Familie als Erfolgsfaktor
Leonberg. Für Unternehmen wird es angesichts des wachsenden Fachkräftemangels immer wichtiger, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten. Dabei ist vor allem Flexibilität gefragt - auf beiden Seiten.
Hin und wieder plagt Sonja Hornberger schon das schlechte Gewissen. Mal, weil sie als berufstätige Mutter zu wenig Zeit mit ihrem siebenjährigen Sohn verbringen kann. Mal, weil sie in Teilzeit arbeitet und nach Hause geht, während ihre Mitarbeiter weiterarbeiten. Was die Situation nicht einfach macht: Hornberger ist deren Vorgesetzte als Personalleiterin bei Geze in Leonberg.
Weltweit beschäftigt das mittelständische Unternehmen, das Tür-, Fenster- und Sicherheitstechnik herstellt, rund 2100 Mitarbeiter. Geze wird seit über 40 Jahren von einer Frau geleitet. Nach Meinung von Hornberger ist das ein Grund mit dafür, dass sie als Managerin in Teilzeit arbeiten kann. Ein anderer Grund sind ihre Mitarbeiter selbst: "Wenn die nicht mitziehen, funktioniert eine solche Konstellation nicht." Und selbstverständlich ist von allen Beteiligten Flexibilität gefordert. "Darin sind Mütter-Managerinnen unschlagbar." Was Hornberger von ihrer Chefin geboten bekam, gibt sie in ihrer Abteilung anderen Frauen weiter. Aus Sicht berufstätiger Mütter ist das leider die Ausnahme - insbesondere hoch qualifizierten Frauen fehlen oft Möglichkeiten, Beruf und Familie zu vereinbaren.
Das belegen auch die Zahlen: Mehr als 30 Prozent der Akademikerinnen in Westdeutschland bleiben kinderlos; unter den weiblichen Führungskräften haben nur 28 Prozent Kinder. Doch der Wunsch, Beruf und Familie gleichermaßen zu leben, bewegt nicht nur Frauen: 90 Prozent aller berufstätigen Väter und Mütter zwischen 25 und 39 Jahren ist Familienfreundlichkeit ebenso wichtig oder wichtiger als das Gehalt. Unternehmen verschaffen sich im Wettbewerb um Fachkräfte also einen Vorteil, wenn sie in ihrer Organisation Rücksicht auf die Bedürfnisse von Eltern nehmen.
Sonja Hornberger hat zugunsten der Familienfreundlichkeit den Arbeitgeber gewechselt. Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre stieg sie in der Personalabteilung eines Unternehmens ein und wurde schließlich Bereichsleiterin. Dann kam ihr Sohn und die Mutter war drei Jahre als freiberufliche Personalberaterin tätig, "um den Anschluss an den Job zu halten". Anschließend wechselte sie als Personalleiterin in Vollzeit ins Angestelltendasein zurück. Im April 2008 kam dann das Angebot von Geze. "Hätte ich nicht angenommen, wäre ich wohl eine schlechte Mutter gewesen. Aber ich arbeite sehr gerne und möchte etwas bewegen." Denn: Wenn sie zufrieden ist, gehe es auch ihrem Sohn gut.
Die Geze-Personalchefin hat zwei Nachmittage in der Woche frei, besser gesagt, sie ist dann nicht in der Firma. Denn am Handy ist sie erreichbar, und abends, wenn der Sohn im Bett ist, ließt und beantwortet sie E-Mails. "Führung, Organisation und Vertretung sind die wichtigsten Regeln, die eingehalten werden müssen, damit Management in Teilzeit funktioniert." Qualifizierte und engagierte Mitarbeiter, ausgestattet mit den notwendigen Kompetenzen und feste Zeiten, an denen sie nicht im Büro ist, nennt sie als Beispiele.
Es gibt verschiedene Arbeitszeitmodelle, die den Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen. Teilzeit ist dabei am gängigsten und der Gestaltungsspielraum ist groß: Die Arbeitszeit kann sehr gering oder nahe an der Vollbeschäftigung sein. Zudem kann die Teilzeit individuell verteilt werden: Über den einzelnen Tag, die Woche oder das ganze Jahr. Wenn eine Stelle einen ständigen Ansprechpartner erfordert, ist das Jobsharing eine Möglichkeit. Dabei teilen sich meistens zwei Personen eine Stelle.
Eine andere Möglichkeit, Vätern und Müttern entgegen zu kommen, ist die Gleitzeit. Da Arbeitnehmer hier Beginn, Ende und teils auch Dauer der Arbeitszeit selbst bestimmen, lässt sich dieses Modell gut mit den Anforderungen der Familie, etwa den Öffnungszeiten einer Kita verknüpfen. Ähnlich funktioniert auch die Vertrauensarbeitszeit. Während aber in der Gleitzeit die Arbeitszeit erfasst wird, zählt bei der Vertrauensarbeitszeit allein das Ergebnis der Arbeit.
Meist als ergänzendes Instrument setzen familienfreundliche Unternehmen Tele-Arbeit oder "Home-Office" ein. Mit Hilfe moderner Kommunikations- und Informationstechnik wird dabei der Arbeitsplatz verlagert - etwa in die Wohnung des Mitarbeiters, wo auch Abends gearbeitet werden kann.
Auf eine langfristige Planung setzen Lebensarbeitszeitkonten: Arbeitgeber und Mitarbeiter planen dabei einen langen Zeitraum und den Wechsel von längeren Arbeits- und Auszeitphasen. So können beispielsweise in einer arbeitsintensiven Phase Stunden angesammelt und in einer familienintensiven Phase wieder abgebaut werden.
Arbeitgeber, die familienfreundliche Maßnahmen bei sich im Unternehmen umsetzen, tun dies keineswegs aus wohltätigen Gründen. Sie profitieren schlicht davon. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln engagieren sich mehr als 93 Prozent der befragten Unternehmen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, weil sie qualifizierte Mitarbeiter halten und gewinnen möchten. Mit jedem Vater und jeder Mutter sichert sich das Unternehmen Erfahrung und Wissen. Ebenfalls mehr als 93 Prozent gaben in der Studie als Motivation für Familienfreundlichkeit an, dass sich dadurch die Arbeitszufriedenheit erhöhe. Dies hängt wohl unmittelbar mit dem am dritthäufigsten genannten Grund zusammen: Mit der Familienfreundlichkeit erhöhe sich auch die Produktivität, gaben mehr als 80 Prozent an.
Auch langfristig gesehen lohnt sich der Einsatz für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: In Schweden, wo mehr als 80 Prozent der Frauen ihr eigenes Geld verdienen (Deutschland: 70 Prozent), bekommt jede Frau im Schnitt 1,8 Kinder (Deutschland: 1,3). Damit ist Schweden in punkto Geburtenrate auf Platz 1 in Europa und sichert sich so schon die Fachkräfte der nächsten Generation.
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Autor: KATHRIN KONYEN PETER ILG | 04.04.2011
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