Griechen-Pleite würde teuer
Frankfurt. Nur eines ist klar, wenn Griechenland nichts anderes als eine Pleite bleiben würde: Es wird teuer. Seriös lässt sich der Schaden nicht abschätzen, der bei diesem Extremfall auf den Finanzsektor zukäme.
Zumindest einen Hoffnungsschimmer gibt es für die Gläubiger. "Viele Umschuldungen bei Entwicklungs- und Schwellenländern sind seit der Argentinienkrise Anfang des Jahrtausends recht reibungslos verlaufen", sagt Jürgen Matthes, Volkswirt am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Ob dies auch ein Zeichen ist für die zermürbenden Gespräche um einen freiwilligen Schuldenverzicht von Banken und anderen privaten Gläubigern in Athen ist allerdings völlig offen. Genau so unklar ist, welche finanziellen Folgen ein Schuldenschnitt oder eine Pleite Griechenlands für deutsche Banken und Versicherer, für Privatanleger und auch für den Steuerzahler hätte. Auch über die Konsequenzen für die Europäische Zentralbank (EZB) wird spekuliert. Sicher aber ist, sagen Volkswirte: Es wird teuer.
Mit 200 Mrd. EUR steht Athen bei privaten Gläubigern wie Banken und Versicherungen, vermutlich auch bei wenigen Privatanlegern in der Kreide. Rein rechnerisch entfallen nach Angaben der Bundesbank davon Forderungen von 28 Mrd. EUR auf deutsche Banken, gut 2 Mrd. EUR auf Versicherer. Allerdings haben die Institute ihre Engagements schon zu großen Teilen abgeschrieben.
Die Deutsche Bank sitzt nach Angaben von Bank-Chef Josef Ackermann noch auf Griechenland-Bonds im Volumen von 874 Mio. EUR, bei der Commerzbank sind es 1,4 Mrd. EUR. Bei den Landesbanken dürften es 750 Mio. EUR sein, bei der DZ Bank etwa 400 Mio. EUR. Das größte Problem steckt bei der FMS Wertmanagement, der "Bad Bank" der verstaatlichten Hypo Real Estate in München. Sie sitzt auf Griechenland-Anleihen von 8,8 Mrd. EUR.
Im Blick auf einen Schuldenschnitt sei das für die Institute nicht existenzgefährdend, sagt Bundesbank-Vize-Präsidentin Silke Lautenschläger. Das Volumen sei "nicht groß genug, um in Panik zu verfallen oder sich große Sorgen zu machen". Den einen oder anderen werde ein Schuldenschnitt aber "etwas" kosten.
Was dies bedeuten könnte, lässt sich allerdings nur schwer beziffern. Die Bundesbank macht offiziell keine Rechnung auf. Klar ist allerdings: Banken in Frankreich mit einem Volumen griechischer Staatsanleihen von rund 40 Mrd. EUR und vor allem in Griechenland selbst mit einem Bestand von rund 50 Mrd. EUR sind in jedem Fall erheblich stärker betroffen. Bei letzteren geht es um die Existenz. Berechnungen über mögliche Kosten für Banken oder Anleger sind nach Ansicht von IW-Experte Matthes schwierig. Denn dies ist unter anderem abhängig von der Laufzeit der Bonds, die in den Büchern stehen, und von ihrer regulären Verzinsung. Bei Zehn-Jahres-Anleihen, die bei Auflegung vor zehn Jahren zum Kurs von 100 gekauft wurden, sieht es bei einem Schuldenschnitt von 75 Prozent unter dem Strich anders aus als bei Bonds, die etwa im vergangenen Jahr mit massiven Abschlägen von extrem risikofreudigen Anlegern gekauft wurden.
Sollte Griechenland in die Pleite rutschen, ist auch nicht unbedingt gesagt, dass das Geld komplett verloren ist. Im Falle von Argentinien gab es langwierige Umschuldungsverhandlungen, an deren Ende mittlerweile gut 90 Prozent der Gläubiger einem Verzicht von fast 77 Prozent zugestimmt haben. Mit den übrigen Fällen befassen sich immer noch die Gerichte. Im Falle von Griechenland besteht aber nach Angaben von Uwe Angenendt, Chef-Volkswirt der BHF Bank, das Problem, dass einige nach griechischem, andere nach britischem Recht gestrickt sind: In einem Fall müssen alle Gläubiger einer Umschuldung zustimmen, im anderen nur die Mehrheit.
Offen ist, was ein Schuldenschnitt oder eine Pleite Griechenlands letztlich den deutschen Steuerzahler kosten würde. Sollte es zu einem Schnitt von 75 Prozent kommen, würde dies den Fiskus mit Blick auf die deutschen Banken mit 9,9 Mrd. EUR belasten, rechnet das Kieler Institut für Weltwirtschaft vor (IfW) vor.
Debattiert wird auch über eine Einbeziehung der Europäischen Zentralbank (EZB) in einen Schuldenschnitt. Seit Mai 2010 kauft sie Papiere der Euro-Krisenstaaten zu jeweiligen Marktpreisen auf. Mittlerweile liegt das Volumen bei 219 Mrd. EUR. Details nennt die EZB nicht. Beobachter sprechen von 55 Mrd. EUR, die auf griechische Staatspapiere entfallen. Das IfW errechnet für die Notenbank bei einem Schuldenschnitt von 75 Prozent einen Verlust von mehr als 26 Mrd. EUR, von dem entsprechend ihres Kapitalanteils an der EZB die Bundesbank mehr als 7 Mrd. EUR zu tragen habe. Die damit vermutlich ebenfalls einen Verlust hinnehmen müsste und nichts an den Finanzminister ausschütten würde. Die Experten der schweizerischen UBS kommen allerdings in einer ähnlichen Rechnung nur zu einem EZB-Verlust von 2 Mrd. EUR. "Die Gemengelage ist sehr, sehr kompliziert", bilanziert IW-Experte Matthes.
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Autor: ROLF OBERTREIS | 10.02.2012
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Die Europäische Zentralbank in Frankfurt lässt sich bei ihrem Bestand an Staatsanleihen nicht in die Karten blicken. Foto: dpa
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