Fachärzte suchen Rezept gegen Kliniken

Die Krankenhäuser machen sich immer mehr in der ambulanten Behandlung etwa von Krebspatienten breit, beklagen die niedergelassenen Fachärzte. Dabei herrsche ein unfairer Wettbewerb.

DIETER KELLER | 1 Meinung

Ist die medizinische Versorgung gerade auf dem Land bedroht, weil die Krankenhäuser den spezialisierten Fachärzten immer mehr Patienten etwa bei Krebstherapien wegschnappen und ambulant behandeln? Zumindest gibt es keinen fairen Wettbewerb, beklagen der Vorsitzende des Bundesverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen, Stephan Schmitz, und der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen.

Mehr als 600.000 Patienten versorgen die Krebsspezialisten in den Schwerpunktpraxen jedes Jahr. Wie viele sie davon an Kliniken verloren haben, kann auch Schmitz nicht sagen. Es geht um einen Milliarden-Markt. Gassen schätzt, dass insgesamt 4 bis 7 Mrd. EUR, die eigentlich für ambulante Behandlungen vorgesehen sind, bei den Krankenhäusern landen. Dabei gebe es unnötig viele Klinken. Das sei vor allem viel zu teuer.

Die Krebsspezialisten sind so genervt, dass sie beim Düsseldorfer Volkswirtschafts-Professor Justus Haucap ein Gutachten in Auftrag gegeben haben. Der Ex-Vorsitzende der Monopolkommission zeigt beispielhaft an der Krebsbehandlung auf, dass es zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten unfair zugeht. "Durch die ungleichen Wettbewerbsbedingungen mit Vorteil für die Krankenhäuser findet ein Verdrängungswettbewerb zu Ungunsten der niedergelassenen Fachärzte statt", so sein Urteil.

Schon seit dem Jahr 2000 hat die Politik scheibchenweise die ambulanten Behandlungen für die Krankenhäuser geöffnet. Sie schneiden sich ein immer größeres Stück vom Etat-Kuchen der niedergelassenen Ärzte ab. Dabei können sie Quersubventionierung betreiben, etwa wenn sie teure Geräte nutzen. Solche Investitionen müssen nämlich die Länder finanzieren und nicht die Krankenkassen über die Behandlungskosten, während die Praxisärzte selbst dafür aufkommen müssen. Was zum Teil Theorie ist - die Länder stellen seit Jahren viel zu wenig Geld zur Verfügung, weshalb die Kliniken Probleme haben, große Geräte anzuschaffen. Quersubventionierung erfolgt nach der Analyse von Haucap auch bei den Krankenhausapotheken, seit sie Arzneimittel auch im ambulanten Bereich abgeben dürfen. Dank guter Konditionen machten sie dicke Gewinne.

Zudem hält Haucap Rosinenpickerei für möglich: Die Kliniken könnten sich die Patienten aussuchen und ihnen die Komplettbehandlung bieten, wo ambulant mehrere Fachärzte zusammenarbeiten müssten. Daneben sieht er Anreize, Behandlungen durchzuführen, die eigentlich nicht nötig wären. Andere Patienten, die sich nicht rechneten, könnten sie diskriminieren und an die niedergelassenen Ärzte abschieben.

Letztlich steht der Vorwurf an die Klinikleitungen im Raum, für sie zählten nur Gewinne. "Ein Großteil der Krankenhausärzte leidet unter der Profitorientierung", berichtet Schmitz. Niedergelassene Ärzte seien nicht primär profitorientiert. "In den Konzernen entscheiden Ökonomen, in den Praxen Ärzte", ergänzt Gassen. Allerdings wollen auch die Geld verdienen.

Der Politik wirft Schmitz einen "gesundheitspolitischen Blindflug" vor: Es gebe ständig Reformen, die "im Endeffekt zu einer Stärkung der Krankenhäuser und gleichzeitig zu einer Schwächung der niedergelassenen Spezialisten geführt haben". Ein ordnungspolitisches Konzept sei nicht zu erkennen. "Wir befürchten, dass diese letztlich ungesteuerte Entwicklung zu einer Verdrängung der freiberuflich tätigen Ärzte führt."

1 Kommentar

19.02.2016 09:56 Uhr

Worum geht es eigentlich?..

... um das Einkommen der Ärzte oder die optimale Patientenbehandlung? Es ist ein Trauerspiel, dass man solche Artikel lesen muss und sich Ärzte in Ihrem offenbar nur noch auf ihr Einkommen bgrenzten Blickwinkel neidvoll vor einem womöglichen "Geld-wegnehmen" fürchten. Krankenhäuser werden von Patienten überrannt und seit Jahren in Anspruch genommen (häufig ohne adäquate Gegenfinanzierung!), weil im niedergelassenen Bereich Schwestern wie Höllenhunde auf den pünktlichen Feierabend achten und einfach keine Patienten mehr annehmen, wenn das Terminbuch voll ist. Das sollte sich mal ein Krankenhaus erlauben! Da wird dann mit Strafanzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung gedroht und böse Presse ist gesetzt. Liebe Ärzte, mit eurem Blick auf den pünktlichen Feierabend, großes Boot, Auto, Haus usw. müsstet ihr doch eigentlich endlich mal zufrieden sein. Ein Klinikarzt schrubbt Dienste und ist immer erreichbar und kann sich nicht hinter seiner Schwester am Tresen verstecken, die vollmundig verkündet, es wären keine Termine mehr frei. In welcher Welt leben wir eigentlich inzwischen?

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