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Fähigkeit ist alles, Erbfolge nichts

Die Familie kann sich in Familienfirmen auch als Hemmschuh erweisen, besonders bei der Betriebsnachfolge. Dürr Dental ist das erfreuliche Gegenbeispiel - und Martin Dürrstein, der Chef, weiß das sehr zu schätzen.

HELMUT SCHNEIDER | 0 Meinungen

Der Erfolg ist meist nicht planbar, er kommt oft zufällig. Die Geschichte der Firma Dürr Dental, die der heutige Chef Martin Dürrstein erzählt, ist dafür ein schönes Beispiel. Dürrsteins Großmutter hatte beim Zahnarzt Pech, der Bohrer brach ab, Ersatz war nicht verfügbar, die Behandlung konnte nur mit einem reparierten Instrument abgeschlossen werden. Der Ehemann der Patientin hatte einen kleinen metallverarbeitenden Betrieb, sich aber nie zuvor an einem Zahnbohrer versucht. Der Versuch gelang, und der Gründer war unversehens in eine Marktlücke gestoßen: Dental-Instrumente. Heute, zwei Generationen später, zählt Dürr Dental weltweit zu der Handvoll führenden Firmen in diesem Spezialsegment.

Im Industriegebiet Bietigheims stehen mehrere Gebäude, darunter eine Schulungsstätte, Akademie genannt. Davor Kunst am Bau: Zum Foto lehnt sich der Hausherr locker an die lustig bemalte Zahn-Skulptur. Alles wirkt modern. So versteht Martin Dürrstein auch die Rolle seines Unternehmens: "Wir wollen Innovationen treiben, die besten in unserem Geschäftsfeld sein."

Meilensteine habe man bereits früher gesetzt: In den 50er Jahren die Absaug- und Druckluft-Technologie, in den 60er Jahren ölfreie Kompressoren, danach eine Röntgenfilm-Entwicklungsmaschine, später Kameras und Röntgen-Speicherfolien - alles Dinge, die dem Zahnarzt die Arbeit und dem Patient die Behandlung erheblich erleichtern.

Für technische Dinge hat sich der heutige Firmenchef schon in jungen Jahren interessiert. In Stuttgart hat er das technische Abitur gemacht, in Heilbronn Wirtschaftsingenieur studiert, was Maschinenbau beinhaltet sowie Betriebswirtschaft. Beim Daimler machte er eine Lehre als Industriemechaniker. Heute profitiert er davon. Wenn er mit den 150 Mitarbeitern der Forschung- und Entwicklungsabteilung seiner Firma an technischen Innovationen feilt, ist er nicht nur der strategische Kopf, sondern auch der Mann vom Fach.

Was wie früh maßgeschneidert für die spätere Betriebsnachfolge aussieht, täuscht. Dürrstein, mit drei Brüdern und einer Schwester aufgewachsen, probierte erst einiges aus, durchaus auch Dinge, die man nur mit viel Phantasie als Vorbereitung für eine Manager- und Macher-Karriere deuten wird: Ein halbes Jahr lang war er in Australien und beschäftigte sich mit der Bibel, ein halbes Jahr lang leistete er Sozialarbeit in Indien.

"Das hat mich geprägt", sagt er. Heute, zwanzig Jahre später, sind ethische Grundsätze in allen Unternehmen zu einem wichtigen Kriterium geworden. In der Firma und auch in der Familie galten solche Aspekte schon immer. "Soziale Verantwortung liegt uns am Herzen", sagt er. Dass dies seiner Firma jetzt vom Land Baden-Württemberg offiziell bestätigt wurde, freut ihn ebenso wie der erste Preis des Havard Club of Germany für eine vorbildliche Unternehmens-Übergabe.

Die Auszeichnung honoriert, wie Dürr Dental ein gerade für Familienfirmen zentrales Problem gelöst hat. Die Erbfolge hat ja schon manch florierendes Unternehmen welken lassen. Dominierende Väter und schwache Söhne oder dominierende Väter und dominierende Söhne - beide Konstellationen können schnell Konflikte auslösen, sagt der 41-Jährige. Er aber nennt im nebenstehenden persönlichen Fragebogen seinen Vater als Vorbild.

Vielleicht auch deshalb, weil er ihm früh klar gemacht hat, dass er die Firma nur dem seiner vier Kinder übertragen wird, der dafür geeignet ist. Mehr noch. Er hatte grundsätzliche Zweifel an einer familieninternen Lösung, weil sie die Familie zerstören könnte. Dazu ist es nicht gekommen. Auch eine andere Problem-Konstellation ist reibungslos geklärt worden: Die Firma gehörte zwei Gründerfamilien zu gleichen Teilen; inzwischen ist eine Familie ausbezahlt und ein geeigneter externer Minderheitsgesellschafter aufgenommen worden.

Das alles ist auch in einem übergeordneten Sinne bedeutend. Die Dental-Nische, vor Jahren noch fast ausschließlich eine Domäne von Familienfirmen, ist zum begehrten Objekt von Investoren geworden - siehe zum Beispiel Kavo in Biberach. Für Martin Dürrstein ist dies vor allem Beleg dafür, wie aussichtsreich und attraktiv die Branche ist.

Martin Dürrstein führt die Firma mit zwei externen Managern zusammen. Er pflege einen kommunikativen Führungsstil, bei dem nur das bessere Argument zähle, nicht die Hierarchie. Auch in Führungs- und Personalfragen wollte er sich seine Eignung zuerst selber beweisen. Nach dem Studium fing er in der Firma als Einkäufer an. Ein Einkäufer lernt alles kennen, sagt er: Kunden, Technik, Mitarbeiter. Er war wohl zufrieden mit sich - auch wenn er das in seiner zurückhaltenden Art nicht so sagt.

Die Übernahme der vollen Verantwortung bahnte sich an, als der Vater gesundheitliche Probleme bekam. Der junge Mann arbeitete erst halbtags in der Chefetage mit, durfte und sollte dort eigene Entscheidungen treffen, hatte aber auch noch den Seniorchef als Stütze. Vor acht Jahren hat Martin Dürrstein dann ganz auf dem Chefsessel Platz genommen. Nicht, weil er seines Vaters Sohn war, sondern weil er seine Eignung schrittweise nachgewiesen hat - seinem Vater, vor allem aber sich selbst.

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