Jetzt kommen die Jungchefs
Berlin. Knapp 40 und schon Chef? In deutschen Unternehmen keine Seltenheit mehr, sagen Experten. Verkürzte Studienzeiten, Vertrauensvorschuss der Aufsichtsräte - die Verjüngungskur hat unterschiedliche Gründe.
Manchmal sind sie erst Anfang 20: Die Führungskräfte, die zu Karriere-Coach Svenja Hofert in die Beratung kommen, werden immer jünger. "Es geht bei der Beförderung nicht mehr so sehr darum, Zugehörigkeit und Loyalität zu belohnen, sondern Können", sagt sie. "Ich finde, das Alter ist überhaupt nicht entscheidend: Wenn jemand gut für Führungsaufgaben geeignet ist, dann ist er gut für Führungsaufgaben geeignet." Das scheinen viele Unternehmen ähnlich zu sehen.
"Vorstandsvorsitzende von börsennotierten Konzernen treten ihren Posten immer früher an", sagt der Deutschlandchef der Strategieberatung Booz & Company, Klaus-Peter Gushurst. Diese Tendenz sei vor allem im deutschsprachigen Raum zu beobachten - und sie werde weitergehen, auch in den deutschen Aufsichtsräten. Ein besonders krasses Beispiel ist Franz Koch. Der designierte Puma-Chef ist erst 32 Jahre alt.
"Die Aufsichtsräte sind heute eher bereit, jüngeren Vorständen eine Chance zu geben", sagt Gushurst. Den Typ "Alter Haudegen" gebe es unter den Vorstandsvorsitzenden der großen Unternehmen kaum noch.
Trotzdem sei keine "Greenhorn-Truppe" angetreten. "Die meisten Chefs Anfang, Mitte 40 haben schon vor 15 bis 20 Jahren angefangen zu arbeiten und haben einen vielfältigen - meist internationalen - Lebenslauf." Der Trend werde dadurch begünstigt, dass immer mehr Nicht-Deutsche in den Vorstand berufen würden. Sie haben ihre Abschlüsse im Ausland gemacht, und damit früher als hierzulande.
"Die Chance ist einfach größer, dass man mit Anfang, Mitte 40 eine Führungsposition bekommt und nicht mehr erst mit Mitte 50." Die Umstellung auf Bachelor und Master auch in Deutschland werde die Entwicklung weiter vorantreiben.
Der Deutsche Führungskräfteverband beobachtet einen ähnlichen Trend beim mittleren Management. "Die Voraussetzungen, in jungen Jahren Führungsverantwortung zu übernehmen, sind in den letzten Jahren gestiegen", sagt Andreas Zimmermann, Geschäftsführer des Bereichs Sozialpolitik. Das liege unter anderem an den immer flacheren Hierarchien. Die typische "Kaminkarriere", bei der man in einem Unternehmen von Stufe zu Stufe aufsteige, werde immer seltener. Das könne ältere Mitarbeiter frustrieren, sagt Karriereberaterin Hofert. Etwa dann, wenn sie der Meinung seien, die Stelle des jungen Chefs hätte ihnen selbst zugestanden.
Ein junger Vorgesetzter macht allerdings nicht per se alles anders. "Nur weil jemand jung ist, hat er nicht automatisch eine andere Werthaltung als eine alte Führungskraft", sagt Betriebswirt Jürgen Deeg von der Fern-Uni Hagen. Vielmehr variierten Werteinstellungen je nach Branche, unabhängig vom Alter. Deeg sieht einen größeren Unterschied zwischen Chefs und Nicht-Chefs als zwischen jungen und alten Führungskräften.
Das Einstiegsalter von Chefs hänge außerdem stark von der Branche ab. In der Gastronomie könne jemand schon mit Anfang 20 Küchenchef sein. In der öffentlichen Verwaltung hingegen sei der Weg an die Spitze oft sehr lang, erläutert Deeg. In einem statusorientierten und stark hierarchischen Unternehmen wirke ein Vorgesetzter mit 32 jünger als etwa in einer Werbeagentur, sagt Karriere-Coach Hofert. Die Führungsaufgabe steige Jüngeren leichter zu Kopf, weil sie noch nicht so gefestigt seien.
Hier eine Auswahl an jungen Führungskräften in Deutschland:
Daniel Bahr: Der erst 34 Jahre alte Bundesgesundheitsminister ist der Hoffnungsträger der FDP.
Thorsten Reitmeyer: 41-jährig übernahm er 2010 den Vorstandsvorsitz der Comdirect Bank.
Joybrato Mukherjee: 2009 wurde er mit 36 Jahren Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen.
René Obermann: 2006 wurde er Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom - und damit zum damals jüngsten Konzernchef eines Dax-Unternehmens.
Franz Koch: Puma hat den 32-Jährigen an die Spitze des drittgrößten Sportartikel-Unternehmens der Welt als Nachfolger von Jochen Zeitz berufen. Der studierte Betriebswirt Koch ist seit 2007 bei Puma. Er hatte sich als einer von zahlreichen Kandidaten im Rennen um die Nachfolge von Zeitz durchgesetzt, der 18 Jahre an der Puma-Spitze gestanden hatte und nun zur Konzernmutter PPR nach Paris wechselt. Zeitz, der selbst erst 30 Jahre alt war, als er 1993 das Unternehmens in Herzogenaurach als Sanierungsfall übernahm, sieht im Alter des neuen Chefs kein Problem. "Wir sind ein junges Unternehmen und da sollte Alter keine Rolle spielen", sagte er. dpa
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Autor: SWP | 20.06.2011
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Mit 32 Jahren hat Franz Koch bereits die Spitze des drittgrößten Sportartikelunternehmens der Welt erklommen. Foto: dpa
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