In der Krise ist der Wein Luxus

Die Wirtschaftskrise im eigenen Land zwingt Portugals Winzer zu verstärktem Export. Mit ihren Weinen wollen sie auch den deutschen Markt erobern, der besonders begehrt und daher auch umkämpft ist.

HANS GEORG FRANK |

José Maria d"Orey Soares Franco (58) führt voller Stolz durch sein neues Reich. "Duorum" heißt das Weingut, das im Norden Portugals aus dem steinigen Boden der kargen Hänge des Flusses Duoro gestampft worden ist. Im Dienst des eines Konzerns hat Franco 160 Hektar Brachland gekauft, ließ 45 Hektar davon terrassieren und mit Rebstöcken bepflanzen. Das Experiment auf dem Wind umtosten Schiefer hat 2007 begonnen. Hier soll "ein neuer Weinstil" geschaffen werden.

Die ersten Resultate sind vielversprechend, wie so viele der erfolgreichen Kreszenzen des Landes. Einstiegsweine, weiß wie rot, kosten 3,99 EUR; für das rote Premiumprodukt ("Duorum Reserva Vinhas Velhas Tinto") werden 30 EUR verlangt. Ein Teil soll in deutschen Regalen stehen. Der Ausfuhranteil liegt noch bei 5 Prozent, aber die Ausweitung ist beschlossene Sache, "wenn wir den richtigen Agenten finden", sagt Franco.

4,5 Mio. EUR sind bisher investiert für das neue Weingut, gefördert von Portugal und der EU mit 40 Prozent. Nochmals 45 Hektar Rebterrassen, eine Kellerei, die Umwandlung eines verlassenen Bahnhofs in einen Verkostungsraum verschlingen weitere 10 Mio. EUR, auch dafür werden Subventionen erwartet. Doch der Manager hat den Fuß vom Gaspedal genommen, ist bremsbereit geworden: "Als wir begannen, war von der Krise nichts zu spüren, jetzt machen wir einfach langsamer."

Als Teil der João Portugal Ramos-Gruppe hat "Duorum" gute Überlebenschancen. Viele kleine Weinerzeuger dagegen wissen nicht mehr, wie sie im ärmsten Land Westeuropas über die Runden kommen sollen. Arbeitslosigkeit auf über 15 Prozent gestiegen, Löhne gekürzt, Steuern erhöht - in Portugal ist Wein plötzlich zum Luxusgut geworden.

Mit 300 000 Hektar ist der Südwesten des Landes die Nummer 4 in Europa, nach Spanien (1,03 Mio. ha), Frankreich (807 000 ha) und Italien (786 000 ha). Auch wenn der rekordverdächtige Prokopfverbrauch von 150 Litern längst Vergangenheit ist, mit zuletzt 55 Litern war er doch doppelt so hoch wie in Deutschland. Aber weil viele Portugiesen jetzt sparen müssen, verzichten sie auf den gewohnten Trunk, gehen seltener zum Essen in Restaurants und treten auch zuhause kürzer.

Auf diesen Wandel waren viele Weinerzeuger nicht vorbereitet. Nun, da der heimische Markt weg bricht, wollen sie exportieren, auch nach Deutschland, wo weniger als die Hälfte des Weins aus heimischen Kellern kommt und viel Gled vermutet wird. Paolo Amorim (54), Chef des Handelskonsortiums "Global Wines", hat hier schon Fuß gefasst. Sein Bestseller mit 150 000 Flaschen ist der rote "Astrolabinum" für 9 EUR, von dem die Hälfte durch deutsche Kehlen rinnt. Amorim kennt sich aus in Alemanha, er hat in Heidelberg Jura studiert, in Stuttgart gekellnert. Er verhandelt mit Lidl und setzt seine Ware palettenweise ab; gerade lässt er 17 820 Flaschen an den Discounter schicken.

Keine Ahnung hat Antonio Simoes (55) vom " Casa da Passarela", das Abnehmer in Deutschland finden möchte. Wie das funktioniert, kann Simoes nicht erklären. Er weiß auch nicht, dass ein Online- Händler in Stuttgart einen Passarela-Wein für 6,90 EUR bereits anbietet.

Ratlosigkeit sind keine Rarität in der Westecke der iberischen Halbinsel. Zwischen 2000 und 5000 EUR erlösen Winzer von einem Hektar. Zum Vergleich: Württembergs Weingärtner rechnen mit 7000 bis 13 000 EUR. In Portugal ist die Lage vieler viticultores so prekär, dass sie Flaschen und Etiketten nur gegen Vorkasse bekommen. Vor 10 Jahren war das Kilo allerbester Trauben noch 2 EUR wert, heute gibt es dafür mitunter nur noch 20 Cent. Neue Reben stehen jetzt im Ertrag. Aufwendig planierte Terrassen könnten die Arbeit erleichtern. Doch mit dem vinho aus Portugal lassen sich nicht so leicht Geschäfte machen. Der Wein muss oft unter Preis verkauft werden, damit die Lager für die nächste Ernte leer sind. "Viele Winzer sind verzweifelt", sagt Amorim.

"Wir haben kein Image, nirgendwo auf der Welt", klagt Weinbauberater Rui Walter da Cunha (40). Einzig der liebliche Rosé von Matheus ist einigermaßen bekannt - aber er ist für die Weine des Landes genauso untypisch wie Liebfrauenmilch für Deutschland. Für die Vermarktung, gerade in Deutschland, sei viel zu wenig getan worden. In guten Zeiten wurde nicht an effektiven Export gedacht. "Wir haben unter dem Bananenbaum geschlafen", sagt Cunha. Er schätzt, dass in der Douro-Region ein Viertel der Betriebe aufgeben muss.

Den Bekanntheitsgrad zu mehren, wurde 1998 die Dachorganisation ViniPortugal gegründet. 7 Mio. EUR stehen für die Werbung zur Verfügung, doch eine schlagkräftige Organisation lässt sich damit offenbar nicht bezahlen. Von den Repräsentantinnen erfährt der Reporter zwar allerlei Details aus dem Familienleben, aber Basiszahlen über Anbau und Absatz liegen auch nach drei Wochen noch nicht vor.

Im eigenen Land sind die Möglichkeiten eines besseren Marketings nicht ausgeschöpft. Eine itenisve Zusammenarbeit mit Touristikern ist nicht erkennbar, dabei ließen sich im spektakulären Duorotal viel mehr Urlauber für portugiesischen Wein erwärmen. Die Weinregion am Fluss mit den grenzenlos scheinenden Rebgärten gehört zum Weltkulturerbe der Unesco, doch damit wird kaum geworben. Auch "Duorum" ist unweit eines Weltkulturerbes - der prähistorischen Felszeichnungen im Côa-Tal - angelegt, doch dem Manager ist das keine Silbe wert. Einzig im Museum des Weinguts "Quinta da Ervamoira" (gehört zum Champagnerkonzern Roederer) werden die Petroglyphen gewürdigt - doch das Anwesen ist nur über abschreckende Holperpisten zu erreichen.

Laura Menges (24), Sommeliere aus Rauenberg bei Heidelberg, hat die Weine aus Portugals Norden probiert. "Von den Weißweinen bin ich positiv überrascht", sagt sie, "sie sind sehr ordentlich, komplex, mineralisch". Doch auf den deutschen Markt sollen vor allem die Rotweine geschickt werden. "Sie sind zum Teil sehr, sehr säurebetont und recht dünn, nicht vollmundig, nicht samtig, eher frisch, fast spritzig - stark erklärungsbedürftig." Deutsche Winzer hätten wohl nichts zu befürchten, glaubt die Expertin. "Bevor Portugal ins Spiel kommt, werden Frankreich, Italien und Spanien dominieren."

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr

YouTube-Star Moritz Garth ...

Justin Bieber war der erste, der noch nicht ganz so bekannte Moritz Garth will ihm folgen. Musiker, die auf der Onlineplattform Youtube Erfolge feiern, wagen sich auch in die richtigen Charts vor. mehr