Hart aber herzlich

Bietigheim.  Klaus Fuchs ist seinen Produkten aus Stahl tief verbunden und sieht in dem Werkstoff auch nichts Kaltes und Emotionsloses. Dennoch ist der Chef von Bessey abgehärtet - die Branche verlangt es.

Für das Stahlziehen ist viel Kraft notwendig. Ohne jede Wärmebehandlung wird etwa kalter Stahl durch eine winzige Öffnung bis auf sieben Meter Länge gezogen. Stahl ist laut Lexikon nichts anderes als schmiedbares Eisen, als Produkt hart und kalt. Wer könnte an der Spitze der Bessey Gruppe in Bietigheim sitzen, die Stahl zieht, schält und schleift, wie es in der Branchensprache heißt? Ein kantiger, muskelbepackter Grobian in Hosenträgern? Klaus Fuchs ist natürlich nicht so. Der Geschäftsführende Gesellschafter trägt Krawatte und Hemd, eine rahmenlose Brille, lässt einen ausreden, lächelt freundlich und zeigt Humor.

Fuchs sieht auch in dem Werkstoff nichts Emotionsloses. "Aus dem toten Produkt wird etwas Lebendiges und Spannendes", sagt er. "Schreiner leben zum Beispiel regelrecht mit unseren Schraubzwingen und vererben sie weiter." Bessey ist Weltmarktführer bei hochwertigen Spann- und Schneidewerkzeugen wie Schraubzwingen und Blechscheren und stellt außerdem Präzisionsstahl her.

"Ich habe eine große Verbindung zu den Produkten und sehe nicht nur den harten Stahl, aus dem sie gemacht sind", ist dem 55-Jährigen wichtig. Das liegt auch an den Kunden und Lieferanten, die er zum Teil seit langem persönlich kennt und die für ihn hinter den Produkten stehen. Bessey verkauft hauptsächlich an Autobauer und -zulieferer wie Bosch und Behr. Aber auch die Möbel-und Chemiebranche, der Maschinen- und Apparatebau sind Abnehmer. "Kein in Deutschland hergestelltes Automobil kommt ohne Stahl von Bessey aus, ob im Getriebe, Bremssystem oder beim Dieseleinspritzer, überall, wo höchste Präzision und Haltbarkeit gefragt sind", wirbt Fuchs. 1600 Produkte verkauft das Unternehmen. Stahl sei "hochinteressant".

In der deutschen Sprache wird mit dem Werkstoff allerdings meist Negatives verbunden. Wer etwa durch ein Stahlbad geht, durchlebt Furchtbares. Doch das hat Fuchs mit seinem Unternehmen an der Enz noch nie erlitten. Der Firmenleiter spricht lieber von einem Wechselbad der Gefühle, das ihm Krisenzeiten bescheren. "Ich bin in der Stahlwelt groß geworden und zum Teil abgehärtet." Ein Wunsch nach Kontinuität in der Branche sei unrealistisch, die Ausschläge werden immer extremer. "Die Fundamentaldaten stimmen aber bei uns im Unternehmen."

Eine Krise empfindet Fuchs als "persönliche Niederlage". "Ich will das Unternehmen so führen, dass es funktioniert. Sonst frage ich mich ständig, ob ich alles getan habe, was möglich war." Mitarbeiter zu entlassen, ist für ihn der letzte Schritt - und besonders schwierig. Vielleicht auch, weil es bei Bessey "völlig branchenuntypisch" keine Fluktuation gebe. "Bei uns ist es üblich, erst mit der Rente das Unternehmen zu verlassen. Deswegen gibt es viele jüngere Mitarbeiter, die schon ihr 25jähriges Firmenjubiläum feiern", erzählt der Geschäftsführer. "Manchmal denke ich, dass es bei uns fast zu gut ist, aber das ist natürlich Quatsch." Bei nur 300 Mitarbeitern kenne er viele Beschäftigte gut.

Fuchs: "Andererseits wecken Krisen auch den Kampfgeist. Wenn alles gut läuft, ist die Verbindung zum Unternehmen nicht so stark. Das ist wie im Privaten, in Krisenzeiten ist man gefordert und die Verbindung ist stärker."

Neben der Arbeit findet der Schwabe nur noch wenig Zeit. Den Squash-Schläger hat er vor zwei Jahren in die Ecke gestellt, die Taucherflossen vor fünf. Das Fahrrad wurde von ihm vor zwei Jahren entsorgt, weil es so alt war. "Nur das Wandern ist mir noch geblieben."

Besonders das Tauchen vermisst Fuchs. "Einfach abtauchen zu können, alles an der Wasseroberfläche hinter sich zu lassen, ist gut." Man bekomme den Kopf frei. Außerdem ist der Team-Gedanke beim Tauchen für ihn attraktiv. Allein nach unten zu gehen, ist gefährlich. Beim gemeinsamen Tauchen fällt sofort auf, wenn jemand ein Problem hat. Das gilt auch für das Unternehmen. Seit April diesen Jahres ist Fuchs geschäftsführender Gesellschafter. Ihm zur Seite steht aber Carsten Spang, zuständig für das Geschäftsfeld "Tools" und Mitglied der Geschäftsleitung. "Wir finden sehr oft einen gemeinsamen Nenner. Es wäre riskant, in Krisensituationen wichtige Entscheidungen nur von einer Person treffen zu lassen."

Die Stahlbranche unterscheidet sich dabei laut Fuchs nicht von anderen Bereichen - auch wenn das Material härter ist.


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Autor: THOMAS VEITINGER | 12.11.2011

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