Fast wie im richtigen Leben
Berlin. Die Tarifrunde in der Metallindustrie kommt langsam in Fahrt: Heute beschließt der IG-Metall-Vorstand seine Forderungsempfehlung. Was dann kommen könnte, haben Journalisten schon mal durchgespielt.
Die Sonne ist längst aufgegangen über Berlin, als die Tarifpartner vor die Fernsehkameras treten. Übernächtigt vom Verhandlungsmarathon, aber zufrieden schütteln sie sich die Hand. Der Abschluss gehe für die IG Metall "hart an die Schmerzgrenze", kommentiert ihr Verhandlungsführer, während sich die Chefin der Arbeitgeber freut, die Flexibilität bleibe erhalten.
Bis diese Inszenierung in der Metall- und Elektroindustrie läuft, mit 3,6 Mio. Mitarbeitern Deutschlands größte Industriebranche, dürfte noch einige Zeit dauern. Heute will der Vorstand der IG Metall in Frankfurt erst einmal seine Forderungsempfehlung beschließen. Die Verhandlungen starten Mitte März. Frühestens im Mai ist mit einem Abschluss zu rechnen. Dafür spricht schon, dass die Friedenspflicht erst am 28. April endet. Vor dem 2. Mai sind Warnstreiks nicht möglich. Die gehören aber für die Gewerkschaftsmitglieder in den Betrieben dringend zu den Ritualen einer Tarifrunde, zumal die letzte vor zwei Jahren - mitten in der Wirtschaftskrise - völlig sang- und klanglos ablief.
Wie es in diesem Jahr laufen könnte, haben ein Dutzend Journalisten schon mal geprobt: Das "Tarifplanspiel" des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall soll ihnen einen realistischen Eindruck vom Ablauf und den inhaltlichen Problemen geben. Sie berichten mal nicht, sondern schlüpften selbst in die Rolle von Arbeitgebern und Gewerkschaftern.
Die IG Metall fordert jetzt nicht nur Lohnprozente - vermutlich etwa 6,5 Prozent -, sondern mehr: die unbefristete Übernahme der Lehrlinge und ein Vetorecht des Betriebsrats bei der Zeitarbeit. Genau mit diesen Punkten geht auch im Planspiel die Gewerkschaftsseite in die erste Verhandlungsrunde. Die Journalisten werfen sich voll ins Zeug und malen Plakate für "KAP", die "Konjunktur-Ausgleichs-Prämie", die sie neben Inflationsausgleich und Produktivitätsfortschritt wollen - ein anderes Wort für "Nachschlag" für das Spitzenjahr 2011.
Ganz wie im richtigen Leben lehnen die Arbeitgeber die Forderung in der zweiten Runde erst einmal ab und lassen sich mit einem Angebot bis zur dritten Zeit: 1,7 Prozent plus 0,5 Prozent Einmalzahlung. Eine solche Aufteilung ist gerade bei ihnen beliebt. Denn nur der erste Teil ist "tabellenwirksam". Er ist also die Basis für die nächste Tarifrunde. "Ein Superangebot", feiert ihre Verhandlungsführerin. "Eine Provokation", kontern die Gewerkschafter.
Sachliche Argumente wie die Aufteilung der Lohnforderung in Komponenten spielen nur in den ersten Runden eine Rolle, berichtet Spielleiter Thomas Vajna, Gesamtmetall-Geschäftsführer im Ruhestand, aus langjährigen Erfahrungen. Am Ende ist alles ein großer Machtpoker. Entscheidend ist die Gesamtsumme. Wobei alle im Hinterkopf haben, dass sie sich in der nächsten Tarifrunde wieder gegenübersitzen. Trotz aller heftigen Sprüche darf keine Seite das Gesicht verlieren.
In der vierten Verhandlungsrunde wird "das Gemüse" abgeräumt, wie Vajna die Nebenthemen nennt. Die Arbeitgeber folgen der Devise: Entgegenkommen im Prinzip, aber mit möglichst vielen Ausnahmen. So sagen sie zwar die unbegrenzte Übernahme nach der Lehre zu, aber nicht, wenn über Bedarf ausgebildet wird. Bei der Zeitarbeit landet die Frage in der Schlussrunde, ob maximal 15 Prozent der Belegschaft Zeitarbeiter sein dürfen oder weniger - ein Teil des Gesamtpakets, das in mühsamen Etappen geschnürt wird. Ein Teppichhandel um jedes Zehntelprozent.
Die Schlussrunde hat nur Erfolgsaussichten, wenn beide Seiten maximal einen Prozentpunkt auseinander sind - wie im Tarifspiel: Am Ende stehen 500 EUR Einmalzahlung für April und Mai sowie 3,4 Prozent ab Juni bei 13 Monaten Laufzeit. Beide Seiten rechnen sich das schön: Macht zusammen 3,9 Prozent, sagen die Gewerkschafter glücklich. Auf 12 Monate bezogen sind es nur 3,5 Prozent, freuen sich die Arbeitgeber. Haben sie doch das Maximum eingehalten, das sie sich zu Beginn selbst gesteckt hatten.
Mit einem solchen Ergebnis wären die Arbeitgeber in der Realität wohl zufrieden. Hat doch Verdi gerade mit der Deutschen Post 4,0 Prozent ausgehandelt, was den Ehrgeiz der IG Metall anstacheln dürfte. Zudem ist der Druck der Gewerkschaftsbasis bei Lehrlingsübernahme und Zeitarbeit groß.
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Autor: DIETER KELLER | 07.02.2012
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