Maschine braucht Mensch

Industrie 4.0 ist mehr als ein starker Begriff. Das beweist eine Studie des Fraunhofer Instituts. Viele Unternehmen halten Automatisierung und Vernetzung für zentral. Der Mensch wird weiterhin gebraucht.

CAROLINE STRANG |

Sebastian Schlund ist ziemlich erleichtert. Wenn die Ergebnisse beweisen, dass eine Studie einen aktuellen Nerv trifft und damit auch Bedeutung hat, ist das für den Leiter des Competence Center Produktionsmanagement am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart schon mal eine gute Sache.

So bezeichnet Schlund denn auch als wichtigste Erkenntnis der Untersuchung zu den Produktionsbedingungen der Zukunft, dass "wir schon mittendrin sind in der Automatisierung und Digitalisierung der Produktion". Das sehe man unter anderem daran, dass die rund 500 Unternehmen, die sich per Fragebogen an der Studie des IAO beteiligt hatten, in allen Bereichen - darunter Fertigung, Montage, Logistik - eine zunehmende Automatisierung erwarten. Und dass die meisten Unternehmer ebenfalls für alle Bereiche planen, die IT-Kompetenzen ihrer Mitarbeiter auszubauen.

Die Ergebnisse der Studie wurden erstmals bei den Ulmer Gesprächen im Stadthaus vorgestellt. Ausgerichtet hatte die Veranstaltung das Beratungsunternehmen Ingenics, das auch Auftraggeber der Studie ist. Dessen Vorstandsvorsitzender Oliver Herkommer war überrascht, wie intensiv sich viele Unternehmen mit dem Thema beschäftigen - und dass viele Unternehmen noch gar nicht an dem Thema arbeiten.

So schätzen gerade einmal 6 Prozent der Unternehmen, dass ihre Fähigkeit zu Industrie 4.0 stark ausgeprägt ist. 39 Prozent unterstützen die Aussage, dass entsprechende Fähigkeiten vorhanden sind. Aber mehr als die Hälfte (55 Prozent) gibt zu, dass sie erst noch erarbeitet werden müssen.

Für Sebastian Schlund sind diese Zahlen keine Überraschung. Industrie 4.0 sei ein "toller Begriff, eine tolle Vision, aber gleichzeitig auch fürchterlich gefährlich". Denn darunter fielen konkrete Ansätze und eine industriepolitische Vision. "Es kann alles drunter passen oder gar nichts."

Dabei fehlt es nicht bei allen Firmen an der technischen Infrastruktur. Fast die Hälfte der Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben über zuverlässiges Wlan und Breitband-Internet - eine der Grundvoraussetzungen. Als Hemmnisse sehen die Verantwortlichen am ehesten die fehlende Fähigkeit zur Veränderung innerhalb der Organisation. Das steht mit 31 Prozent knapp vor fehlenden technischen Voraussetzungen.

Die Befürchtungen, dass in den vernetzten Fabriken keine Menschen mehr arbeiten, teilt Schlund nicht. "Ich gehen davon aus, dass jede Menge menschlicher Fähigkeiten weiterhin gebraucht werden", sagt er. "Da ist mir um die Zukunft nicht bange."

Auch Oliver Herkommer bleibt bei diesem Thema entspannt: "Keine Sorge, aus unserer Studie kam klar heraus: Der Mensch als ,Sensor, Aktor und Rechner wird das Produktionssystem der Zukunft betreiben." Er nennt das Beispiel eines "Augmented Employee" - eines erweiterten Mitarbeiters. Dieser werde in der realen Produktion mit virtuellen Informationen unterstützt. "Wir sehen bereits erste Anwendungsbeispiele mit den Google Glasses. Dort spielen wir dem Mitarbeiter direkt die relevanten Informationen vors Auge, damit er mit freien Händen seine Tätigkeiten ausführen kann."

Das ist allerdings für einen Großteil der Unternehmen noch Zukunftsmusik. Es gilt derzeit vor allem, Know-How aufzubauen. Herkommer: "Die Produktionsplanungs- und Steuerungssysteme müssen echtzeitfähig werden. Bei der heutigen Dynamik ist die Produktionsplanung von gestern bereits am nächsten Morgen überholt." Es seien viele Maßnahmen erforderlich, um zeitgemäße Systeme zu integrieren. "Es ist klar, Industrie 4.0 gibt es nur in kleinen Schritten und mit einem bei jedem Unternehmen differenzierten Plan."

Wissenschaftler Schlund empfiehlt, das Thema in jedem Fall ernst zu nehmen, "ob die Unternehmer den Begriff nun mögen oder nicht". Wer Prozesse beobachte, die Umsetzung der Automatisierung vorantreibe und ein bisschen experimentiere, sei am ehesten zu einer qualifizierten Entscheidung darüber fähig, welche Lösungen wirklich einen Mehrwert schaffen. "Man muss sich bewusst werden, dass sich was ändert, dass Digitalisierung in der Fabrik ankommt, man muss aber solange keine Angst davor haben, solange man offen ist und bereit ist, zu lernen."

Arbeitszeit und Ausgleich

Flexibilisierung Die Studie des IAO hat ergeben, dass die Unternehmen auch Auswirkungen auf die Beschäftigungsformen erwarten. 63 Prozent glauben, dass die Arbeitszeitsysteme durch Industrie 4.0 flexibler werden. 55 Prozent gehen davon aus, dass höhere Kompetenzen in diesem Bereich mit individuelleren Formen von Kompensation belohnt werden müssen. 53 Prozent glauben auch, dass Teilaspekte der individualisierten Leistungsbemessung (Ortung) abgelehnt werden, die Mitarbeiter aber ansonsten aktiv mitwirken. cast

SWP

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Warum man mit Energiesparlampen ...

Die modernen Glühlampen sind gut für die Umwelt, weil sie Energie sparen, aber schwierig zum Entsorgen.

Energiesparlampen schonen das Klima, weil sie viel weniger Strom verbrauchen als die alten Glühbirnen. Doch wenn sie zerbrechen, ist Vorsicht angesagt – vor allem, wenn sie Quecksilber enthalten. mehr

Kotzhügel und Zaun: Botschaften ...

Das Tanzen auf den Tischen ist nicht erlaubt. Foto: Felix Hörhager

Der Besuch des Oktoberfestes kann ein großes Abenteuer sein. Damit alles glatt geht, geben einige Botschaften ihren Landsleuten nützlich Ratschläge an die Hand. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr