Handgeld vom Gas-Konzern
Stuttgart. Der Energiekonzern ENBW ködert Schornsteinfeger mit Geldprämien für Neukunden. Verraten die Männer in Schwarz damit ihren Status als Amtsperson? Nach scharfer Kritik legt die ENBW das Modell auf Eis.
Glücksbringer hin oder her: Es gibt beliebtere Berufe als den des Schornsteinfegers. Hausbesitzern und Anhängern der freien Marktwirtschaft ist das "Kehrmonopol" der Männer in Schwarz schon lange ein Dorn im Auge. Die Branche der Heizungsbauer lauert ohnehin nur darauf, der staatlich bestellten Konkurrenz Kunden abzujagen. Doch erst 2013 fällt das umstrittene Monopol der Bezirksschornsteinfeger endgültig (siehe Infokasten).
Doch der Weg in die Privatwirtschaft ist voller Tücken: Weil der Energiekonzern ENBW nun versucht hat, die Schornsteinfeger für seine Zwecke einzuspannen, hagelt es Kritik. Stein des Anstoßes ist eine Marketing-Offensive der ENBW Gas GmbH. Sie will Schornsteinfeger zu Agenten in eigener Sache machen: Wer in Beratungsgesprächen einen Kunden davon überzeugt, sein Erdgas künftig bei der ENBW zu beziehen, bekommt pro Vertragsabschluss einen Bonus von 60 EUR. Rund 200 Schornsteinfeger im Großraum Stuttgart haben das Angebot zum Jahresanfang bekommen, die Bezirksinnung hält die Kooperation für "rechtens und legitim".
Nun ist die Aufregung groß. Der Verbraucherminister und CDU-Fraktionschef Peter Hauk hält die Verquickung von hoheitlichen Aufgaben und privaten Beratungen für "nicht tolerierbar". "Es ist nicht in Ordnung, wenn unter dem Deckmantel des öffentlichen Auftrags private Beratungen gemacht werden", hieß es gestern aus Hauks Ministerium. Zumindest müsse eine solche Veränderung klar kommuniziert werden. "So etwas durch die Hintertür einzuführen, halten wir für falsch."
Auch die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg übt Kritik. "Das ist überhaupt nicht in Ordnung. Der Schornsteinfeger ist eine behördliche Institution und sollte nicht provisionsgeleitet beraten", sagt Evelyn Keßler. Das zuständige Wirtschaftsministerium kündigte gestern an, die Rechtslage genau zu prüfen. Die Staatsanwaltschaft will sogar prüfen, ob ein Anfangsverdacht wegen "Vorteilsannahme" besteht - ein vornehmes Wort für Bestechlichkeit.
Angesichts dieser Bedenken hat die ENBW gestern das umstrittene Programm auf Eis gelegt. "Wir stehen grundsätzlich zu der Kooperation, nehmen aber die Bedenken ernst", teilte der Konzern auf Anfrage mit. Deshalb lasse man die Zusammenarbeit ruhen, "bis Zweifel ausgeräumt sind". "Wir hatten die Kooperation mit der Schornsteinfegerinnung Stuttgart abgestimmt", sagt Konzernsprecher Hans-Jörg Groscurth. Man habe sich auf die Einschätzung der Innung verlassen.
Andere Branchensprecher sehen die Sache anders. Vertreter des Landesinnungsverbands fielen gestern "aus allen Wolken". "Ich habe ebenso wie unser Präsident von solchen Praktiken noch nie gehört", sagt Volker Jobst, Schornsteinfeger in Heidelberg und bei der Landesinnung für Pressearbeit zuständig. "Es kann nicht sein, dass ein Schornsteinfeger einseitige Empfehlungen für einen Konzern abgibt." Die Landesinnung werde ihren Mitgliedern deshalb empfehlen, Provisionsgeschäfte mit der ENBW zu unterlassen. "Wenn 2013 das Monopol gefallen ist, kann man über solche Dinge nachdenken", sagt Jobst.
Die Stuttgarter Kollegen bleiben allerdings bei ihrer Ansicht. "Der Gesetzgeber hat uns erst in diese Situation gebracht", sagt Erwin Schmidt von der Stuttgarter Innung. Einerseits sei man noch bis 2013 an hoheitliche Aufgaben gebunden - andererseits ist das Verbot von Nebentätigkeiten entfallen. In der Übergangsfrist müsse es das Ziel sein, neue Felder und Einnahmequellen zu finden. Die Umsetzung sei jedem Kollegen überlassen, viel Sensibilität gefragt. "Wenn ich dem Kunden etwas aufdränge, mit dem er nicht zufrieden ist, verliere ich ihn." Juristisch sei die ENBW-Kooperation in Ordnung. Es werde nur über Angebote informiert, keine Verträge abgeschlossen.
Auch für das Wirtschaftsministerium ist die Rechtslage alles andere als eindeutig. "Der Bundesgesetzgeber hat im Schornsteinfegergesetz einen Widerspruch geschaffen", teilte das Ministerium auf Anfrage mit. Grundsätzlich dürften Schornsteinfeger jedem Nebenerwerb nachgehen, um sich auf den Wettbewerb vorzubereiten. Andererseits seien sie weiter zur Überparteilichkeit verpflichtet.
Münchner Schornsteinfeger haben derweil einen anderen Weg eingeschlagen: Sie gründeten 2009 mit "Glücksgas" einfach eine eigene Vertriebs-GmbH für Erdgas - und gehen nun ganz auf eigene Rechnung auf Kundenfang. Kartellamt und Behörden hatten keine Einwände.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: ROLAND MÜLLER | 16.02.2010
| Artikel twittern |
|
|
MEISTGELESENE ARTIKEL
Schlecker: Insolvenzverwalter als Hoffnungsträger
Ehingen/Ulm Für die etwa 32.000 Beschäftigten bei Schlecker ist er so etwas wie ein Hoffnungsträger: Arndt Geiwitz, vorläufiger Insolvenzverwalter. Er erteilt "Resteaufkäufern" eine Absage und spricht von "Schlecker 2.0".... mehr
Schiffsunglück: Krisenbewältigung à la Costa
Ulm Das tragische Schiffsunglück der "Costa Concordia" zieht Kreise. Die Kreuzfahrt-Gesellschaft wendet sich an Kunden - mit komischen Sätzen.... mehr
Inferno in der Hechinger Altstadt
Der größte Altstadtbrand der jüngeren Hechinger Geschichte tobte heute Abend in der Markt- und Schlossstraße.... mehr
Haussklave erhängt sich bei Sex-Spiel in Neu-Ulmer Bordell
Neu-Ulm Ein 36-jähriger Hausbediensteter hat sich am Montag im Neu-Ulmer Bordell „Lili M.“ bei einem Sex-Experiment offenbar zu Tode stranguliert.... mehr

ZURÜCK
Kommentare (1)
Deutsches Schornsteinfeger - Monopol aus der...
Forderung der Interessengemeinschaft gegen das Schornsteinfeger - Monopol Sektion Bayern===
Abschaffung der ab 1935 von der nationalsozialistischen Regierung deutschlandweit eingeführten Bezirksschornsteinfeger und Schornsteinfeger-Bezirke
===
Prof. Dr. Michael Hüther - Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft :
"Die Regulierung des Berufs des Schornsteinfegers ist eine klassische Sünde wider Marktwirtschaft und Wettbewerb. ... Der Fortschritt in der Heizungs-, Regelungs- und Überwachungstechnik wird völlig ignoriert, so als lebten wir noch unter den Bedingungen des Jahres 1935.
Joachim Datko - Ingenieur, Physiker
Portal : www.kontra-schornsteinfeger.de
Forum: www.schornsteinfeger-ko.de