag. "Aber es ist durchaus wichtig, dass auch Ausländer ausbilden. Sie sind für das deutsche Handwerk eine gute Werbung und wichtige Multiplikatoren." Viele ausländische Jugendliche wüssten schließlich gar nicht um die Vielseitigkeit von handwerklichen Berufen. Angst vor Parallelstrukturen, wenn türkische Meister türkische Lehrlinge ausbilden und sich in Migranten-Vereinen organisieren, hat Schütze jedoch nicht: "Ich denke, dass der positive Effekt klar überwiegt."

Das Bauunternehmen Kilic hat 15 Mitarbeiter, davon 7 Lehrlinge. Sie alle sind Türken. Das habe sich so ergeben, meint der Chef. "Früher hatte ich auch mal deutsche Mitarbeiter." Aber auch heute noch werde auf Kilic-Baustellen Deutsch gesprochen.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Umfrage: Internet auf der ...

Stiller Ort zum Surfen: Die Toilette. Foto: Monika Skolimowska

In der einen Hand das Klopapier, in der anderen das Smartphone - für fast jeden Zweiten in Deutschland ist das einer Umfrage zufolge kein Problem. 45 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf der Toilette selten oder regelmäßig im Internet surfen. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr